Die Psychologie des Unbewußten war von Freud mit den klassischen gnostischen Motiven der Sexualität einerseits und der bösen Vaterautorität andererseits eingeführt worden. Das Motiv des gnostischen Jahwe und Schöpfergottes erschien aufs neue in Freuds Mythus vom Urvater und dem von diesem Vater abstammenden düsteren Über-Ich. jn Freuds Mythus offenbarte er sich als ein Dä-mon, der eine Welt von Enttäuschungen, Illusionen und Leid hervorgebracht hat. Aber die Entwicklung zum Materialismus, die schon in der Beschäftigung der Alchemie mit dem Geheimnis des Stoffes vorgezeichnet war, hatte dazu geführt, Freud den Ausblick auf einen weiteren wesentlichen Aspekt des Gnostizismus zu verwehren, nämlich auf das Urbild des Geistes als eines anderen, höheren Gottes. Laut gnostischer Tradition war es dieser höhere Gott, der den Krater (Mischgefäß), das Gefäß geistiger Wandlung, den Menschen zuhilfe gesandt hatte*. Der Krater ist ein weibliches Prinzip, das in der patriarchalischen Welt Freuds keinen Platz gefunden hat. Mit diesem Präjudiz steht Freud allerdings nicht allein. In der katholischen Geisteswelt hat nach jahrhundertelangem Zögern erst kürzlich die Gottesmutter und Braut Christi Aufnahme im göttlichen Thalamus und damit wenigstens eine approximative Anerkennung erfahren2. In der protestantischen und jüdischen Welt herrscht nach wie vor der Vater. Im Gegensatz dazu hat in der hermetischen Philosophie der Alchemie das weibliche Prinzip eine hervorragende und dem männlichen ebenbürtige Rolle gespielt. Eines der wichtigsten weiblichen Symbole in der Alchemie
* Der Krater bedeutete in den Schriften des Poimandres, der einer heid-nisch-gnosti sehen Sekte angehörte, ein Gefäß, das mit Geist gefüllt, vom Schöpfergott zur Erde gesandt wurde, damit diejenigen, die nach höherer Bewußtheit strebten, sich darin taufen lassen konnten. Er war eine Art Uterus der geistigen Erneuerung und Wiedergeburt. A. J.
* Hier spielte Jung auf die päpstliche Bulle von Pius XII. an, welche das Dogma der Assumptio Mariae verkündete (1950). Es heißt darin, daß Maria als die Braut mit dem Sohn und als Sophia mit der Gottheit im himmlischen Brautgemach (thalamus) vereinigt worden sei. Dadurch wurde das Prinzip des Weiblichen in nächste Nähe der männlichen Trinität gerückt. «Antwort auf Hiob», in Ges. Werke XI, 2. Aufl. 1973, pag. 492 ä.
war das Gefäß, in dem die Wandlung der Substanzen sich vollziehen sollte. Im Zentrum meiner psychologischen Entdeckungen steht wiederum ein Prozeß innerer Wandlung: die Individuation.
Bevor ich die Alchemie entdeckte, hatten sich wiederholt Träume eingestellt, bei welchen es sich immer um das gleiche Motiv handelte: neben meinem Haus stand noch ein anderes, d. h. ein anderer Flügel oder ein Anbau, der mir fremd war. Jedesmal wunderte ich mich im Traume, daß ich das Haus nicht kannte, obwohl es doch anscheinend immer schon dagewesen war. Schließlich kam ein Traum, in welchem ich in den anderen Flügel gelangte. Ich entdeckte dort eine wunderbare Bibliothek, die zum großen Teil aus dem 16. und aus dem 17. Jahrhundert stammte. Große dicke Folianten, in Schweinsleder gebunden, standen an den Wänden. Unter ihnen gab es etliche, die mit Kupferstichen von seltsamer Natur verziert waren und Abbildungen wunderlicher Symbole enthielten, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Ich wußte damals nicht, worauf sie sich bezogen, und erkannte erst sehr viel später, daß es alchemistische Symbole waren. Im Traume erlebte ich nur eine unbeschreibliche Faszination, die von ihnen und der ganzen Bibliothek ausging. Es war eine mittelalterliche Sammlung von Incuna-beln und Drucken des 16. Jahrhunderts.
