Das Typenbuch brachte die Erkenntnis, daß jedes Urteil eines Menschen durch seinen Typus beschränkt und jede Betrachtungsweise eine relative ist. Damit erhob sich die Frage nach der Einheit, die diese Vielheit kompensiert. Sie führte mich unmittelbar zum chinesischen Begriff des Tao. Von dem Zusammenspiel meiner inneren Entwicklung mit der Übersendung eines taoistischen Textes durch Richard Wilhelm habe ich bereits erzählt. 1929 entstand das mit ihm gemeinsam herausgegebene Buch «Das Geheimnis der Goldenen Blüte». Damals erreichte ich in meinem Nachdenken und meinen Forschungen den zentralen Punkt meiner Psychologie, nämlich die Idee des Selbst. Erst danach fand ich meinen Weg zurück in die Welt. Ich begann Vorträge zu halten und machte verschiedene kleinere Reisen. Zahlreiche Einzelaufsätze und Vorträge bildeten gewissermaßen das Gegengewicht zu der jahrelangen inneren Präokkupation; sie enthielten Antworten auf Fragen, die mir von meinen Lesern und meinen Patienten gestellt worden waren'.
8 «Psychologische Typen», 1921, in Ges. Werke VI, 2. Aufl. 1971.
9 Die Aufsätze sind enthalten in Ges. Werke X, 1974 und Ges. Werke XVI, 2. Aufl. 1976.
Ein Thema, das mir schon seit meinem Buch über «Wandlungen und Symbole der Libido» am Herzen lag, war die Theorie der Libido. Ich faßte die Libido als ein psychisches Analogon der physikalischen Energie auf, also als einen annähernd quantitativen Begriff und lehnte darum jede qualitative Wesensbestimmung der Libido ab. Es lag mir daran, von dem bis dahin bestehenden Konkretismus der Libidolehre loszukommen, also nicht meh r von Hunger-, Aggressions- oder Sexualtrieben usw. zu sprechen, sondern alle diese Erscheinungen als verschiedenartige Äußerungen der psychischen Energie zusammenzusehen.
Auch in der Physik spricht man von Energie und ihren Erscheinungsweisen als Elektrizität, Licht, Wärme usw. Genauso ist es in der Psychologie. Es handelt sich auch hier in erster Linie um Energie (d. h. um Intensitätswerte, um ein mehr oder weniger), und die Erscheinungsform kann sehr verschiedenartig sein. Durch die energetische Auffassung der Libido entsteht eine gewisse Einheitlichkeit der Anschauungen, während die oft kontroversen Fragen nach der Natur der Libido - ob sie Sexualität, Macht, Hunger, oder etwas anderes sei - in den Hintergrund treten. Es lag mir daran, eine Einheitlichkeit, wie sie in den Naturwissenschaften als eine allgemeine Energetik besteht, auch für die Psychologie herzustellen. Dies war das Ziel, das ich in dem Buch «Über die Energetik der Seele» (1928) verfolgte10. Ich betrachte z.B. die menschlichen Triebe als Manifestationsformen energetischer Vorgänge und damit als Kräfte analog der Wärme, dem Licht usw. Wie es dem heutigen Physiker nicht einfallen würde, alle Kräfte z. B. lediglich aus der Wärme abzuleiten, so wenig ist es in der Psychologie zulässig, alle Triebe dem Begriff der Macht oder demjenigen der Sexualität unterzuordnen. Dies war Freuds anfänglicher Irrtum;
später hat er ihn korrigiert durch die Annahme der «Ichtriebe», um noch später dem Über-Ich sozusagen die Suprematie zu verleihen.
In «Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewußten» hatte ich nur festgestellt, daß und wie ich mich auf das Unbewußte beziehe, aber über das Unbewußte selber noch nichts gesagt. Die Beschäftigung mit meinen Phantasien vermittelte mir eine Ahnung, daß es sich wandelt oder Wandlung bewirkt. Erst als ich die Alche-mie kennen lernte, wurde es mir klar, daß das Unbewußte ein Prozeß ist, und daß die Beziehung des Ich zu den Inhalten des Un
10 Die Aufsätze dieses Bandes sind enthalten in Ges. Werke VIII, 1967. bewußten eine eigentliche Wandlung oder Entwicklung der Psyche auslöst. Im individuellen Fall ist der Prozeß an den Träumen und Phantasien abzulesen. In der Welt des Kollektiven hat er seinen Niederschlag vor allem in den verschiedenen Religionssystemen und in der Wandlung ihrer Symbole gefunden. Durch das Studium der individuellen und der kollektiven Wandlungsvorgänge und durch das Verständnis der alchemistischen Symbolik, kam ich zum zentralen Begriff meiner Psychologie, dem Individuationsprozeß.
