Nach der Tat empfand ich ein überwältigendes Mitgefühl, so als sei ich selber erschossen worden. Darin drückte sich meine geheime Identität mit dem Helden aus, sowie das Leiden, das der Mensch erlebt, wenn er gezwungen wird, sein Ideal und seine bewußte Einstellung zu opfern. Doch dieser Identität mit dem Heldenideal mußte ein Ende gesetzt werden; denn es gibt Höheres, dem man sich unterwerfen muß, als der Ich-Wille.
Diese Gedanken genügten fürs erste, und ich schlief wieder ein.
Der braunhäutige Wilde, der mich begleitet und die eigentliche Initiative zur Tat ergriffen hatte, ist eine Verkörperung des primitiven Schattens. Der Regen zeigt an, daß die Spannung zwischen Bewußtsein und Unbewußtem sich löste.
Obwohl es mir damals noch nicht möglich war, den Sinn des Traums über die wenigen Andeutungen hinaus zu verstehen, wurden neue Kräfte frei, die mir halfen, das Experiment mit dem Unbewußten zu Ende zu führen.
Um die Phantasien zu fassen, stellte ich mir oft einen Abstieg vor. Einmal bedurfte es sogar mehrerer Versuche, um in die Tiefe zu gelangen. Das erste Mal erreichte ich sozusagen eine Tiefe von dreihundert Metern, das nächste Mal war es schon eine kosmische Tiefe. Es war wie eine Fahrt zum Mond, oder wie ein Abstieg ins Leere. Zuerst kam das Bild eines Kraters, und ich hatte das Gefühl, ich sei im Totenland. Am Fuß einer hohen Felswand erblickte ich zwei Gestalten, einen alten Mann mit weißem Bart und ein schönes junges Mädchen. Ich nahm meinen Mut zusammen und trat ihnen wie wirklichen Menschen gegenüber. Aufmerksam hörte ich auf das, was sie mir sagten. Der Alte erklärte, er sei Elias, und das versetzte mir einen Schock. Das Mädchen brachte mich fast noch mehr aus der Fassung, denn sie nannte sich Salome! Sie war blind. Was für ein seltsames Paar: Salome und Elias! Doch Elias versicherte, er und Salome gehörten von Ewigkeit her zusammen, und das verwirrte mich vollends. Mit ihnen lebte eine schwarze Schlange, die offensichtlich Zuneigung für mich an den Tag legte. Ich hielt mich an Elias, weil er der vernünftigste von den dreien zu sein und über einen guten Verstand zu verfügen schien. Salome gegenüber war ich mißtrauisch. Elias und ich führten ein längeres Gespräch, dessen Sinn ich aber nicht erfassen konnte.
Natürlich versuchte ich mir das Auftreten der biblischen Gestalten in meiner Phantasie dadurch plausibel zu machen, daß mein Vater Pfarrer gewesen war. Aber damit war noch nichts erklärt. Denn was bedeutet der Alte? Was bedeutet Salome? Warum sind sie zusammen? Erst Jahre später, als ich viel mehr wußte, erschien mir die Verbindung des alten Mannes mit dem jungen Mädchen durchaus natürlich.
In solchen Traumwanderungen begegnet man nämlich häufig einem alten Mann, der von einem jungen Mädchen begleitet ist, und in vielen mythischen Erzählungen finden sich Beispiele für dieses Paar. So ist nach gnostischer Überlieferung Simon Magus mit einem jungen Mädchen herumgezogen, das er in einem Bordell aufgelesen haben soll. Sie hieß Helena und galt als Reinkarnation der trojanischen Helena. Klingsor und Kundry, Laotse und die Tänzerin gehören ebenfalls hierher.
In meiner Phantasie befand sich, wie schon erwähnt, neben Elias und Salome noch eine dritte Figur, die große schwarze Schlange. In den Mythen ist die Schlange häufig Gegenspielerin des Helden. Es gibt zahlreiche Berichte über ihre Verwandtschaft. So heißt es z.B., der Held habe Schlangenaugen; oder er würde nach seinem Tode in eine Schlange verwandelt, und er wurde als solche verehrt; oder die Schlange sei seine Mutter usw. In meiner Phantasie kündet also die Anwesenheit der Schlange einen Heldenmythus an.
Salome ist eine Animafigur. Sie ist blind, weil sie den Sinn der Dinge nicht sieht. Elias ist die Figur des alten weisen Propheten und stellt das erkennende Element dar, Salome das erotische. Man könnte sagen, die beiden Gestalten seien Verkörperungen von Logos und Eros. Aber eine solche Definition wäre bereits zu intel
lektuell. Es ist sinnvoller, die Gestalten zunächst einmal als das zu belassen, was sie mir damals erschienen, nämlich als Verdeutlichungen unbewußter Hintergrundsvorgänge.
