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Man kann wohl sagen, daß das heutige Kulturbewußtsein, insofern es sich philosophisch reflektiert, die Idee des Unbewußten und deren Konsequenzen noch nicht aufgenommen hat, obwohl es seit mehr als einem halben Jahrhundert damit konfrontiert ist. Die allgemeine und grundlegende Einsicht, daß unsere psychische Exi stenz zwei Pole hat, bleibt noch immer eine Aufgabe der Zukunft.

Die Auseinandersetzung mit dem Unbewußten

Nach der Trennung von Freud hatte für mich eine Zeit innerer Unsicherheit, ja Desorientiertheit begonnen. Ich fühlte mich völlig suspendiert, denn ich hatte meinen eigenen Stand noch nicht gefunden. Vor allem lag es mir damals daran, eine neue Einstellung zu meinen Patienten zu gewinnen. So beschloß ich, zunächst einmal voraussetzungslos abzuwarten, was sie von sich aus erzählen würden. Ich stellte also darauf ab, was der Zufall brachte. Bald zeigte es sich, daß sie spontan ihre Träume und Phantasien berichteten, und ich stellte lediglich ein paar Fragen: «Was fällt Ihnen dazu ein?» Oder: «Wie verstehen Sie das?» «Woher kommt das?» Aus den Antworten und Assoziationen ergaben sich die Deutungen wie von selber. Theoretische Gesichtspunkte ließ ich beiseite und war den Patienten nur behilflich, die Bilder aus sich heraus zu verstehen.

Schon nach kurzer Zeit erkannte ich, daß es richtig war, die Träume tel quel als Grundlage der Deutung zu nehmen, denn so sind sie gemeint. Sie sind die Tatsache, von der wir auszugehen haben. Natürlich ergab sich durch meine «Methode» eine fast unübersehbare Vielfalt von Aspekten. Mehr und mehr stellte sich das Bedürfnis nach einem Kriterium ein, fast möchte ich sagen: das Bedürfnis nach einer ersten und anfänglichen Orientierung.

Damals erlebte ich einen Augenblick ungewöhnlicher Klarheit, in der ich meinen bisherigen Weg überschaute. Ich dachte: Jetzt besitzest du einen Schlüssel zur Mythologie und hast d ie Möglichkeit, alle Tore zur unbewußten menschlichen Psyche zu öffnen. Aber da flüsterte es in mir: «Warum alle Tore öffnen?» Und schon tauchte die Frage auf, was ich denn eigentlich zuwege gebracht hätte. Ich hatte die Mythen vergangener Völker erklärt, ich hatte ein Buch über den Helden geschrieben, über den Mythus, in dem der Mensch seit jeher lebte. «Aber in welchem Mythus lebt der Mensch heute?» «Im christlichen Mythus, könnte man sagen.» -«Lebst du in ihm?» fragte es in mir. «Wenn ich ehrlich sein soll, nein! Es ist nicht der Mythus, in dem ich lebe.» - «Dann haben wir keinen Mythus mehr ?» - «Nein, offenbar haben wir keinen Mythus

mehr.» - «Aber was ist denn dein Mythus? Der Mythus, in dem du lebst?» Da wurde es unangenehm, und ich hörte auf zu denken. Ich war an eine Grenze gekommen.

1912, um die Weihnachtszeit, hatte ich einen Traum. Ich befand mich auf einer prächtigen italienischen Loggia mit Säulen, Marmorboden und einer Marmorbalustrade. Dort saß ich auf einem goldenen Renaissancestuhl, vor mir ein Tisch von erlesener Schönheit. Er war aus grünem Stein, wie aus Smaragd. Ich saß und schaute ins Weite, denn die Loggia befand sich hoch oben am Turm eines Schlosses. Meine Kinder befanden sich ebenfalls am Tisch.

Mit einem Mal senkte sich ein weißer Vogel herab, eine kleine Möve oder eine Taube. Anmutig ließ sie sich auf dem Tisch nieder, und ich machte den Kindern ein Zeichen, sich ruhig zu verhalten, damit sie den schönen weißen Vogel nicht verscheuchten. Alsbald verwandelte sich die Taube in ein kleines, etwa achtjähriges Mädchen mit goldblondem Haar. Es lief mit den Kindern davon, und sie spielten zusammen in den herrlichen Säulengängen des Schlosses.

Ich blieb in Gedanken versunken und dachte über das nach, was ich soeben erlebt hatte. Da kam das kleine Mädchen zurück und legte mir zärtlich den Arm um den Hals. Dann war es plötzlich verschwunden, die Taube war wieder da und sprach langsam mit menschlicher Stimme: «Nur in den ersten Stunden der Nacht kann ich mich in einen Menschen verwandeln, während der Tauber mit den zwölf Toten beschäftigt ist.» Damit entflog sie in die blaue Luft, und ich erwachte.