Der mir unbekannte Flügel ist ein Teil meiner Persönlichkeit, ein Aspekt meiner selbst; er stellt etwas dar, das zu mir gehört, mir aber damals noch nicht bewußt war. Er und besonders die Bibliothek bezogen sich auf die Alchemie, die ich ebenfalls noch nicht kannte, deren Studium mir aber bevorstand. Etwa fünfzehn Jahre später hatte ich eine einigermaßen ähnliche Bibliothek in Wirklichkeit gesammelt.
Der entscheidende Traum, der meine Begegnung mit der Alchemie vorausnahm, kam etwa 1926:
Ich bin in Süd -Tirol. Es ist Krieg. Ich befinde mich an der italienischen Front und fahre aus der Frontzone zurück mit einem kleinen Mann, einem Bauern, auf seinem Pferdewagen. Ringsum schlagen Granaten ein, und ich weiß, daß wir so rasch wie möglich weiter müssen, denn es ist sehr gefährlich'.
8 Die Granaten, die vom Himmel fallen, sind als Geschosse zu verstehen, die von der «ändern Seite» kommen, vom Feinde her. Es sind also Wirkun-gen, die vom Unbewußten, von er Seite des Schattens ausgehen. Das Traumgeschehen deutet darauf hin, daß der Krieg, der sich einige Jahre
Wir müssen über eine Brücke hinweg durch einen Tunnel, dessen Gewölbe zum Teil durch Geschosse ze rstört ist. Am Ende des Tunnels angelangt, erblicken wir vor uns eine sonnige Landschaft, und ich erkenne die Gegend von Verona. Unter mir liegt die Stadt, alles strahlt in vollem Sonnenschein. Ich bin erleichtert, und wir fahren hinaus in die grüne, blühende lombardische Ebene. Der Weg führt durch die schöne Frühlingslandschaft, und wir sehen die Reisfelder, die Olivenbäume und die Reben. Da erblicke ich quer zur Straße ein großes Gebäude, einen Herrensitz von weiten Ausmaßen, etwa wie das Schloß eines oberitalienischen Fürsten. Es ist ein charakteristisches Herrenhaus mit vielen Dependancen und Seitengebäuden. Ähnlich wie im Louvre führt die Straße am Schloß vorbei durch einen großen Hof. Der kleine Kutscher und ich fahren durch ein Tor hinein und können von hier aus durch ein entferntes zweites Tor wieder hinaus in die besonnte Landschaft blicken. Ich schaue mich um: rechts ist die Front des Herrenhauses, links sind die Domestikenhäuser und die Ställe, die Scheunen und andere Nebengebäude, die sich weit hinstrecken.
Wie wir mitten im Hof angelangt sind, gerade vor dem Haupteingang, geschieht etwas Unerwartetes: Mit einem dumpfen Krach gehen beide Tore zu. Der Bauer springt vom Bock seines Wagens und ruft: «Jetzt sind wir im 17. Jahrhundert gefangen!» - Resigniert denke ich: Ja, das ist so! - Aber was ist da zu machen? Jetzt sind wir auf Jahre hinaus gefangen! - Aber dann kommt mir der tröstliche Gedanke: Einmal, nach Jahren, werde ich wieder herauskommen.
Nach diesem Traum wälzte ich dicke Bände über Welt-, Reli-gions- und Philosophiegeschichte, ohne irgend etwas zu finden, was ihn mir hätte erklären können. Erst sehr viel später verstand ich, daß der Traum sich auf die Alchemie bezog. Ihr Höhepunkt fällt in das 17. Jahrhundert. Merkwürdigerweise hatte ich ganz vergessen, was Herbert Silberer über Alchemie geschrieben hatte4. Zur Zeit, als sein Buch erschien, kam mir die Alchemie als etwas Abseitiges und Skurriles vor, so sehr ich auch Silberers anagogischen, d. h. konstruktiven Gesichtspunkt zu schätzen wußte. Ich stand damals in Korrespondenz mit ihm und habe ihm meine Zustimzuvor außen abgespielt hatte, noch nicht zu Ende ist, sondern innen, in der Psyche, weitergeht. Anscheinend liegt hier die Lösung der Probleme, welche außen nicht gefunden werden konnte. A. J. 4 «Probleme der Mystik und ihrer Symbolik», 1914.
mung ausgedrückt. Wie sein tragisches Ende zeigt, war jedoch seine Ansicht von keiner Einsicht gefolgt8. Silberer hatte hauptsächlich spätes Material benutzt, mit dem ich nicht viel anfangen konnte. Die späten alchemistischen Texte sind phantastisch und barock;