15 «Das Geheimnis der Goldenen Blüte», 10. Aufl. 1973, Abb. 10, in Ges. Werke IX/1, 1976, Bild 36.
so chinesis ch ?» - Ich war beeindruckt von der Form und Farbenwahl, die mir chinesisch erschienen, obwohl äußerlich nichts Chinesisches an dem Mandala war. Aber das Bild wirkte so auf mich. Es war ein seltsames Zusammentreffen, daß ich kurz darauf einen Brief von Richard Wilhelm erhielt. Er schickte mir das Manuskript eines chinesischen taoistischalchemistischen Traktates mit dem Titel «Das Geheimnis der Goldenen Blüte» und bat mich, ihn zu kommentieren. Ich habe das Manuskript sofort verschlungen; denn der Text brachte mir eine ungeahnte Bestätigung me'ner Gedanken über das Mandala und die Umkreisung der Mitte. Das war das erste Ereignis, das meine Einsamkeit durchbrach. Dort fühlte ich Verwandtes, und dort konnte ich anknüpfenle.
Zur Erinnerung an dieses Zusammentreffen, an die Synchroni-zität, schrieb ich damals unter das Mandala: «1928, als ich das Bild malte, welches das goldne wohlbewehrte Schloß zeigt, sandte mir Richard Wilhelm in Frankfurt den chinesischen, tausend Jahre alten Text vom gelben Schloß, dem Keim des unsterblichen Körpers.»
Ein Mandala stellte auch der Traum aus dem Jahr 1927 dar, auf den ich bereits hingewiesen habe:
Ich fand mich in einer Stadt, schmutzig, rußig. Es regnete und es war finster, es war Winter und Nacht. Das war Liverpool. Mit einer Anzahl, sagen wir einem halben Dutzend Schweizern ging ich durch die dunkeln Straßen. Ich hatte das Gefühl, wir kämen vom Meere her, vom Hafen, und die eigentliche Stadt stünde oben, auf den Cliffs. Dort hinauf gingen wir. Es erinnerte mich an Baseclass="underline" der Markt liegt unten, und dann geht's durch das Totengäßchen hinauf zu einem oberen Plateau, zum Petersplatz und der großen Peterskirche. Als wir auf das Plateau kamen, fanden wir einen weiten, von Straßenlaternen schwach erleuchteten Platz, in den viele Straßen einmündeten. Die Stadtquartiere waren radiär um den Platz angeordnet. In der Mitte befand sich ein runder Teich und darin eine kleine zentrale Insel. Während alles von Regen, Nebel, Rauch und spärlich erhellter Nacht bedeckt war, erstrahlte die kleine Insel im Sonnenlicht. Dort wuchs ein einzelner Baum, eine Magnolie, übergossen von rötlichen Blüten. Es war, als ob der Baum im Sonnenlicht stünde und zugleich selbst Licht wäre.
1» Über Richard Wilhelm vgl. Appendix pag. 380 ff.
Meine Gefährten kommentierten das abscheuliche Wetter und sahen offenbar den Baum nicht. Sie sprachen von einem ändern Schweizer, der in Liverpool wohne, und wunderten sich, daß er sich gerade hier angesiedelt habe. Ich war von der Schönheit des blühenden Baumes und der sonnenbestrahlten Insel hingerissen und dachte: Ich weiß schon warum, und erwachte.
Zu einer Einzelheit des Traumes muß ich nachträglich noch eine Bemerkung beifügen: die einzelnen Quartiere der Stadt waren ihrerseits wieder radiär um einen Mittelpunkt angeordnet. Dieser bildete einen kleinen, offenen Platz, von einer größeren Laterne erhellt, und stellte dergestalt eine kleinere Nachbildung der Insel dar. Ich wußte, daß der «andere Schweizer» in der Nähe eines solchen sekundären Zentrums wohnte.
Dieser Traum stellte meine damalige Situation dar. Ich sehe jetzt noch die grau-gelben Regenmäntel, von der Feuchtigkeit des Regens glänzend. Alles war höchst unerfreulich, schwarz und undurchsichtig - so wie ich mich damals fühlte. Aber ich hatte das Gesicht der überirdischen Schönheit, und darum konnte ich überhaupt leben. Liverpool ist der «pool of life». «Liver», Leber, ist nach alter Auffassung der Sitz des Lebens.
Das Erlebnis des Traumes verband sich mir mit dem Gefühl des Endgültigen. Ich sah, daß hier das Ziel ausgedrückt war. Die Mitte ist das Ziel, und über sie kommt man nicht hinweg. Durch den Traum verstand ich, daß das Selbst ein Prinzip und ein Archetypus der Orientierung und des Sinns ist. Darin liegt seine heilbringende Funktion. Aus dieser Erkenntnis ergab sich mir eine erste Ahnung meines Mythus.
