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sei ein mißverstandener Künstler, und mein soi-disant Künstlertum verleihe mir das Recht, die Realität zu vernachlässigen. Wäre ich aber ihrer Stimme gefolgt, so hätte sie mir höchst wahrscheinlich eines Tages gesagt: «Bildest du dir etwa ein, der Unsinn, den du betreibst, sei Kunst? Davon ist keine Rede.» Die Zweideutigkeit der Anima, Sprachrohr des Unbewußten, kann einen Mann in Grund und Boden vernichten. Ausschlaggebend ist letzten Endes immer das Bewußtsein, das die Manifestationen des Unbewußten versteht und ihnen gegenüber Stellung nimmt.

Aber die Anima hat auch einen positiven Aspekt. Sie ist es, welche die Bilder des Unbewußten dem Bewußtsein vermittelt, und darauf kam es mir hauptsächlich an. Während Jahrzehnten habe ich mich immer an die Anima gewandt, wenn ich fühlte, daß meine Affektivität gestört und ich in Unruhe versetzt war. Dann war etwas im Unbewußten konstelliert. In solchen Augenblicken fragte ich die Anima: «Was hast du jetzt wieder? Was siehst du? Ich möchte das wissen!» - Nach einigen Widerständen produzierte sie regelmäßig das Bild, das sie schaute. Sobald das Bild da war, verschwand die Unruhe oder die Bedrückung. Die gesamte Energie meiner Emotionen verwandelte sich in Interesse und Neugier für seinen Inhalt. Dann sprach ich mit der Anima über die Bilder; denn ich mußte sie so gut wie möglich verstehen, ebenso wie einen Traum.

Heute brauche ich die Gespräche mit der Anima nicht mehr, denn ich habe keine solchen Emotionen mehr. Aber wenn ich sie hätte, würde ich in gleicher Weise vorgehen. Heute sind mir die Ideen unmittelbar bewußt, weil ich gelernt habe, die Inhalte des Unbewußten anzunehmen und zu verstehen. Ich weiß, wie ich mich den inneren Bildern gegenüber verhalten muß. Ich kann den Sinn der Bilder direkt aus meinen Träumen ablesen und brauche darum keine Vermittlerin mehr.

Die Phantasien, die mir damals kamen, schrieb ich zuerst ins «Schwarze Buch», später übertrug ich sie in das «Rote Buch», das ich auch mit Bildern ausschmückte7. Es enthält die meisten meiner Mandalazeichnungen. Ich habe den untauglichen Versuch einer ästhetischen Elaboration meiner Phantasien im «Roten Buch» unter

7 Das «Schwarze Buch» umfaßt sechs in schwarzes Leder gebundene kleinere

Bände; das «Rote Buch», ein in rotes Leder gebundener Folioband, enthält die gleichen Phantasien in ausgearbeiteter Form und Sprache und in kalligraphischer gotischer Schrift, nach Art mittelalterlicher Handschriften. A.J.

nommen, doch ist er nie beendet worden 8. Es wurde mir bewußt, daß ich noch nicht die richtige Sprache sprach, daß ich sie noch übersetzen mußte. So habe ich das Ästhetisieren beizeiten aufgegeben und mich ernsthaft um das Verstehen bemüht. Ich sah, daß soviel Phantasie festen Bodens bedurfte, und daß ich zuerst ganz in die menschliche Wirklichkeit zurückkommen mußte. Diese Wirklichkeit war für mich das wissenschaftliche Verständnis. Aus den Einsichten, die mir das Unbewußte vermittelt hatte, mußte ich konkrete Schlüsse ziehen - und das ist der Inhalt meiner Lebensarbeit geworden.

Die ästhetisierende Elaboration im «Roten Buch» war notwendig, so sehr ich mich auch über sie geärgert habe; denn erst mit ihr kam die Einsicht in die ethische Verpflichtung den Bildern gegenüber. Sie hat meine Lebensführung entscheidend beeinflußt. Es wurde mir klar, daß keine noch so vollkommene Sprache das Leben ersetzt. Wenn sie das Leben zu ersetzen versucht, wird nicht nur sie, sondern auch das Leben verdorben. Um die Befreiung von der Tyrannei unbewußter Voraussetzungen zu erringen, braucht es beides: die Einlösung der intellektuellen sowohl wie der ethischen Verpflichtung.

