Mehr als fünfzehn Jahre später besuchte mich ein älterer und hochgebildeter Inder, ein Freund Gandhis, und wir unterhielten uns über indische Erziehung, speziell über die Beziehung von Guru und Chelah. Ich fragte ihn zögernd, ob er mir vielleicht Auskunft geben könnte über Natur und Charakter seines eigenen Guru, worauf er in einem matter-of-fact-Ton antwortete: «Oh ja, es war Chankaracharya.»
«Sie meinen doch nicht den Kommentator der Veden?», bemerkte ich. «Der ist doch vor vielen Jahrhunderten gestorben.»
«Ja, den meine ich», sagte er zu meinem größten Erstaunen.
«Sie meinen also einen Geist ?» fragte ich.
«Natürlich war es ein Geist», bestätigte er.
In diesem Augenblick fiel mir Philemon ein.
' Eine alchemistische, dem Thomas von Aquin zugeschriebene Schrift. Übers.: Reinige die schrecklichen Finsternisse unseres Geistes.
«Es gibt auch geistige Gurus», fügte er bei. «Die meisten haben lebende Menschen als Gurus. Es gibt aber immer wieder solche, welche einen Geist zum Lehrer haben.»
Diese Nachricht war mir ebenso tröstlich wie erleuchtend. Ich war also keineswegs aus der Menschenwelt herausgefallen, sondern hatte nur das erfahren, was Menschen, die ähnlicher Bemühung obliegen, begegnen kann.
Später wurde Philemon relativiert durch das Heraufkommen einer anderen Gestalt, die ich als Ka bezeichnete. Im alten Ägypten galt der «Ka des Königs» als dessen irdische Form, als Gestaltseele. In meiner Phantasie kam die Ka-Seele von unten aus der Erde wie aus einem tiefen Schacht. Ich malte sie in ihrer erdhaften Gestalt, als eine Herme, deren Sockel aus Stein und deren Oberteil aus Bronze besteht. Ganz oben im Bild erscheint ein Flügel des Eisvogels, und zwischen ihm und dem Kopf des Ka schwebt ein runder, leuchtender Sternnebel. Der Ausdruck des Ka hat etwas Dämonisches, man könnte auch sagen: Mephistophelisches. In der einen Hand hält er ein Gebilde, ähnlich einer farbigen Pagode oder einem Reliquienschrein und in der anderen einen Stylus, mit dem er daran arbeitet. Er sagt von sich: «Ich bin der, der die Götter in Gold und Edelsteinen begräbt.»
Philemon hat einen lahmen Fuß, ist aber ein geflügelter Geist, während Ka eine Art Erd - oder Metalldämon darstellt. Philemon ist der geistige Aspekt, «der Sinn», Ka dagegen ein Naturgeist wie das Anthroparion der griechischen Alchemie, die mir damals allerdings noch nicht bekannt war'. Ka ist derjenige, der alles wirklich macht, der aber den Eisvogelgeist, den Sinn, verschleiert oder ihn durch Schönheit, den «ewigen Abglanz», ersetzt.
Mit der Zeit konnte ich beide Gestalten integrieren. Das Studium der Alchemie half mir dabei.
Während ich an den Phantasien schrieb, fragte ich mich einmaclass="underline" «Was tue ich eigentlich? Bestimmt hat es mit Wissenschaft nichts zu tun. Also was ist es dann?» Da sagte eine Stimme in mir: «Es ist Kunst.» Ich war höchst erstaunt, denn es wäre mir nicht in den Sinn gekommen, daß meine Phantasien etwas mit Kunst zu tun
* Anthroparion ist ein «Menschlein», eine Art Homunculus. In die Gruppe der Anthroparien gehören die Erzmännchen, die Daktylen der Antike, der Homunculus der Alchemisten. Auch der alchemistische Mercurius war,als Geist des Quecksilbers, ein Anthroparion. A. J.
haben könnten, sagte mir aber: «Vielleicht hat mein Unbewußtes eine Persönlichkeit geformt, die nicht Ich bin, und die mit ihrer eigenen Ansicht zu Worte kommen möchte.» Ich wußte, daß die Stimme von einer Frau stammte und erkannte sie als die Stimme einer Patientin, einer begabten Psychopathin, die eine starke Übertragung auf mich hatte. Sie war zu einer lebendigen Gestalt in meinem Innern geworden.
Natürlich war das, was ich tat, nicht Wissenschaft. Was anderes konnte es also sein als Kunst? Es schien auf der ganzen Welt nur diese zwei Möglichkeiten zu geben! Das ist die typisch weibliche Art zu argumentieren.