Bald nach dieser Phantasie tauchte eine andere Gestalt aus dem Unbewußten auf. Sie hatte sich aus der Figur des Ellas entwickelt. Ich nannte sie Philemon. Philemon war ein Heide und brachte eine ägyptischhellenistische Stimmung mit einer gnostischen Färbung herauf. Seine Gestalt erschien mir zuerst in einem Traum:
Es war blauer Himmel, aber er schien wie das Meer. Er war bedeckt - nicht von Wolken, sondern von braunen Erdschollen. Es sah aus, als ob die Schollen auseinanderbrächen und das blaue Wasser des Meeres dazwischen sichtbar würde. Das Wasser war aber der blaue Himmel. Plötzlich schwebte von rechts her ein geflügeltes Wesen herbei. Es war ein alter Mann mit Stierhörnern. Er trug einen Bund mit vier Schlüsseln und hielt den einen so, wie wenn er im Begriff stünde, ein Schloß aufzuschließen. Er war geflügelt, und seine Flügel waren wie diejenigen des Eisvogels mit ihren charakteristischen Farben.
Da ich das Traumbild nicht verstand, malte ich es, um es mir besser zu veranschaulichen. In den Tagen, als ich damit beschäftigt war, fand ich am Seeufer meines Gartens einen toten Eisvogel! Ich war wie vom Donner gerührt! Nur ganz selten sieht man Eisvögel in der Umgebung von Zürich. Darum war ich von diesem anscheinend zufälligen Zusammentreffen so betroffen. Die Leiche war noch frisch, höchstens zwei bis drei Tage alt, und wies keine äußeren Verletzungen auf.
Philemon und andere Phantasiegestalten brachten mir die entscheidende Erkenntnis, daß es Dinge in der Seele gibt, die nicht ich mache, sondern die sich selber machen und ihr eigenes Leben haben. Philemon stellte eine Kraft dar, die ich nicht war. Ich führte Phantasiegespräche mit ihm, und er sprach Dinge aus, die ich nicht bewußt gedacht hatte. Ich nahm genau wahr, daß er es war, der redete und nicht ich. Er erklärte mir, daß ich mit den Gedanken so umginge, als hätte ich sie selbst erzeugt, während sie nach seiner Ansicht eigenes Leben besäßen wie Tiere im Walde, oder Menschen in einem Zimmer, oder wie Vögel in der Luft: «Wenn du Menschen in einem Zimmer siehst, würdest du auch nicht sagen, du hättest sie gemacht, oder du seist für sie verantwortlich», belehrte er mich. So brachte er mir allmählich die psychische Objektivität, die «Wirklichkeit der Seele» bei.
Durch die Gespräche mit Philemon verdeutlichte sich mir die Unterschiedenheit zwischen mir und meinem gedanklichen Objekt. Auch er war mir sozusagen objektiv gegenübergetreten, und ich verstand, daß etwas in mir ist, was Dinge aussprechen kann, die ich nicht weiß und nicht meine, Dinge, die vielleicht sogar gegen mich gerichtet sind.
Psychologisch stellte Philemon eine überlegene Einsicht dar. Er war für mich eine geheimnisvolle Figur. Zu Zeiten kam er mir fast wie physisch real vor. Ich ging mit ihm im Garten auf und ab, und er war mir das, was die Inder als Guru bezeichnen.
Jedesmal, wenn sich eine neue Personifikation abzeichnete, empfand ich es beinahe als eine persönliche Niederlage. Es hieß: «Auch das hast du solange nicht gewußt!» und Angst beschlich mich, daß die Reihe solcher Gestalten vielleicht endlos sein und ich mich in Abgründe bodenloser Unwissenheit verlieren könnte. Mein Ich fühlte sich entwertet, obwohl reichliche äußere Erfolge mich eines «Besseren» hätten belehren können. Ich hätte mir damals in meinen «Finsternissen» (Horridas nostrae mentis purga tenebras, sagt die Aurora Consurgens8) nichts Besseres gewünscht als einen wirklichen, konkreten Guru, einen überlegen Wissenden und Könnenden, der mir die unwillkürlichen Schöpfungen meiner Phantasie entwirrt hätte. Diese Aufgabe übernahm Philemon, den ich in dieser Hinsicht nolens volens als Psychagogen anerkennen mußte. Er hat mir in der Tat erleuchtende Gedanken vermittelt.