Das einzige, was ich über den Traum zu sagen wußte, war, daß er eine ungewöhnliche Belebung des Unbewußten anzeigte. Aber ich kannte keine Technik, um den inneren Vorgängen auf den Grund zu kommen. Was kann eine männliche Taube mit zwölf Toten zu schaffen haben ? Zum Smaragdtisch fiel mir die Geschichte der «tabula smaragdina» aus der alchemistischen Legende des Hermes Trismegistos ein. Er soll eine Tafel hinterlassen haben, auf der die Essenz der alchemistischen Weislieit in griechischer Sprache eingraviert war. Ich dachte auch an die zwölf Apostel, die zwölf Monate des Jahres, die Tierkreiszeichen. Aber ich fand keine Lösung des Rätsels. Schließlich mußte ich es aufgeben. Es blieb mir nichts anderes übrig, als zu warten, weiter zu leben und auf meine Phantasien zu achten.

Damals wiederholte sich eine erschreckende Phantasie: Es war etwas Totes da, das noch lebte. Z. B. wurden Leichen in Verbrennungsöfen getan, und dann zeigte es sich, daß noch Leben in ihnen war. Diese Phantasien gipfelten und lösten sich zugleich in einem Traum:

Ich war in einer Gegend, die mich an die Alyscamps bei Aries erinnerte. Dort befindet sich eine Allee von Sarkophagen, die bis auf die Merowingerzeit zurückgehen. Im Traum kam ich von der Stadt her und sah vor mir eine ähnliche Allee mit einer langen Reihe von Gräbern. Es waren Postamente mit Steinplatten, auf denen die Toten aufgebahrt waren. Dort lagen sie in ihren altertümlichen Kleidern und mit gefalteten Händen wie in alten Grabkapellen die Ritter in ihren Rüstungen, nur mit dem Unterschied, daß die Toten in meinem Traum nicht in Stein gehauen, sondern auf eine merkwürdige Weise mumifiziert waren. Vor dem ersten Grab blieb ich stehen und betrachtete den Toten. Es war ein Mann aus den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts. Interessiert schaute ich mir seine Kleider an. Plötzlich bewegte er sich und wurde lebendig. Er nahm die Hände auseinander, und ich wußte, daß das nur geschah, weil ich ihn anschaute. Mit einem unangenehmen Gefühl ging ich weiter und kam zu einem anderen Toten, der in das 18. Jahrhundert gehörte. Da geschah das gleiche: als ich ihn anschaute, wurde er lebendig und bewegte die Hände. So ging ich die ganze Reihe entlang, bis ich sozusagen in das 12. Jahrhundert kam, zu einem Kreuzfahrer im Kettenpanzer, der ebenfalls mit gefalteten Händen dalag. Seine Gestalt schien wie aus Holz geschnitzt. Lange schaute ich ihn an, überzeugt, daß er wirklich tot sei. Aber plötzlich sah ich, daß sich ein Finger der linken Hand leise zu regen begann.

Der Traum beschäftigte mich lange Zeit. Natürlich hatte ich ursprünglich Freuds Ansicht geteilt, daß sich im Unbewußten Relikte alter Erfahrungen befänden. Träume wie dieser und das wirkliche Erleben des Unbewußten führten mich zu der Einsicht, daß diese Relikte jedoch keine abgelebten Formen sind, sondern zur lebendigen Psyche gehören. Meine späteren Forschungen bestätigten diese Annahme, und im Laufe der Jahre entwickelte sich daraus die Archetypenlehre.

Die Träume beeindruckten mich, konnten mir aber über das Gefühl der Desorientiertheit nicht hinweghelfen. Im Gegenteil, ich lebte wie unter einem inneren Druck. Zeitweise war er so stark, daß

ich annahm, es müsse eine psychische Störung bei mir vorliegen. Zweimal ging ich darum mein ganzes Leben mit allen Einzelheiten durch, insbesondere die Kindheitserinnerungen; denn ich dachte, es läge vielleicht etwas in meiner Vergangenheit, das als Ursache der Störung in Betracht kommen könnte. Aber die Rückschau war ergebnislos, und ich mußte mir meine Unwissenheit eingestehen. Da sagte ich mir: «Ich weiß so gar nichts, daß ich jetzt einfach das tue, was mir einfällt.» Damit überließ ich mich bewußt den Impulsen des Unbewußten.

Als erstes tauchte eine Erinnerung aus der Kindheit auf, vielleicht aus dem zehnten oder elften Jahr. Damals hatte ich leidenschaftlich mit Bausteinen gespielt. Ich erinnerte mich deutlich, wie ich Häuschen und Schlösser gebaut und Tore mit Bögen über Flaschen gewölbt hatte. Etwas später verwendete ich natürliche Steine und Lehm als Mörtel. Diese Bauten hatten mich während langer Zeit fasziniert. Zu meinem Erstaunen tauchte diese Erinnerung auf, begleitet von einer gewissen Emotion.