niges, sondern um ein dermaßen intelligentes und gelehrtes Argument, daß unsere Dummheit einfach nicht folgen konnte. Es ging um etwas sehr Wichtiges, das ihn faszinierte. Darum sprach er mit solcher Intensität, übernutet von tiefsinnigen Gedanken. Ich ärgerte mich und dachte, es sei doch schade, daß er vor uns drei Dummköpfen reden müsse.
Die beiden Psychiater vertreten einen beschränkten medizinischen Standpunkt, der mir als Arzt natürlich auch anhaftet. Sie stellen meinen Schatten sozusagen in erster und zweiter Auflage, als Vater und Sohn, dar.
Dann änderte sich die Szene: mein Vater und ich waren vor dem Hause, und gegenüber befand sich eine Art Scheune, wo offenbar Holzvorräte aufgestapelt waren. Dort hörte man lautes Poltern, wie wenn große Holzstücke herunter- oder herumgeworfen würden. Ich hatte den Eindruck, als ob mindestens zwei Arbeiter am Werke seien, aber mein Vater bedeutete mir, daß es dort spuke. Es waren also eine Art Poltergeister, die den Lärm vollführten.
Dann gingen wir ins Haus hinein, und ich sah, daß es sehr dicke Mauern hatte. Wir stiegen eine schmale Treppe hinauf in den ersten Stock. Dort bot sich uns ein seltsamer Anblick: eine Halle, die das genaue Abbild des Diwäni-kaas (Ratshalle) des Sultan Ak-bar in Fatehpur-Sikri darstellte. Es war ein hoher runder Raum mit einer Galerie der Wand entlang, von welcher vier Brücken zu dem wie ein Becken gestalteten Zentrum führten. Das Becken ruhte auf einer riesigen Säule und bildete den Rundsitz des Sultans. Von dort sprach er zu seinen Räten und Philosophen, die auf der Galerie den Wänden entlang saßen. Das Ganze war ein riesiges Mandala. Es entsprach genau dem Diwän-i-kaas, den ich in Indien gesehen hatte.
Im Traum sah ich plötzlich, daß vom Zentrum aus eine steile Treppe hoch an die Wand hinaufführte - das entsprach nicht mehr der Wirklichkeit. Oben war eine kleine Türe, und mein Vater sagte: «Nun werde ich dich in die höchste Gegenwart führen!» Es war mir, als ob er sagte: «highest presence». Dann kniete er nieder und berührte mit der Stirn den Boden, und ich machte es ihm nach und kniete ebenfalls nieder in großer Bewegung. Aus irgendeinem Grunde konnte ich die Stirn nicht ganz auf den Boden bringen. Es blieb vielleicht ein Millimeter zwischen Stirn und Boden. Aber ich hatte die Geste mitgemacht, und plötzlich wußte ich, vielleicht durch meinen Vater, daß hinter der Tür, oben in einem einsamen Gemach, Urias wohnte, der Feldherr König Davids. Dieser hatte
Urias um seines Weibes Bathseba willen schändlich verraten; er hatte seinen Kriegern befohlen, ihn im Angesicht des Feindes im Stich zu lassen.
Zu diesem Traum muß ich ein paar erläuternde Bemerkungen machen. Die Anfangsszene schildert, wie die mir unbewußte Aufgabe, die ich sozusagen meinem Vater, d. h. dem entsprechenden Unbewußten, überlassen hatte, sich auswirkt. Er ist offenbar mit der Bibel (Genesis?) beschäftigt und bestrebt, uns seihe Einsicht zu vermitteln. Die Fischhaut stempelt die Bibel zu einem unbewußten Inhalt, denn Fische sind stumm und unbewußt. Es gelingt meinem Vater nicht, sich verständlich zu machen, das Publikum ist teils unfähig, teils böswillig dumm.
