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Großes, das mir widerfuhr, und ich baute auf das, was mir sub specie aeternitatis als wichtiger erschien. Ich wußte, es würde

11 Revidierte Neuauflage: «Symbole der Wandlung.» Ges. Werke V, 1973.

12 Während dieser Zwischen2eit schrieb Jung nur wenig: einige englische Aufsätze und die Schrift «Das Unbewußte im normalen und kranken Seelenleben» (nach Umarbeitung unter dem Titel «Über die Psychologie des Unbewußten» erschienen, in Ges. Werke VII, 2. Aufl. 1974). Die Periode endete mit der Publikat ion des Buches «Psychologische Typen», 1921. A. J.

13 Erst im Jahre 1933 nahm Jung seine akademische Lehrtätigkeit wieder auf, und zwar an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. 1935 wurde er zum Titularprofessor ernannt. 1942 gab er dieses Amt aus Gesundheitsrücksichten auf, folgte aber 1944 der Berufung an die Universität Basel als Ordentlicher Professor im Rahmen eines für ihn gegründeten Ordinariates für Medizinische Psychologie. Nach der ersten Vorlesung mußte er jedoch wegen schwerer Erkrankung auch hier auf seine Lehrtätigkeit verzichten und ein Jahr später demissionieren. A. J.

mein Leben ausfüllen, und ich war um dieses Zieles willen zu jedem Wagnis bereit.

Was bedeutete es schon, ob ich Professor gewesen bin oder nicht? Es ärgerte mich natürlich, ich hatte sogar eine Wut auf das Schicksal, und es tat mir in vieler Hinsicht leid, daß ich mich nicht auf das Allgemeinverständliche einschränken konnte. Aber Emotionen dieser Art sind vorübergehend. Im Grunde wollen sie nichts heißen. Das andere hingegen ist wichtig, und wenn man sich auf das konzentriert, was die innere Persönlichkeit will und sagt, dann ist der Schmerz vorbei. Das habe ich immer wieder erlebt, nicht nur, als ich auf die akademische Laufbahn verzichtete. Die ersten Erfahrungen dieser Art machte ich schon als Kind. In meiner Jugend war ich jähzornig; aber immer, wenn die Emotion auf den Höhepunkt gelangt war, kippte sie um, und dann kam die Weltraumstille. Da war ich entfernt von allem, und was mich eben noch erregt hatte, schien einer fernen Vergangenheit anzugehören.

Die Konsequenz meines Entschlusses und meiner Beschäftigung mit Dingen, die weder ich noch andere verstehen konnten, war eine große Einsamkeit. Das wurde mir sehr bald klar. Ich trug Gedanken mit mir herum, über die ich zu niemandem sprechen konnte;

sie wären nur mißverstanden worden. In schärfster Weise_erlebte ich den Gegensatz zwischen der äußeren und der inneren Welt. Das Zusammenspiel beider Welten, um das ich heute weiß, konnte ich damals noch nicht erfassen. Ich sah nur einen unversöhnlichen Gegensatz zwischen Innen und Außen.

Es war mir aber von Anfang an klar, daß ich den Anschluß an die äußere Welt und die Menschen nur finden würde, wenn ich mich aufs Intensivste bemühte zu zeigen, daß die Inhalte der psychischen Erfahrung «wirklich» sind, und zwar nicht nur als meine persönlichen Erlebnisse, sondern als kollektive Erfahrungen, die sich auch bei anderen Menschen wiederholen können. Das habe ich später in meiner wissenschaftlichen Arbeit nachzuweisen versucht. Zunächst aber tat ich alles, um den mir Nahestehenden eine neue maniere de voir beizubringen. Ich wußte, daß ich zu absoluter Einsamkeit verdammt wäre, wenn mir das nicht gelänge.

Erst gegen Ende des Ersten Weltkrieges kam ich allmählich aus der Dunkelheit heraus. Zwei Dinge waren es, die dazu beitrugen, die Luft zu klären: Ich brach die Beziehung zu der Dame ab, die mir suggerieren wollte, meine Phantasien hätten künstlerischen

Wert. Vor allem aber fing ich an, meine Mandalazeichnungen zu verstehen. Das war 1918/19. Das erste Mandala hatte ich 1916 gemalt, nachdem die «Septem Sermones ad Mortuos» geschrieben waren. Natürlich hatte ich es nicht verstanden.