Es ist natürlich eine Ironie, daß ich als Psychiater bei meinem Experiment sozusagen auf Schritt und Tritt demjenigen psychischen Material begegnet bin, das die Bausteine einer Psychose liefert, und das man darum auch im Irrenhaus findet. Es ist jene Welt unbewußter Bilder, die den Geisteskranken in fatale Verwirrung setzt, aber zugleich auch eine Matrix der mythenbildenden Phantasie, die unserem rationalen Zeitalter entschwunden ist. Die mythische Phantasie ist zwar überall vorhanden, aber sie ist ebensosehr verpönt wie gefürchtet, und es erscheint sogar als riskiertes Experiment oder als zweifelhaftes Abenteuer, sich dem unsicheren Pfad, der in die Tiefen des Unbewußten führt, anzuvertrauen. Er gilt als ein Pfad des Irrtums, der Zweideutigkeit und des Mißverständnisses. Ich denke an Goethes Wort: «Vermesse dich, die Pforten aufzureißen, an denen jeder gern vorüberschleicht...» Faust II ist jedoch mehr als ein literarischer Versuch. Er ist ein Glied in der Aurea Catena*,

8 Vgl. Appendix pag. 387 f.

9 «Aurea Catena» (Goldene Kette) ist eine Anspielung auf eine alche-tnistische Schrift «Aurea Catena Homeri» (1723). Es ist damit eine Kette weiser Männer gemeint, die, beginnend mit Hermes Trismegistos, Erde und Himmel verbinden. A. J.

welche, von den Anfängen der philosophischen Alchemie und des Gnostizismus bis zu Nietzsches Zarathustra - meist unpopulär, zweideutig und gefährlich - eine Entdeckungsreise zum ändern Pol der Welt darstellt.

Natürlich brauchte ich gerade in der Zeit, als ich an den Phantasien arbeitete, einen Halt in «dieser Welt», und ich kann sagen, das war mir die Familie und die Berufsarbeit. Es war mir vital notwendig, auch ein selbstverständliches rationales Leben zu führen, als Gegengewicht zu der fremden Innenwelt. Die Familie und der Beruf blieben für mich die Basis, zu der ich immer zurückkehren konnte, und die mir bewies, daß ich ein wirklich vorhandener gewöhnlicher Mensch war. Die Inhalte des Unbewußten konnten mich bisweilen außer Rand und Band bringen. Aber die Familie und das Wissen: ich habe ein Ärztediplom, ich muß meinen Patienten helfen, ich habe eine Frau und fünf Kinder, und ich wohne an der Seestraße 228 in Küsnacht das waren Tatsächlichkeiten, die mich anforderten. Sie bewiesen mir Tag für Tag, daß ich wirklich existierte und nicht nur ein vom Geistwind umgetriebenes Blatt war wie ein Nietzsche. Nietzsche hatte den Boden unter den Füßen verloren, weil er nichts anderes besaß als die innere Welt seiner Gedanken - die überdies ihn mehr besaß als er sie. Er war entwurzelt und schwebte über der Erde, und deshalb verfiel er der Übertreibung und der Unwirklichkeit. Diese Unrealität war für mich der Inbegriff des Grauens, denn ich meinte ja diese Welt und dieses Leben. Auch wenn ich noch so sehr versunken und umgetrieben war, wußte ich doch immer, daß alles, was ich erlebte, dieses mein wirkliches Leben meinte, dessen Umfang und Sinn ich zu erfüllen trachtete. Meine Devise war: Hic Rhodus, hic salta!

So waren meine Familie und mein Beruf immer eine beglückende Realität und eine Garantie, daß ich normal und wirklich existierte.

Ganz allmählich zeichnete sich in mir eine Wandlung ab. Im Jahre 1916 spürte ich einen Drang zur Gestaltung: Ich wurde sozusagen von innen her gezwungen, das zu formulieren und auszusprechen, was gewissermaßen von Philemon hätte gesagt werden können. So kamen die «Septem Sermones ad Mortuos» mit ihrer eigentümlichen Sprache zustande10.

10 Sieben Reden an die Toten. Vgl. Appendix pag. 388 ff.

Es begann damit, daß eine Unruhe in mir war, aber ich wußte nicht, was sie bedeutete, oder was «man» von mir wollte. Es war eine seltsam geladene Atmosphäre um mich herum, und ich hatte das Gefühl, als sei die Luft erfüllt von gespenstischen Entitäten. Dann fing es an, im Hause zu spuken: meine älteste Tochter sah in der Nacht eine weiße Gestalt durchs Zimmer gehen. Die andere Tochter erzählte - unabhängig von der ersten - es sei ihr zweimal in der Nacht die Decke weggerissen worden, und mein neunjähriger Sohn hatte einen Angsttraum. Am Morgen verlangte er von der Mutter Farbstifte, und er, der sonst nie ein Bild gemacht hatte, zeichnete den Traum. Er nannte es «Das Bild vom Fischer». Durch die Mitte des Bildes läuft ein Fluß, ein Fischer mit einer Angelrute steht am Ufer. Er hat einen Fisch gefangen. Auf dem Kopf des Fischers befindet sich ein Kamin, aus dem Feuer schlägt und Rauch aufsteigt. Von der anderen Seite des Ufers kommt der Teufel durch die Luft geflogen. Er flucht, daß ihm die Fische gestohlen würden. Aber über dem Fischer schwebt ein Engel, der sagt: «Du darfst ihm nichts tun: er fängt nur die bösen Fische!» Dieses Bild hatte mein Sohn an einem Samstagmorgen gezeichnet.