3 Der Vortrag erschien englisch unter dem Titel «On the Importance of the Unconscious in Psychopathology» in dem «British Medical Journal», London II, 1914, in Ges. Werke III, 1968.
4 Als Jung von diesen Erinnerungen sprach, klang noch immer die Erregung nach. «Froh dem Tode entronnen 2u sein» (Odyssee) schlug er als Motto zu dem Kapitel vor. A. J.
gen zu dem Zweck, die Vielfalt der psychischen Inhalte und Bilder vollständig zu eliminieren.
In dem Maße, wie es mir gelang, die Emotionen in Bilder zu übersetzen, d. h. diejenigen Bilder zu finden, die sich in ihnen verbargen, trat innere Beruhigung ein. Wenn ich es bei der Emotion belassen hätte, wäre ich womöglich von den Inhalten des Unbewußten zerrissen worden. Vielleicht hätte ich sie abspalten können, wäre dann aber unweigerlich in eine Neurose geraten, und schließlich hätten mich die Inhalte doch zerstört. Mein Experiment verschaffte mir die Erkenntnis, wie hilfreich es vom therapeutischen Gesichtspunkt aus ist, die hinter den Emotionen liegenden Bilder bewußt zu machen.
Ich schrieb die Phantasien auf, so gut ich konnte und gab mir Mühe, auch den psychischen Voraussetzungen, unter denen sie aufgetaucht waren, Ausdruck zu verleihen. Doch konnte ich das nur in sehr unbeholfener Sprache tun. Zuerst formulierte ich die Phantasien, wie ich sie wahrgenommen hatte, meist in einer «gehobenen Sprache», denn sie entspricht dem Stil der Archetypen. Die Archetypen reden pathetisch und sogar schwülstig. Der Stil ihrer Sprache ist mir peinlich und geht gegen mein Gefühl, wie wenn jemand mit Nägeln an einer Gipswand oder mit dem Messer auf dem Teller kratzt. Aber ich wußte ja nicht, um was es ging. So hatte ich keine Wahl. Es blieb mir nichts übrig, als alles in dem vom Unbewußten selbst gewählten Stil aufzuschreiben. Manchmal war es, wie wenn ich es mit den Ohren hörte. Manchmal fühlte ich es mit dem Munde, wie wenn meine Zunge Worte formulierte;
und dann kam es vor, daß ich mich selbst Worte flüstern hörte. Unter der Schwelle des Bewußtseins war alles lebendig.
Von Anfang an hatte ich die Konfrontation mit dem Unbewußten als wissenschaftliches Experiment aufgefaßt, das ich mit mir selber anstellte und an dessen Ausgang ich vital interessiert war. Heute könnte ich allerdings auch sagen: es war ein Experiment, das mit mir angestellt wurde. Eine der größten Schwierigkeiten lag für mich darin, mit meinen negativen Gefühlen fertig zu werden. Ich überließ mich freiwillig den Emotionen, die ich doch nicht billigen konnte. Ich schrieb die Phantasien auf, welche mir oft wie Unsinn vorkamen und gegen die ich Widerstände empfand. Denn so lange man ihren Sinn nicht versteht, sind sie ein höllisches Gemisch von Erhabenem und Lächerlichem. Es hat mich viel gekostet durchzuhalten, aber ich wurde vom Schicksal dazu
herausgefordert. Nur mit höchster Anstrengung konnte ich mich schließlich aus dem Labyrinth befreien.
Um die Phantasien, die mich unterirdisch bewegten, zu fassen, mußte ich mich sozusagen in sie hinunterfallen lassen. Dagegen empfand ich nicht nur Widerstände, sondern ich fühlte auch ausgesprochene Angst. Ich fürchtete, meine Selbstkontrolle zu verlieren und eine Beute des Unbewußten zu werden, und was das heißt, war mir als Psychiater nur allzuklar. Ich mußte jedoch wagen, mich dieser Bilder zu bemächtigen. Wenn ich es nicht täte, riskierte ich, daß sie sich meiner bemächtigten. Ein wichtiges Motiv bei diesen Erwägungen bildete der Umstand, daß ich von meinen Patienten nichts erwarten konnte, was ich selber nicht zu tun wagte. Die Ausrede, daß neben dem Patienten ein Helfer stünde, wollte nicht verfangen. Ich wußte, daß der sogenannte Helfer, d. h. ich, die Materie noch nicht aus eigener Anschauung kannte, sondern daß ich höchstens einige theoretische Vorurteile von zweifelhaftem Wert darüber besaß. Der Gedanke, daß ich die abenteuerliche Unternehmung, in die ich mich verstrickte, schließlich nicht nur für mich persönlich, sondern auch für meine Patienten wagte, hat mir in mehreren kritischen Phasen mächtig geholfen.
