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«Aha», sagte ich mir, «hier ist Leben! Der kleine Junge ist noch da und besitzt ein schöpferisches Leben, das mir fehlt. Aber wie kann ich dazu gelangen?» Es schien mir unmöglich, die Distanz zwischen der Gegenwart, dem erwachsenen Mann, und meinem elften Jahr zu überbrücken. Wollte ich aber den Kontakt mit jener Zeit wieder herstellen, so blieb mir nichts anderes übrig, als wieder dorthin zurückzukehren und das Kind mit seinen kindlichen Spielen auf gut Glück wieder aufzunehmen.

Dieser Augenblick war ein Wendepunkt in meinem Schicksal, denn nach unendlichem Widerstreben ergab ich mich schließlich darein zu spielen. Es ging nicht ohne äußerste Resignation und nicht ohne das schmerzhafte Erlebnis der Demütigung, nichts anderes wirklich tun zu können als zu spielen.

So machte ich mich daran, passende Steine zu sammeln, teils am Ufer des Sees, teils im Wasser, und dann begann ich zu bauen:

Häuschen, ein Schloß - ein ganzes Dorf. Es fehlte noch die Kirche, und so machte ich einen quadratischen Bau mit einer sechseckigen Trommel darauf und einer quadratischen Kuppel. Zu einer Kirche gehört auch ein Altar. Aber ich scheute mich, ihn zu bauen.

Mit der Frage beschäftigt, wie ich diese Aufgabe lösen könnte, ging ich eines Tages wie gewöhnlich am See entlang und sammelte Steine im Uferkies. Plötzlich erblickte ich einen roten Stein: eine vierseitige Pyramide, etwa 4 cm hoch. Es war ein Steinsplitter, der

vom Rollen im Wasser und in den Wellen in diese Form geschliffen worden war - ein reines Zufallsprodukt. Ich wußte; das ist der Altar! So setzte ich ihn in die Mitte unter die Kuppel, und während ich das tat, fiel mir der unterirdische Phallus aus meinem Kindertraum ein. Dieser Zusammenhang erweckte in mir ein Gefühl der Befriedigung.

Jeden Tag baute ich nach dem Mittagessen, wenn das Wetter es erlaubte. Kaum war ich mit dem Essen fertig, spielte ich, bis die Patienten kamen; und am Abend, wenn die Arbeit früh genug beendet war, ging ich wieder ans Bauen. Dabei klärten sich meine Gedanken, und ich konnte die Phantasien fassen, die ich ahnungsweise in mir fühlte.

Natürlich machte ich mir Gedanken über den Sinn meines Spie -lens und fragte mich: «Was tust du eigentlich? Du baust eine kleine Siedlung auf und vollführst das wie einen Ritus!» Ich wußte keine Antwort, aber ich besaß die innere Gewißheit, daß ich auf "dem Weg zu meinem Mythus war. Das Bauen war nämlich nur ein Anfang. Er löste einen Strom von Phantasien aus, die ich später sorgfältig aufgeschrieben habe.

Dieser Typus des Geschehens hat sich bei mir fortgesetzt. Wann immer ich in meinem späteren Leben stecken blieb, malte ich ein Bild, oder bearbeitete ich Steine, und immer war das ein rite d'entree für nachfolgende Gedanken und Arbeiten. Alles, was ich dieses Jahr4geschrieben habe, also «Gegenwart und Zukunft», «Ein moderner Mythus», «Über das Gewissen», ist herausgewachsen aus der Steinarbeit, die ich nach dem Tod meiner Frau * machte. Die Vollendung meiner Frau, das Ende, und was mir dabei klar wurde, hatten mich ungeheuer aus mir selbst herausgerissen. Da brauchte es sehr viel, um mich wieder zu stabilisieren, und die Berührung mit dem Stein hat mir geholfen.

Gegen Herbst 1913 schien sich der Druck, den ich bisher in mir gefühlt hatte, nach außen zu verlegen, so als läge etwas in der Luft; tatsächlich erschien sie mir dunkler als zuvor. Es war, als ginge es nicht mehr um eine psychische Situation, sondern um konkrete Wirklichkeit. Dieser Eindruck verstärkte sich mehr und mehr.

1 1957. « 27. November 1955.

Im Oktober, als ich mich allein auf einer Reise befand, wurde ich plötzlich von einem Gesicht befallen: Ich sah eine ungeheure Flut, die alle nördlichen und tiefgelegenen Länder zwischen der Nordsee und den Alpen bedeckte. Die Flut reichte von England bis nach Rußland und von den Küsten der Nordsee bis fast zu den Alpen. Als sie die Schweiz erreichte, sah ich, daß die Berge höher und höher wuchsen, wie um unser Land zu schützen. Eine schreckliche Katastrophe spielte sich ab. Ich sah die gewaltigen gelben Wogen, die schwimmenden Trümmer der Kulturwerke und den Tod von ungezählten Tausenden. Dann verwandelte sich das Meer in Blut. Dieses Gesicht währte etwa eine Stunde, es verwirrte mich und machte mir übel. Ich schämte mich meiner Schwäche.

