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Die wichtigsten Bilder des Traumes waren der «Geisterempfangsraum» und das Fischlaboratorium. Ersterer drückt auf eine etwas skurrile Weise das Problem der coniunctio, oder der Übertragung aus; und das Laboratorium weist auf meine Beschäftigung mit Christus hin, der ja selber der Fisch (ichthys) ist. Beides waren Inhalte, die mich mehr als ein Jahrzehnt lang in Atem hielten.

Es ist merkwürdig, daß die Beschäftigung mit dem Fisch im Traum meinem Vater attribuiert ist. Er ist sozusagen ein Betreuer christlicher Seelen, denn diese sind nach alter Anschauung Fische, die im Netze Petri gefangen werden. Ebenso merkwürdig ist die Tatsache, daß meine Mutter als Hüterin abgeschiedener Seelen erscheint. So sind im Traum meine beiden Eltern belastet mit dem Problem der cura animarum, die doch eigentlich meine Aufgabe ist. Etwas war unvollendet geblieben und darum noch bei den Eltern, also noch latent im Unbewußten und damit der Zukunft vorbehalten. Noch hatte ich mich nämlich mit dem Hauptanliegen der «philosophischen» Alchemie, der coniunctio, nicht auseinandergesetzt und damit jene Frage nicht beantwortet, welche die Seele des christlichen Menschen an mich stellte, und noch war die große Arbeit an der Gralssage, die sich meine Frau zu ihrer Lebensaufgabe gemacht hatte, nicht vollendet1B. Ich erinnere mich, wie oft mir die «Queste du St. Graal» und der Fischerkönig in den Sinn kamen, als ich am Ichthyssymbol in «Aion» arbeitete. Wenn mich die Rücksicht auf die Arbeit meiner Frau nicht gehindert hätte, so

18 Nach dem Tode meiner Frau, 1955, hat Dr. Marie-Louise von Franz die Arbeit am Gral aufgenommen und 1958 zu einem guten Ende geführt. Vergl. E. Jung und M.-L. v. Franz «Die Graalslegende in psychologischer Sicht». Studien aus dem C. G. JungInstitut, Band XII, Zürich 1960.

hätte ich die Gralssage unbedingt in meine Untersuchung der Al-chemie einbeziehen müssen.

Meine Erinnerung an meinen Vater ist die an einen Leidenden, der an einer Amfortaswunde litt, ein «Fischerkönig», dessen Wunde nicht heilen wollte das christliche Leiden, für welches die Akhemisten die Panacee (Heilmittel) suchten. Ich als ein «thum-ber» Parzival war Zeuge dieser Krankheit während der Jahre meiner Jugend, und wie jenem hatte mir die Sprache versagt. Ich ahnte bloß.

Mein Vater hat sich in Wirklichkeit nie mit der theriomorphen Christussymbolik beschäftigt, dafür aber das von Christus vorgezeigte und verheißene Leiden wortwörtlich bis zum Tode durchgelebt, ohne sich der Konsequenz der imitatio Christi klar bewußt zu werden. Er betrachtete sein Leiden als seine private Angelegenheit, über die man sich beim Arzte Rat holt, nicht aber als das Leiden des christlichen Menschen überhaupt. Das Wort Galat. II, 20, «Ich lebe, aber nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir», ist ihm in seiner Bedeutungsschwere nicht deutlich geworden, denn in religiöser Hinsicht perhorreszierte er alles Denken. Er wollte sich mit dem Glauben begnügen, doch dieser brach ihm die Treue. Damit wird öfters das sacrificium intellectus belohnt. «Nicht alle fassen dieses Wort, sondern nur die, denen es gegeben ist... es gibt Verschnittene, die sich selbst verschnitten haben um des Reiches der Himmel willen. Wer es fassen kann, fasse es!» (Math. XIX, 11 ff.) Ein blindes Annehmen führt nie zur Lösung, sondern bestenfalls zum Stillstand, und geht zu Lasten der folgenden Generation.

Der Besitz an theriomorphen Attributen weist darauf hin, daß die Götter nicht nur in übermenschliche Regionen reichen, sondern auch in die untermenschlichen Bezirke des Lebens. Die Tiere stellen gewissermaßen ihren Schatten dar, welchen die Natur dem lichten Bilde beigesellt. Die «pisciculi Christianorum» zeigen, daß die, welche Christo nachfo lgen, selber Fische sind. Es sind Seelen unbewußter Natur, die der cura animarum bedürfen. Das Fischlaboratorium ist also ein Synonym für die kirchliche Seelsorge. Wie der Verwundende sich selber verwundet, so heilt der Heilende sich selber. Bezeichnenderweise wird im Traum die entscheidende Tätigkeit von Toten an Toten ausgeführt, nämlich im Jenseits des Bewußtseins, also im Unbewußten.

Ein wesentlicher Aspekt meiner Aufgabe war mir in der Tat damals noch keineswegs bewußt geworden, und ich wäre darum

auch nicht fähig gewesen, den Traum befriedigend zu deuten. Ich konnte seinen Sinn nur erahnen und hatte noch die größten inneren Widerstände zu überwinden, bis ich «Antwort auf Hiob» niederschreiben konnte.

