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12 «Das Wandlungssymbol in der Messe», 1942, in Ges. Werke XI, 2. Aufl. 1973.

Entwicklung nachzuholen hätte. Die Hervorhebung des Metalls aber zeigte mir die unverhohlene alchemistische Auffassung Christi als einer Vereinigung geistig -lebendiger und physisch-toter Materie an.

In «Aion» (1951) griff ich das Problem des Christus wieder auf. Hier ging es mir aber nicht um die Frage der geistesgeschichtlichen Parallelen, sondern um eine Konfrontation seiner Gestalt mit der Psychologie. Auch betrachtete ich Christus nicht als eine von allen Äußerlichkeiten befreite Gestalt, sondern ich wollte die sich durch die Jahrhunderte hinziehende Entwicklung des durch ihn dargestellten religiösen Inhalts aufzeigen. Es war mir auch wichtig, wie Christus astrologisch vorausgesagt werden konnte, und wie er aus dem Geiste seiner Zeit und im Verlauf der zweitausend Jahre christlicher Zeitrechnung verstanden wurde. Das war es, was ich darstellen wollte, zusammen mit all den merkwürdigen Randglossen, welche sich im Laufe der Zeiten um ihn angesammelt hatten.

Während der Arbeit ergab sich auch die Frage nach der historischen Gestalt, nach dem Menschen Jesus. Sie ist darum bedeutungsvoll, weil die kollektive Mentalität seiner Zeit - man könnte sagen:

der Archetypus, der damals konstelliert war, nämlich das Urbild des Anthropos - sich auf ihn, einen fast unbekannten jüdischen Propheten, niedergeschlagen hat. Die antike Anthropos-Idee, deren Wurzeln in der jüdischen Tradition einerseits und im ägyptischen Horus-Mythus andererseits liegen, hatte die Menschen zu Beginn der christlichen Aera ergriffen; denn sie entsprach dem Zeitgeist. Es ging um den «Menschensohn», den Sohn Gottes, der dem «divus Augustus», dem Herrscher dieser Welt, gegenüberstand. Dieser Gedanke machte das ursprünglich jüdische Problem des Messias zur Angelegenheit der Welt.

Es wäre aber ein schweres Mißverständnis, wollte man es als bloßen «Zufall» ansehen, daß Jesus, der Zimmermannssohn, das Evangelium verkündet hat und zum salvator mundi, zum Erlöser der Welt, geworden ist. Er muß eine Persönlichkeit von begnadetem Ausmaß gewesen sein, daß er imstande war, die allgemeine, wenn auch unbewußte Erwartung seiner Zeit so vollkommen auszudrücken und darzustellen. Niemand anderer hätte der Träger einer solchen Botschaft sein können als eben dieser Mensch Jesus.

Die alles erdrückende Macht Roms, verkörpert im göttlichen Caesar, hatte damals eine Welt geschaffen, in der nicht nur unzäh

lige Einzelne, sondern ganze Völker ihrer selbständigen Lebensform und ihrer geistigen Unabhängigkeit beraubt worden waren. Dem heutigen Individuum und den Kulturgemeinschaften steht eine ähnliche Drohung gegenüber, nämlich die Gefahr der Vermassung. Darum wird bereits vielerorts die Möglichkeit und die Hoffnung auf ein Wiedererscheinen Christi diskutiert, und es ist sogar ein visionäres Gerücht entstanden, welches eine Erlösungserwartung ausdrückt. Allerdings tritt sie heute in einer Form auf, die sich mit nichts in der Vergangenheit vergleichen läßt, sondern ein charakteristisches Kind des «Technischen Zeitalters» ist. Es ist die weltweite Verbreitung des UFO-Phänomens13.

Da es mein Ziel war, in vollem Umfang zu zeigen, inwiefern meine Psychologie eine Entsprechung der Alchemie ist - oder umgekehrt - ging es mir darum, neben den religiösen Fragen auch die speziellen Proble me der Psychotherapie im alchemistischen Werk aufzusuchen. Die zentrale Frage, das Hauptproblem der ärztlichen Psychotherapie, ist die Übertragung. Darin stimmten Freud und ich vollkommen überein. Auch hier konnte ich eine Entsprechung innerhalb der Alchemie nachweisen, nämlich in der Vorstellung der coniunctio (Vereinigung), deren hohe Bedeutung bereits Silberer aufgefallen war. Die Entsprechung hatte sich schon aus meinem Buch «Psychologie und Alchemie» ergeben. Meine Untersuchungen führten zwei Jahre später zu der Schrift «Die Psychologie der Übertragung» (1946) und schließlich zu meinem Werk «Mysterium Coniunctionis» (1955/56).