Es vergingen zwei Wochen, dann kehrte das Gesicht unter denselben Umständen wieder, nur die Verwandlung in Blut war noch schrecklicher. Eine innere Stimme sprach: «Sieh es an, es ist ganz wirklich, und es wird so sein; daran ist nicht zu zweifeln.»

Im Winter darauf fragte mich jemand, was ich über die nächste Zukunft des Weltgeschehens dächte. Ich sagte, ich dächte nichts, aber ich sähe Ströme von Blut. Das Gesicht ließ mich nicht los.

Ich fragte mich, ob die Visionen auf eine Revolution hinwiesen, konnte mir das aber nicht recht vorstellen. So zog ich den Schluß, daß sie mit mir selber zu tun hätten und nahm an, ich sei von einer Psychose bedroht. Der Gedanke an Krieg kam mir nicht.

Bald darauf, es war im Frühling und Frühsommer 1914, wiederholte sich dreimal ein Traum, daß mitten im Sommer eine arktische Kälte hereinbräche und das Land zu Eis erstarre. So sah ich z. B. die gesamte lothringische Gegend und ihre Kanäle gefroren. Alles Land war menschenleer, und alle Seen und Flüsse waren zu Eis erstarrt. Alles lebendig Grüne war erstarrt. Dieses Traumbild kam im April und Mai und das letzte Mal im Juni 1914.

Im dritten Traum war wieder eine ungeheure Kälte aus dem Weltraum hereingebrochen. Er hatte jedoch ein unvermutetes Ende: da stand ein blättertragender, aber früchteloser Baum (mein Lebensbaum, dachte ich), dessen Blätter sich durch die Einwirkung des Frostes zu süßen Weinbeeren voll heilenden Saftes verwandelt hatten. Ich pflückte die Trauben und schenkte sie einer großen harrenden Menge.

Ende Juli 1914 war ich von der British Medical Association nach Aberdeen eingeladen worden, wo ich an einem Kongreß einen

Vortrag halten sollte über «Die Bedeutung des Unbewußten in der Psychopathologie'». Ich war darauf gefaßt, daß etwas geschehen würde; denn solche Visionen und Träume sind Schicksal. In meinem damaligen Zustand' und bei meinen Befürchtungen schien es mir sogar wie Schicksal, daß ich gerade damals über die Bedeutung des Unbewußten sprechen mußte.

Am l. August brach der Weltkrieg aus. Jetzt stand meine Aufgabe fest: ich mußte zu verstehen suchen, was geschah, und inwiefern mein eigenes Erleben mit dem der Kollektivität zusammenhing. Darum hatte ich mich zuerst einmal auf mich selber zu besinnen. Den Anfang dazu bildete die Aufzeichnung der Phantasien, welche mir während des Bauspielens gekommen waren. Diese Arbeit trat nun in den Vordergrund.

Es war ein unaufhörlicher Strom von Phantasien, der dadurch ausgelöst wurde, und ich tat mein Möglichstes, um die Orientierung nicht zu verlieren und einen Weg zu finden. Ich stand hilflos in einer fremdartigen Welt, und alles erschien mir schwierig und unverständlich. Ich lebte ständig in einer intensiven Spannung, und es kam mir oft vor, als ob riesige Blöcke auf mich herunterstürzten. Ein Donnerwetter löste das andere ab. Daß ich es aushielt, war eine Frage der brutalen Kraft. Andere sind daran zerbrochen. Nietzsche und auch Hölderlin und viele andere. Aber es war eine dämonische Kraft in mir, und von Anfang an stand es für mich fest, daß ich den Sinn dessen finden mußte, was ich in den Phantasien erlebte. Das Gefühl, einem höheren Willen zu gehorchen, wenn ich dem Ansturm des Unbewußten standhielte, war unabweislich und blieb richtunggebend in der Bewältigung der Aufgabe4.

Ich war oft so aufgewühlt, daß ich die Emotionen durch Yoga-übungen ausschalten mußte. Da es aber mein Ziel war, zu erfahren, was in mir vorging, machte ich sie nur solange, bis ich mir Ruhe geschaffen hatte und die Arbeit mit dem Unbewußten wieder aufnehmen konnte. Sobald ich das Gefühl hatte, wieder ich selber zu sein, gab ich die Kontrolle auf und ließ den Bildern und inneren Stimmen erneut das Wort. Der Inder hingegen macht Yogaübun