Nach diesem Mißerfolg gehen wir über die Straße auf die «andere Seite», wo anscheinend Poltergeister am Werke sind. Poltergeistphänomene ereignen sich meist in der Umgebung von Jugendlichen vor der Pubertät; das heißt, ich bin noch unreif und zu unbewußt. Das indische Ambiente illustriert die «andere Seite». Als ich in Indien war, hatte mich die Mandalastruktur des Diwän-i-kaas als Darstellung eines auf ein Zentrum bezogenen Inhaltes stark beeindruckt. Das Zentrum ist der Sitz Akbars des Großen, der über einen Subkontinent herrscht, des «Herrn dieser Welt», wie etwa David. Aber höher noch als dieser steht sein schuldloses Opfer, sein treuer Feldherr Urias, den er dem Feinde preisgab. Urias ist eine Praefiguration Christi, des Gottmenschen, der von Gott verlassen wird. David hatte darüber hinaus noch das Weib des Urias «zu sich genommen». Ich verstand erst später, was diese Anspielung auf Urias bedeutete: nicht nur sah ich mich gezwungen, über das ambivalente Gottesbild des Alten Testamentes und dessen Konsequenzen öffentlich und sehr zu meinem Nachteil zu reden, sondern es wurde mir auch meine Frau durch den Tod entrissen.
Dies waren die Dinge, die im Unbewußten verborgen auf mich warteten. Diesem Schicksal mußte ich mich beugen und hätte eigentlich mit meiner Stirn den Boden berühren müssen, damit meine Unterwerfung vollständig sei. Etwas aber hat mich wenigstens um einen Millimeter daran verhindert. Etwas in mir sagte:
«Ja schon, aber nicht ganz.» Etwas in mir trotzt und will kein stummer Fis ch sein; und wenn dem im freien Menschen nicht so wäre, so wäre einige Jahrhunderte vor Christi Geburt kein Hiob verfaßt worden. Der Mensch behält sich einen Nachsatz vor, sogar gegenüber dem göttlichen Ratschluß. Wo wäre denn sonst seine
Freiheit? Und wo ihr Sinn, wenn sie nicht imstande wäre, ihren Bedroher zu bedrohen ?
Höher als Akbar wohnt Urias. Er ist sogar, wie der Traum sagt, «highest presence», ein Ausdruck, den man eigentlich nur von Gott braucht, abgesehen von Byzantinismen. Ich kann nicht umhin, hier an Buddha und sein Verhältnis zu den Göttern zu denken. Zweifellos ist für den gläubigen Asiaten der Tathagata das schlechthin Höchste. Man hat daher den HmayänaBuddhismus des Atheismus verdächtigt - sehr zu Unrecht. Vermöge der Macht der Götter ist der Mensch befähigt, eine Einsicht über seinen Schöpfer zu erlangen. Er besitzt sogar die Möglichkeit, die Schöpfung in ihrem wesentlichen Aspekt zu vernichten, nämlich im Weltbewußtsein des Menschen. Heute kann der Mensch jedes höhere Leben der Erde durch Radioaktivität auslöschen. Der Gedanke einer Weltvernichtung liegt als Ansatz schon bei Buddha vor: durch die Erleuchtung kann die Nidäna-Kette die Kausalzusammenhänge, die unweigerlich zu Alter, Krankheit und Tod führen - abbrechen, so daß die Illusion des Seins zum Ende kommt. Schopenhauers Verneinung des Willens weist prophetisch auf ein Problem der Zukunft hin, welches uns schon bedenklich nahe gerückt ist. Der Traum enthüllt einen Gedanken und eine Ahnung, die schon längst in der Menschheit vorhanden sind, die Idee vom Geschöpf, das den Schöpfer um ein Weniges, aber Entscheidendes überragt.
Nach dieser Abschweifung in die Welt der Träume kehre ich wieder zu meinen Büchern zurück: in «Aion» war noch ein anderer Problemkreis angeschnitten worden, der gesonderte Behandlung erforderte. Ich hatte versucht, die Gleichzeitigkeit zwischen dem Erscheinen Christi und dem Beginn eines neuen Aeon, des Weltenmonats der Fische, herauszustellen. Diese Gleichzeitigkeit zwischen dem Leben Christi und dem objektiven astronomischen Ereignis, nämlich dem Eintritt des Frühlingspunktes in das Zeichen der Fische, muß als eine Synchronizität bezeichnet werden. Christus ist daher der «Fisch» und tritt auf als Herr des neuen Aeon (wie Hammurabi als der Herr des Weltenmonats Widder). Aus diesen Fakten ergab sich mir das Problem der Synchronizität, das ich in der Schrift «Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge» dargestellt habe ".