Nach dem Traum gab ich es auf, Mandalas zu zeichnen oder zu malen. Er drückte den Gipfel der Bewußtseinsentwicklung aus. Er befriedigte mich restlos, denn er gab ein vollständiges Bild meiner Situation. Ich hatte zwar gewußt, daß ich mit etwas Bedeutendem beschäftigt war, aber mir fehlte noch das Verständnis, und es war niemand in meiner Umgebung, der es verstanden hätte. Die Verdeutlichung durch den Traum gab mir die Möglichkeit, das, was mich erfüllte, objektiv zu betrachten.
Ohne eine solche Vision hätte ich vielleicht meine Orientierung verloren und meine Unternehmung aufgeben müssen. Aber hier war der Sinn ausgedrückt. Als ich mich von Freud getrennt hatte, wußte ich, daß ich in das Nicht-Gewußte, Unbekannte hinausfiel. Ich wußte ja nichts Eigentliches über Freud hinaus; aber ich hatte
den Schritt ins Dunkle gewagt. Wenn dann ein solcher Traum kommt, empfindet man ihn als einen actus gratiae.
Es hat mich sozusagen fünfundvierzig Jahre gekostet, um die Dinge, die ich damals erlebte und niederschrieb, in dem Gefäß meines wissenschaftlichen Werkes einzufangen. Als junger Mann war mein Ziel, etwas in meiner Wissenschaft zu leisten. Aber dann stieß ich auf diesen Lavastrom, und die Leidenschaft, die in seinem Feuer lag, hat mein Leben umgeformt und angeordnet. Das war der Urstoff, der's erzwungen hat, und mein Werk ist ein mehr oder weniger gelungenes Bemühen, diese heiße Materie in die Weltanschauung meiner Zeit einzubauen. Die ersten Imaginationen und Träume waren wie feurig -flüssiger Basalt, aus ihnen kristallisierte sich der Stein, den ich bearbeiten konnte.
Die Jahre, in denen ich den inneren Bildern nachging, waren die wichtigste Zeit meines Lebens, in der sich alles Wesentliche entschied. Damals begann es, und die späteren Einzelheiten sind nur Ergänzungen und Verdeutlichungen. Meine gesamte spätere Tätigkeit bestand darin, das auszuarbeiten, was in jenen Jahren aus dem Unbewußten aufgebrochen war und mich zunächst überflutete. Es
war der Urstoff für ein Lebenswerk.
Zur Entstehung des Werkes
Mit dem Beginn der zweiten Lebenshälfte hatte die Auseinandersetzung mit dem Unbewußten eingesetzt. Meine Arbeit daran zog sich lange Zeit hin, und erst nach etwa zwanzig Jahren war ich soweit, daß ich die Inhalte meiner Imaginationen einigermaßen verstehen konnte.
Zuerst mußte ich mir den Nachweis der historischen Präfigu-ration der inneren Erfahrungen erbringen, d. h. ich mußte die Frage beantworten: «Wo finden sich meine Voraussetzungen in der Geschichte?» Wenn mir ein solcher Nachweis nicht gelungen wäre, hätte ich meine Gedanken nie zu bestätigen vermocht. Hier wurde mir die Begegnung mit der Alchemie zum entscheidenden Erlebnis, denn erst durch sie ergaben sich die historischen Grundlagen, die ich bis dahin vermißt hatte.
Die analytische Psychologie gehört grundsätzlich zur Naturwis senschaft, unterliegt aber der persönlichen Voraussetzung des Beob-achters viel mehr als irgend eine andere Wissenschaft. Daher ist sie in hohem Maße auf historisch-dokumentarische Vergleiche angewiesen, um wenigstens die gröbsten Fehler in der Beurteilung auszuschalten.
Etwa von 1918 bis 1926 hatte ich mich ernsthaft mit den Gno-stikern beschäftigt, denn auch sie waren der Urwelt des Unbewußten begegnet. Sie hatten sich mit seinen Inhalten und Bildern befaßt, die offenkundig mit der Triebwelt kontaminiert waren. Auf welche Weise sie die Bilder verstanden, ist jedoch bei der Spärlichkeit der Nachrichten, die wir zudem meistens ihren Gegnern, den Kirchenvätern, verdanken, nur schwer zu sagen. Keinesfalls aber ist es wahrscheinlich, daß sie eine psychologische Auffassung hatten. Für meine Fragestellungen waren die Gnostiker zeitlich zu weit entfernt, als daß ich an sie hätte anknüpfen können. Die Tradition zwischen Gnosis und Gegenwart schien mir abgerissen, und lange Zeit war es mir nicht möglich, die Brücke vom Gnostizismus - oder Neuplatonismus - zur Gegenwart zu finden. Erst als ich anfing, die Alchemie zu verstehen, erkannte ich, daß sich durch sie die historische Verbindung zum Gnostizismus ergibt, daß durch die Alchemie die Kontinuität von der Vergangenheit zur Gegenwart hergestellt ist. Als eine Naturphilosophie des Mittelalters schlug sie eine Brücke sowohl in die Vergangenheit, nämlich zum Gnostizis -mus, als auch in die Zukunft, zur modernen Psychologie des Unbewußten.