Am Sonntag gegen fünf Uhr nachmittags läutete es an der Haustür Sturm. Es war ein heller Sommertag, und die zwei Mädchen waren in der Küche, von der man den offenen Platz vor der Haustür übersehen kann. Ich befand mich in der Nähe der Glocke, hörte sie und sah, wie der Klöppel sich bewegte. Alle liefen sofort an die Tür, um nachzuschauen, wer da sei, aber es war niemand da! Wir haben uns nur so angeschaut! Die Luft war dick, sage ich Ihnen! Da wußte ich: Jetzt muß etwas geschehen. Das ganze Haus war angefüllt wie von einer Volksmenge, dicht voll von Geistern. Sie standen bis unter die Tür, und man hatte das Gefühl, kaum atmen zu können. Natürlich brannte in mir die Frage: «Um Gottes willen, was ist denn das?» Da riefen sie laut im Chor: «Wir kommen zurück von Jerusalem, wo wir nicht fanden, was wir suchten.» Diese Worte entsprechen den ersten Zeilen der «Septem Sermones ad Mortuos».
Dann fing es an, aus mir herauszufließen, und in drei Abenden war die Sache geschrieben. Kaum hatte ich die Feder angesetzt, fiel die ganze Geisterschar zusammen. Der Spuk war beendet. Das Zimmer wurde ruhig und die Atmosphäre rein. Bis zum nächsten Abend hatte sich wieder etwas angesammelt, und dann ging es von neuem so. Das war 1916.
Dieses Erlebnis muß man nehmen, wie es ist oder zu sein scheint. Wahrscheinlich hing es mit dem Zustand der Emotion zusammen, in dem ich mich damals befand, und in dem sich parapsychologische Phänomene einstellen können. Es war eine unbewußte Konstellation, und die eigentümliche Atmosphäre einer solchen Konstellation war mir als Numen eines Archetypus wohlbekannt. «Es eignet sich, es zeigt sich an!» Der Intellekt möchte sich natürlich eine naturwissenschaftliche Erkenntnis darüber anmaßen oder noch lieber das ganze Erlebnis als Regelwidrigkeit totschlagen. Was für eine Trostlosigkeit wäre eine Welt ohne Regelwidrigkeiten !
Kurz vor diesem Erlebnis hatte ich eine Phantasie aufgeschrieben, daß die Seele mir entflogen sei. Das war mir ein bedeutsames Ereignis. Die Seele, die Anima, schafft die Beziehung zum Unbewußten. In gewissem Sinne ist es auch eine Beziehung zur Kollektivität der Toten; denn das Unbewußte entspricht dem mythischen Totenland, dem Lande der Ahnen. Wenn also in einer Phantasie die Seele verschwindet, so heißt das, sie habe sich ins Unbewußte oder ins «Totenland» zurückgezogen. Das entspricht dem sogenannten Seelenverlust, einem Phänomen, das man bei den Primitiven relativ häufig antrifft. Im «Totenland» bewirkt die Seele eine geheime Belebung und gibt den anzestralen Spuren, den kollektiven Inhalten des Unbewußten, Gestalt. Wie ein Medium gibt sie den «Toten» die Möglichkeit, sich zu manifestieren. Darum erschienen sehr bald nach dem Verschwinden der Seele die «Toten» bei mir, und es entstanden die «Septem Sermones ad Mortuos».
Damals und von da an sind mir die Toten immer deutlicher geworden als Stimmen des Unbeantworteten, des Nicht-Gelösten und Nicht-Erlösten; denn da die Fragen und Anforderungen, die ich schicksalsmäßig zu beantworten hatte, nicht von außen an mich kamen, kamen sie eben aus der inneren Welt. So bildeten die Gespräche mit den Toten, die «Septem Sermones», eine Art Vorspiel zu dem, was ich der Welt über das Unbewußte mitzuteilen hatte: eine Art von Ordnungsschema und Deutung der allgemeinen Inhalte des Unbewußten.