Es ist ein wesentlicher Punkt meiner Arbeiten, daß sie schon früh Weltanschauungsfragen berühren und die Konfrontation der Psychologie mit der religiösen Frage behandeln. Doch erst in «Psychologie und Religion» (1940), und anschließend in den «Paracelsica» (1942), habe ich mich ausführlich darüber geäußert. Namentlich der zweite Aufsatz «Paracelsus als geistige Erscheinung» ist in dieser Hinsicht bedeutsam. Die Schriften des Paracelsus enthalten eine Fülle origineller Gedanken, in denen die Fragestellung der Alchemie deutlich zum Ausdruck kommt, allerdings in einer späten und barocken Form. Die Beschäftigung mit Paracelsus war es, die mich schließlich veranlaßt hat, das Wesen der Alchemie darzustellen, und zwar in ihrem Verhältnis zur Re ligion und zur Psychologie, oder man könnte auch sagen: die Alchemie in ihrem Aspekt als religiöse Philosophie. Das tat ich in «Psychologie und Alchemie» (1944). Damit war ich endlich auf dem Boden angelangt, der meinen eigenen Erfahrungen der Jahre 1913 bis 1917 zugrundelag; denn der Prozeß, durch den ich damals gegangen war, entsprach dem alchemistischen Wandlungsprozeß, von dem in «Psychologie und Alchemie» die Rede ist.
Natürlich stellt sich mir immer wieder die Frage nach der Beziehung der Symbolik des Unbewußten zur christlichen Religion und auch zu anderen Religionen. Ich lasse der Christlichen Botschaft nicht nur eine Tür offen, sondern sie gehört ins Zentrum des westlichen Menschen. Allerdings bedarf sie einer neuen Sicht, um den säkularen Wandlungen des Zeitgeistes zu entsprechen;
sonst steht sie neben der Zeit und die Ganzheit des Menschen neben ihr. Dies habe ich mich bemüht, in meinen Schriften darzulegen. Ich gab eine psychologische Deutung des Trinitätsdogmas u sowie des Messetextes, den ich überdies mit dem Text des Zosi
" 1942. In Ges. Werke XI, 2. Aufl. 1973.
mos von Panopolis, eines Alchemisten und Gnostikers des dritten Jahrhunderts, verglich". Mein Versuch einer Konfrontation der Analytischen Psychologie mit den christlichen Anschauungen führte mich schließlich zur Frage nach Christus als einer psychologischen Gestalt. Schon in «Psychologie und Alchemie» (1944) hatte ich in der alchemistischen Zentralvorstellung des Lapis, des Steines, eine Parallelfigur zu Christus nachweisen können.
Im Jahre 1959 hielt ich ein Seminar über die «Exercitia Spiri-tualia» des Ignatius von Loyola. Gleichzeitig war ich mit den Studien zu «Psychologie und Alchemie» beschäftigt. Eines Nachts erwachte ich und sah in helles Licht getaucht den Crucifixus am Fußende des Bettes. Er erschien nicht ganz in Lebensgröße, war aber sehr deutlich, und ich sah, daß sein Leib aus grünlichem Golde bestand. Es war ein herrlicher Anblick, doch ich erschrak über das Geschaute. Visionen als solche sind mir sonst nichts Ungewöhnliches, denn ich sehe öfters plastische hypnagogische Bilder.
Damals hatte ich viel über die «Anima Christi», eine Meditation aus den «Exercitia», nachgedacht. Die Vision schien mir nahezulegen, daß ich bei meinem Nachdenken etwas übersehen hatte, und das war die Analogie Christi zum «aurum non vulgi» (dem nicht gewöhnlichen Golde) und der «viriditas» (der Grüne) der Alchemisten. Als ich verstand, daß das Bild auf diese zentralen alchemistischen Symbole hinwies, daß es sich also eigentlich um eine alchemistische Christus-Vision handelte, war ich getröstet.
Das grüne Gold ist die lebendige Qualität, die die Alchemisten nicht nur im Menschen sahen, sondern auch in der anorganischen Natur. Es ist Ausdruck für einen Lebensgeist, die «anima mundi», oder den «filius macrocosmi», den in der ganzen Welt lebendigen Anthropos. Bis in die anorganische Materie ist dieser Geist ausgegossen, er liegt auch im Metall und im Stein. So war meine Vision eine Verein igung des Bildes Christi mit seiner Analogie, die in der Materie liegt, nämlich dem filius macrocosmi. Wäre mir das grüne Gold nicht aufgefallen, so wäre ich versucht gewesen anzunehmen, daß an meiner «christlichen» Auffassung etwas Wesentliches fehle, mit anderen Worten, daß mein traditionelles Bild irgendwie ungenügend sei und ich deshalb noch ein Stück christlicher