Mit Nachdruck und voller Widerstände erklärte ich der Stimme, daß meine Phantasien mit Kunst nichts zu tun hätten. Da schwieg sie, und ich fuhr fort zu schreiben. Dann kam eine nächste Attacke - die gleiche Behauptung: «Das ist Kunst.» Wiederum protestierte ich: «Nein, das ist es nicht. Im Gegenteil, es ist Natur.» Ich machte mich auf neuen Widerspruch und Streit gefaßt; als aber nichts erfolgte, überlegte ich, daß die «Frau in mir» kein Sprachzentrum besäße, und schlug ihr vor, sich meiner Sprache zu bedienen. Sie nahm den Vorschlag an und erklärte sogleich ihren Standpunkt in einer langen Rede.
Es interessierte mich außerordentlich, daß eine Frau aus meinem Innern sich in meine Gedanken einmischte. Wahrscheinlich, so dachte ich, handelt es sich um die «Seele» im primitiven Sinn, und ich fragte mich, warum die Seele als «anima» bezeichnet worden sei. Warum stellte man sie sich als weiblich vor? Später sah ich, daß es sich bei der weiblichen Figur in mir um eine typische oder archetypische Gestalt im Unbewußten des Mannes handelt, und ich bezeichnete sie als «Anima». Die entsprechende Figur im Unbewußten der Frau nannte ich «Animus».
Zuerst war es der negative Aspekt der Anima, der mich beeindruckte. Ich empfand Scheu vor ihr wie vor einer unsichtbaren Präsenz. Dann versuchte ich, mich anders auf sie zu beziehen und betrachtete die Aufzeichnungen meiner Phantasien als an sie gerichtete Briefe. Ich schrieb sozusagen an einen Teil meiner selbst, der einen anderen Standpunkt vertrat als mein Bewußtsein
- und erhielt überraschende und ungewöhnliche Antworten. Ich kam mir vor wie ein Patient in Analyse bei einem weiblichen Geist! Jeden Abend machte ich mich an meine Aufzeichnungen; denn ich dachte: Wenn ich der Anima nicht schreibe, kann sie meine Phan
tasien nicht fassen. - Es gab aber noch einen anderen Grund für meine Gewissenhaftigkeit: das Geschriebene konnte die Anima nicht verdrehen, sie konnte keine Intrigen daraus spinnen. In dieser Beziehung macht es einen gewaltigen Unterschied, ob man lediglich im Sinn hat, etwas zu erzählen, oder ob man es wirklich niederschreibt. In meinen «Briefen» versuchte ich, so ehrlich wie möglich zu sein, der alten griechischen Weisung folgend: «Gib weg von dir, was du besitzest, und du wirst empfangen.»
Nur allmählich lernte ich, zwischen meinen Gedanken und den Inhalten der Stimme zu unterscheiden. Wenn sie mir z. B. Banalitäten unterschieben wollte, sagte ich: «Das ist richtig, so habe ich früher einmal gedacht und gefühlt. Aber ich bin nicht verpflichtet, mich bis an mein Lebensende dabei behaften zu lassen. Wozu diese Demütigung?»
Worauf es vor allem ankommt, ist die Unterscheidung zwischen dem Bewußtsein und den Inhalten des Unbewußten. Diese muß man sozusagen isolieren, und das geschieht am leichtesten, indem man sie personifiziert und dann vom Bewußtsein her einen Kontakt mit ihnen herstellt. Nur so kann man ihnen die Macht entziehen, die sie sonst auf das Bewußtsein ausüben. Da die Inhalte des Unbewu ßten einen gewissen Grad von Autonomie besitzen, bietet diese Technik keine besonderen Schwierigkeiten. Etwas ganz anderes ist es, sich überhaupt mit der Tatsache der Autonomie unbewußter Inhalte zu befreunden. Und doch liegt gerade hierin die Möglichkeit , mit dem Unbewußten umzugehen.
In Wirklichkeit übte die Patientin, deren Stimme in mir sprach, einen verhängnisvollen Einfluß auf Männer aus. Es war ihr gelungen, einem Kollegen von mir einzureden, er sei ein mißverstandener Künstler. Er hat's geglaubt und ist daran zerbrochen. Die Ursache für sein Versagen ? Er lebte nicht aus seiner eigenen Anerkennung, sondern von der Anerkennung der anderen. Das ist gefährlich. Es hat ihn unsicher und den Insinuationen der Anima zugänglich gemacht; denn was sie sagt, ist oft von einer verführerischen Kraft und einer abgründigen Schlauheit.
Wären mir die Phantasien des Unbewußten als Kunst erschienen, so hätte ich sie mit meinem inneren Auge betrachten oder wie einen Film abrollen sehen können. Es hätte ihnen nicht mehr Überzeugungskraft innegewohnt als irgendeiner Sinneswahrnehmung, und eine ethische Verpflichtung ihnen gegenüber wäre mir nicht erwachsen. Die Anima hätte auch mir einreden können, ich