1918/19 war ich in Chäteau d'Oex Commandant de la Region Anglaise des Internes de Guerre. Dort skizzierte ich jeden Morgen in ein Carnet eine kleine Kreiszeichnung, ein Mandala, welches meiner jeweiligen inneren Situation zu entsprechen schien. Anhand der Bilder konnte ich die psychis chen Wandlungen von Tag zu Tag beobachten. Einmal erhielt ich z. B. einen Brief jener ästhetischen Dame, in welchem sie wieder einmal hartnäckig die Ansicht vertrat, daß die dem Unbewußten entstammenden Phantasien künstlerischen Wert besäßen und darum Kunst bedeuteten. Der Brief ging mir auf die Nerven. Er war keineswegs dumm und darum insinuierend. Der moderne Künstler ist ja bestrebt, Kunst aus dem Unbewußten zu gestalten. Der aus den Zeilen des Briefes sprechende Utilitarismus und die Wichtigtuerei berührten einen Zweifel in mir, nämlich die Unsicherheit, ob die hervorgebrachten Phantasien wirklich spontan und natürlich und nicht am Ende meine eigene arbiträre Leistung seien. Ich war keineswegs frei von dem allgemeinen Vorurteil und der Hybris des Bewußtseins, daß jeder einigermaßen ansehnliche Einfall das eigene Verdienst sei, wogegen minderwertige Reaktionen nur zufällig entstünden, oder sogar aus fremden Quellen herrührten. Aus dieser Irritation und Uneinigkeit mit mir selber ging anderntags ein verändertes Mandala hervor: ein Teil der Rundung war herausgebrochen, und die Symmetrie war gestört.

Nur allmählich kam ich darauf, was das Mandala eigentlich ist: «Gestaltung - Umgestaltung, des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung». Und das ist das Selbst, die Ganzheit der Persönlichkeit, die, wenn alles gut steht, harmonisch ist, die aber keine Selbsttäuschungen erträgt.

Meine Mandalabilder waren Kryptogramme über den Zustand meines Selbst, die mir täglich zugestellt wurden. Ich sah, wie das Selbst, d. h. meine Ganzheit, am Werke war. Das konnte ich allerdings zuerst nur andeutungsweise verstehen; jedoch schienen mir die Zeichnungen schon damals hochbedeutsam, und ich hütete sie wie kostbare Perlen. Ich hatte das deutliche Gefühl von etwas Zentralem, und mit der Zeit gewann ich eine lebendige Vorstellung des Selbst. Es kam mir vor wie die Monade, die ich bin und die meine

Welt ist. Das Mandala stellt diese Monade dar und entspricht der mikrokosmischen Natur der Seele.

Ich weiß nicht mehr, wieviele Mandalas ich damals gezeichnet habe. Es waren sehr viele. Während ich daran arbeitete, tauchte immer wieder die Frage auf: «Wohin führt der Prozeß, in dem ich stehe? Wo liegt sein Ziel?» Ich wußte aus eigener Erfahrung, daß ich von mir aus kein Ziel hätte wählen können, das mir vertrauenswürdig erschienen wäre. Ich hatte erlebt, daß ich die Idee der Überordnung des Ich vollkommen aufgeben mußte. Daran war ich ja gescheitert: ich wollte die wissenschaftliche Durcharbeitung der Mythen fortsetzen, so wie ich sie in «Wandlungen und Symbole der Libido» begonnen hatte. Das war mein Ziel. Aber keine Rede davon! Ich wurde gezwungen, den Prozeß des Unbewußten selber durchzumachen. Ich mußte mich zuerst von diesem Strom mitreißen lassen, ohne zu wissen, wohin er mich führen würde. Erst als ich die Mandalas zu malen anfing, sah ich, daß alles, alle Wege, die ich ging, und alle Schritte, die ich tat, wieder zu einem Punkte zurückführten, nämlich zur Mitte. Es wurde mir immer deutlicher: das Mandala ist das Zentrum. Es ist der Ausdruck für alle Wege. Es ist der Weg zur Mitte, zur Individuation.

Während der Jahre zwischen 1918 bis ungefähr 1920 wurde mir klar, daß das Ziel der psychischen Entwicklung das Selbst ist. Es gibt keine lineare Entwicklung, es gibt nur eine Circumambula -tion des Selbst. Eine einsinnige Entwicklung gibt es höchstens am Anfang; später ist alles Hinweis auf die Mitte. Diese Erkenntnis gab mir Festigkeit, und allmählich stellte sich die innere Ruhe wieder ein. Ich wußte, daß ich mit dem Mandala als Ausdruck für das Selbst das für mich Letzte erreicht hatte. Vielleicht weiß ein anderer mehr, aber nicht ich.

Eine Bestätigung der Gedanken über das Zentrum und das Selbst erhielt ich Jahre später (1927) durch einen Traum. Seine Essenz habe ich in einem Mandala dargestellt, das ich als «Fenster in die Ewigkeit» bezeichnete. Das Bild ist in «Das Geheimnis der Goldenen Blüte» abgebildet14. Ein Jahr später malte ich ein zweites Bild, ebenfalls ein Mandala, welches im Zentrum ein goldenes Schloß darstellt18. Als es fertig war, fragte ich mich: «Warum ist das 14 Abb. 3. In Ges. Werke IX/1, 1976, Bild 6.