Die innere Wurzel zu dieser Schrift lag bereits in «Aion». Dort hatte ich mich mit der Psychologie des Christentums auseinandergesetzt, und Hiob ist gewissermaßen eine Präfiguration Christi. Beide sind verbunden durch die Idee des Leidens. Christus ist der leidende Gottesknecht, und das war auch Hiob. Bei Christus ist es die Sünde der Welt, welche das Leiden verursacht, und das Leiden des christlichen Menschen ist dessen allgemeine Antwort. Das führt unweigerlich zu der Frage: Wer ist an dieser Sünde schuld? Letzten Endes ist es Gott, der die Welt und ihre Sünde geschaffen hat und. der in Christus das menschliche Schicksal selber erleiden muß.

In «Aion» finden sich Hinweise auf das schwierige Thema der hellen und dunkeln Seite des Gottesbildes. Ich habe den «Zorn Gottes» angeführt, das Gebot, Gott zu fürchten, das «Führe uns nicht in Versuchung». Das ambivalente Gottesbild spielt im biblischen Hiobbuch eine entscheidende Rolle. Hiob erwartet, daß Gott ihm gewissermaßen beistehe gegen Gott, wodurch dessen tragische Gegensätzlichkeit zum Ausdruck kommt. Diese wird zum Hauptthema in «Antwort auf Hiob».

Die äußere Wurzel zu dieser Schrift lag in meiner Umwelt. Viele Fragen aus dem Publikum und von Patienten hatten mich genötigt, mich deutlicher über die religiösen Probleme des modernen Menschen zu äußern. Ich hatte jahrelang gezögert, weil ich mir wohl bewußt war, was für einen Sturm ich entfesseln würde. Aber schließlich konnte ich nicht umhin, mich von der Dringlichkeit und Schwierigkeit des Problems ergreifen zu lassen, und sah mich gezwungen, eine Antwort zu geben. Ich tat es in der Form, in der es mir zugestoßen war, nämlich in der eines Erlebnisses, dessen Emotionen ich nicht unterdrückte. Diese Form hatte ich in einer bestimmten Absicht gewählt. Es lag mir daran, den Eindruck zu verhindern, daß ich eine «ewige Wahrheit» verkünden wollte. Meine Schrift sollte nur die Stimme und Frage eines Einzelnen sein, welche auf die Nachdenklichkeit des Publikums hofft oder sie erwartet. Es ist mir nie in den Sinn gekommen, daß jemand meinen könnte, ich wollte eine metaphysische Wahrheit verkünden. Aber das werfen mir die Theologen vor, weil das theologische Denken

gewohnt ist, sich mit ewigen Wahrheiten zu befassen. Wenn der Physiker sagt, das Atom sei von der und der Beschaffenheit, und ein Modell davon entwirft, beabsichtigt er auch nicht, damit eine ewige Wahrheit auszudrücken. Aber die Theologen kennen das naturwissenschaftliche und insbesondere das psychologische Denken nicht. Das Material der analytischen Psychologie, ihre wesentlichen Tatsachen, sind menschliche Aussagen und zwar solche, die öfters und an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten übereinstimmend vorkommen.

Auch das Problem des Hiob hatte sich mit allen seinen Konsequenzen in einem Traum angekündigt. Es war ein Traum, in dem ich meinem längst verstorbenen Vater einen Besuch machte. Er wohnte auf dem Lande, unbekannt wo. Ich sah ein Haus im Stil des 18. Jahrhunderts. Es schien sehr geräumig, mit einigen größeren Nebengebäuden. Ursprünglich war es ein Gasthof in einem Badeort gewesen; ich erfuhr auch, daß im Laufe der Zeit viele große Persönlichkeiten, berühmte Leute und Fürstlichkeiten, dort abgestiegen waren. Weiter hieß es, einige seien gestorben, und in der Krypta, die auch zum Haus gehörte, stünden ihre Sarkophage. Über sie walte mein Vater als Kustos.

Mein Vater war aber, wie ich bald entdeckte, nicht nur Kustos, sondern, ganz im Gegensatz zu seinen Lebzeiten, ein großer Privatgelehrter. Ich traf ihn in seinem Studierzimmer, und merkwürdigerweise waren Dr. Y. - etwa in meinem Alter - und sein Sohn, beide Psychiater, auch da. Ich weiß nicht, hatte ich eine Frage gestellt, oder wollte mein Vater von sich aus etwas erklären, jedenfalls holte er eine große Bibel von einem Schaft herunter, einen dicken Folianten, ähnlich der Merianschen Bibel, die sich in meiner Bibliothek befindet. Die Bibel, die mein Vater hielt, war in glänzende Fischhaut eingebunden. Er schlug das Alte Testament auf - ich vermutete, es war in den Büchern Mosis - und fing an, eine gewisse Stelle zu interpretieren. Er tat das so rasch und so gelehrt, daß ich nicht imstande war zu folgen. Ich merkte nur, daß, was er sagte, eine Unmenge von Kenntnissen jeglicher Art verriet, deren Bedeutung ich zwar einigermaßen ahnte, aber weder ermessen noch erfassen konnte. Ich sah, daß Dr. Y. überhaupt nichts verstand und sein Sohn zu lachen anfing. Sie dachten, mein Vater befände sich in einer Art senilem Erregungszustand und ergehe sich in einem sinnlosen Redefluß. Es war mir aber ganz klar, daß es sich nicht um eine krankhafte Erregung handelte und erst recht nicht um Unsin