Wie fast alle Probleme, die mich menschlich oder wissenschaftlich beschäftigten, von Träumen begleitet oder vorweggenommen wurden, so auch dasjenige der Übertragung. In einem dieser Träume wurde es, zusammen mit dem Christusproblem, durch ein merkwürdiges und unerwartetes Bild angedeutet.

Ich träumte wiederum, mein Haus habe einen großen angebauten Flügel, in welchem ich noch nie gewesen war. Ich nahm mir vor, ihn anzusehen und schließlich ging ich hinein. Ich gelangte an eine große Flügeltüre. Als ich sie öffnete, befand ich mich in einem Raum, wo ein Laboratorium eingerichtet war. Vor dem Fenster stand ein Tisch, bedeckt mit vielen Gläsern und allen Para

13 Vgl. «Ein moderner Mythus. Von Dingen, die am Himmel gesehen werden», 1958. In Ges. Werke X, 1974.

phernalien eines zoologischen Laboratoriums. Das war der Arbeitsplatz meines Vaters. Er war aber nicht da. An den Wänden standen auf Schäften hunderte von Gläsern mit allen erdenklichen Sorten von Fischen. Ich war erstaunt: «Jetzt beschäftigt sich mein Vater mit Ichthyologie!»

Als ich da stand und mich umschaute, bemerkte ich einen Vorhang, der sich von Zeit zu Zeit aufbauschte, wie wenn ein starker Wind wehte. Plötzlich kam Hans, ein junger Mann vom Lande, und ich bat ihn, er möge nachsehen, ob im Raum hinter dem Vorhang ein Fenster offen stünde. Er ging hinüber, und als er nach einiger Zeit zurückkam, sah ich, daß er tief erschüttert war. Ein Ausdruck des Schreckens lag in seinen Zügen. Er sagte nur: «Ja, da ist etwas, da spukt es!»

Dann ging ich selbst hinüber und fand eine Tür, die in den Raum meiner Mutter führte. Kein Mensch war dort. Die Atmosphäre war unheimlich. In dem sehr großen Zimmer waren an der Decke zwei Reihen von je fünf Kästen, etwa zwei Fuß über dem Boden aufgehängt. Sie sahen aus wie kleine Gartenhäuschen von etwa zweimal zwei Metern Bodenfläche, und in jedem standen zwei Betten. Ich wußte, daß an diesem Ort meine Mutter, die in Wirklichkeit schon längst gestorben war, besucht wurde, und daßsie

hier Schlafgelegenheiten für Geister aufgeschlagen hatte. Es waren Geister, die paarweise kamen, sozusagen Geisterehepaare, die die Nacht oder auch den Tag dort zubrachtenl4.

Gegenüber dem Raum meiner Mutter befand sich eine Tür. Ich öffnete sie und kam in eine riesige Halle; sie erinnerte an die Halle eines großen Hotels mit Fauteuils, Tischchen, Säulen und aller dazugehörenden Pracht. Eine laute Blechmusik spielte. Ich hatte sie schon die ganze Zeit im Hintergrund gehört, ohne jedoch zu wis sen, woher sie kam. Niemand befand sich in der Halle, nur die «brassband» schmetterte ihre Weisen, Tänze und Märsche.

14 Dazu fielen mir die «Geisterfallen» ein, die ich in Kenya beobachtet hatte. Das sind kleine Häuschen, in denen die Leute kleine Betten aufstellen und auch etwas Proviant, «posho», dazulegen. Häufig liegt im Bett sogar das aus Lehm oder Ton hergestellte simulacrum eines Kranken, der geheilt werden soll. Ein oft kunstvoll mit kleinen Steinen gepflasterter Weg führt vom Fußpfad zu diesen Häuschen, damit die Geister dort einkehren und nicht im Kral, wo der Kranke liegt, den sie zu sich holen wollen. In der «Geisterfalle» verbringen die Geister dann die Nacht, um vor Tagesanbruch wieder in den Bambuswald, ihren eigentlichen Aufenthaltsort, zurückzukehren. C. G. J.

Die Blechmusik in der Hotelhalle deutet auf ostentative Fröhlichkeit und Weltlichkeit. Kein Mensch würde hinter dieser lauten Fassade die andere Welt geahnt haben, die sich auch noch im Haus befand. Das Traumbild der Halle ist sozusagen eine Karikatur meiner bonhomie oder weltlichen Jovialität. Das ist aber nur die Außenseite; dahinter liegt etwas ganz anderes, das sich jedenfalls bei Blechmusik nicht erörtern läßt: das Fischlaboratorium und die hängenden Geisterhäuschen. Beides waren eindrucksvolle Orte, in denen geheimnisvolle Stille herrschte. Ich hatte das Gefühclass="underline" hier lebte die Nacht, wäh rend die Halle die Tagwelt und ihre oberflächliche Weltlichkeit darstellte.