Wenn ich heute zurückschaue und den Sinn dessen bedenke, was mir in der Zeit meiner Arbeit an den Phantasien widerfuhr, kommt es mir vor, als sei eine Botschaft mit Übermacht an mich gekommen. Es lagen Dinge in den Bildern, die nicht nur mich angingen,
sondern auch viele andere. Damit hat es angefangen, daß ich nicht mehr nur mir selber gehören durfte. Von da an gehörte mein Leben der Allgemeinheit. Die Erkenntnisse, um die es mir ging oder die ich suchte, waren in der Wissenschaft jener Tage noch nicht anzutreffen. Ich mußte selber die Urerfahrung machen und mußte überdies versuchen, das Erfahrene auf den Boden der Wirklichkeit zu stellen; sonst wäre es im Zustand einer nicht lebensfähigen subjektiven Voraussetzung geblieben. Damals stellte ich mich in den Dienst der Seele. Ich habe sie geliebt und habe sie gehaßt, aber sie war mein größter Reichtum. Daß ich mich ihr verschrieb, war die einzige Möglichkeit, meine Existenz als eine relative Ganzheit zu leben und auszuhalten.
Heute kann ich sagen: ich habe mich nie von meinen anfänglichen Erlebnissen entfernt. Alle meine Arbeiten, alles, was ich geistig geschaffen habe, kommt aus den Initialimaginationen und -träumen. 1912 fing es an, das sind jetzt fast fünfzig Jahre her. Alles, was ich in meinem späteren Leben getan habe, ist in ihnen bereits enthalten, wenn auch erst in Form von Emotionen oder Bildern.
Meine Wissenschaft war das Mittel und die einzige Möglichkeit, mich aus jenem Chaos herauszuwinden. Sonst hätte mir das Material angehaftet wie Kletten oder Sumpfpflanzen. Ich verwandte große Sorgfalt darauf, jedes einzelne Bild, jeden Inhalt zu verstehen, ihn - soweit dies möglich ist rational einzuordnen und vor allem im Leben zu realisieren. Das ist es, was man meistens versäumt. Man läßt die Bilder aufsteigen und wundert sich vielleicht über sie, aber dabei läßt man es bewenden. Man gibt sich nicht die Mühe, sie zu verstehen, geschweige denn die ethischen Konsequenzen zu ziehen. Damit beschwört man die negativen Wirkungen des Unbewußten herauf.
Auch wer die Bilder einigermaßen versteht, jedoch glaubt, es sei mit dem Wissen getan, erliegt einem gefährlichen Irrtum. Denn wer seine Erkenntnis nicht als ethische Verpflichtung anschaut, verfällt dem Machtprinzip. Es können daraus destruktive Wirkungen entstehen, die nicht nur andere zerstören, sondern auch den Wissenden selber. Mit den Bildern des Unbewußten ist dem Men-schen eine schwere Verantwortung auferlegt. Das Nicht-Verstehen sowie der Mangel an ethischer Verpflichtung berauben die Existenz ihrer Ganzheit und verleihen manchem individuellen Leben den peinlichen Charakter der Fragmenthaftigkeit.
In die Zeit der Beschäftigung mit den Bildern des Unbewußten fiel mein Entschluß, mich von der Zürcher Universität zurückzuziehen, an der ich acht Jahre lang als Privatdozent tätig gewesen war (seit 1905). Das Erlebnis und die Erfahrung des Unbewußten hatten mich intellektuell aufs äußerste gehemmt. Nach der Beendigung des Buches über die «Wandlungen und Symbole der Libido» (1911) " war es mir drei Jahre lang unmöglich, auch nur ein wissenschaftliches Buch zu lesen. So entstand das Gefühl, ich könne in der Welt des Intellektes nicht mehr mitmachen. Ich hätte auch über das, was mich wirklich beschäftigte, nicht reden können. Das aus dem Unbewußten zutage geförderte Material hatte mich sozusagen sprachlos gelassen. Ich konnte es damals weder verstehen noch irgendwie gestalten. An der Universität hatte ich aber eine exponierte Stellung, und ich fühlte, daß ich zuerst eine neue und ganz andere Orientierung finden müßte, und daß es unfair wäre, in einer aus lauter Zweifeln bestehenden Geistesverfassung junge Studenten zu lehren 12.
Damit sah ich mich vor die Alternative gestellt: entweder setze ich meine akademische Laufbahn, die mir damals offenstand, fort, oder ich folge meiner inneren Persönlichkeit, der «höheren Vernunft» und führe diese merkwürdige Aufgabe, das Experiment meiner Auseinandersetzung mit dem Unbewußten, weiter.
So gab ich bewußt meine akademische Karriere auf, denn bevor ich mit meinem Experiment nicht zu einem Ende gekommen war, konnte ich nicht vor die Öffentlichkeit treten 13. Ich spürte, es war etwas