Es war in der Adventszeit des Jahres 1913, als ich mich zum entscheidenden Schritt entschloß (12. Dez.). Ich saß an meinem Schreibtisch und überdachte noch einmal meine Befürchtungen, dann ließ ich mich fallen. Da war es mir, als ob der Boden im wörtlichen Sinne unter mir nachgäbe, und als ob ich in eine dunkle Tiefe sauste. Ich konnte mich eines Gefühls von Panik nicht erwehren. Aber plötzlich und nicht allzutief kam ich in einer weichen, stickigen Masse auf die Füße zu stehen - zu meiner großen Erleichterung. Jedoch befand ich mich in einer fast völligen Finsternis. Nach einiger Zeit gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit, die nun einer tiefen Dämmerung glich. Vor mir lag der Eingang zu einer dunkeln Höhle, und dort stand ein Zwerg. Er erschien mir wie aus Leder, so als ob er mumifiziert wäre. Ich drängte mich an ihm vorbei durch den engen Eingang und watete durch knietiefes, eiskaltes Wasser zum anderen Ende der Höhle. Dort befand sich auf einem Felsband ein roter, leuchtender Kristall. Ich faßte den Stein, hob ihn auf und entdeckte, daß darunter ein Hohlraum war. Zunächst konnte ich nichts erkennen, aber schließlich erblickte ich strömendes Wasser in der Tiefe. Eine
Leiche schwamm vorbei, ein Jüngling mit blondem Haar, am Kopf verwundet. Ihm folgte ein riesiger schwarzer Skarabäus, und dann erschien, aus der Wassertiefe auftauchend, eine rote, neugeborene Sonne. Geblendet vom Licht, wollte ich den Stein wieder auf die Öffnung legen, da drängte sich jedoch eine Flüssigkeit durch die Öffnung. Es war Blut! Ein dicker Strahl sprang auf und ich empfand Übelkeit. Der Blutstrom währte, wie mir schien, unerträglich lange. Endlich versiegte er, und damit war die Vision zu Ende.
Ich war von den Bildern aufs Tiefste bestürzt. Natürlich sah ich, daß die piece de resistance ein Helden- und Sonnenmythus war, ein Drama von Tod und Wiedererneuerung. Die Wiedergeburt war verdeutlicht durch den ägyptischen Skarabäus. Am Ende hätte der neue Tag folgen sollen. Stattdessen kam der unerträgliche Blutstrom, ein durchaus abnormes Phänomen, wie mir schien. Da fiel mir aber meine Blutvision vom Herbst desselben Jahres ein, und ich gab jeden weiteren Versuch zu verstehen auf.
Sechs Tage später (18. Dezember 1913) hatte ich folgenden Traum: Ich fand mich mit einem unbekannten braunhäutigen Jüngling, einem Wilden, in einem einsamen, felsigen Gebirge. Es war vor Tagesanbruch, der östliche Himmel war schon hell, und die Sterne waren am Erlöschen. Da tönte über die Berge das Hörn Siegfrieds, und ich wußte, daß wir ihn umbringen müßten. Wir waren mit Gewehren bewaffnet und lauerten ihm an einem schmalen Felspfad auf.
Plötzlich erschien Siegfried hoch oben auf dem Grat des Berges im ersten Strahl der aufgehenden Sonne. Auf einem Wagen aus Totengebein fuhr er in rasendem Tempo den felsigen Abhang hinunter. Als er um eine Ecke bog, schössen wir auf ihn, und er stürzte, zu Tode getroffen.
Voll Ekel und Reue, etwas so Großes und Schönes zerstört zu haben, wandte ich mich zur Flucht, getrieben von Angst, man könnte den Mord entdecken. Da begann ein gewaltiger Regen niederzurauschen, und ich wußte, daß er alle Spuren der Tat verwischen würde. Der Gefahr, entdeckt zu werden, war ich entronnen, das Leben konnte weiter gehen, aber es blieb ein unerträgliches Schuldgefühl.
Als ich aus dem Traum erwachte, dachte ich über ihn nach, aber es war mir unmöglich, ihn zu verstehen. So versuchte ich wieder einzuschlafen, aber eine Stimme sagte: «Du mußt den Traum ver
stehen, und zwar sofort!» Das innere Drängen steigerte sich bis zu dem furchtbaren Augenblick, als die Stimme sagte: «Wenn du den Traum nicht verstehst, mußt du dich erschießen!» In meinem Nachttisch lag ein geladener Revolver, und es wurde mir angst. Da begann ich noch einmal nachzudenken, und plötzlich ging mir der Sinn des Traumes auf: «Das ist ja das Problem, das in der Welt gespielt wird!» Siegfried stellt das dar, was die Deutschen verwirklichen wollten, nämlich den eigenen Willen heldenhaft durchzusetzen. «Wo ein Wille, da ist ein Weg!» Dasselbe wollte auch ich. Aber das war nun nicht mehr möglich. Der Traum zeigte, daß die Einstellung, welche durch Siegfried, den Helden, v erkörpert war, nicht mehr zu mir paßte. Darum mußte er umgebracht werden.