17 1952. In Ges. Werke VIII, 1967.
Das in «Aion» behandelte Christus-Problem führte mich schließlich zu der Frage, wie sich die Erscheinung des Anthropos, des großen Menschen psychologisch: des «Selbst» - in der Erfahrung des Einzelnen ausdrückt. Die Antwort habe ich in «Von den Wurzeln des Bewußtseins» (1954) zu geben versucht. Hier handelt es sich um das Zusammenspiel von Unbewußtem und Bewußtsein, um die Entwicklung des Bewußtseins aus dem Unbewußten und um das Hineinwirken der größeren Persönlichkeit, des «inneren Menschen», in das Leben eines jeden.
Den Abschluß der Gegenüberstellung von Alchemie und meiner Psychologie des Unbewußten bildet «Mysterium Coniunctionis». In diesem Buch nahm ich noch einmal das Problem der Übertragung auf, vor allem aber folgte ich meiner ursprünglichen Absicht, den gesamten Umfang der Alchemie als eine Art Psychologie der Alchemie, oder als eine alchemistische Fundierung der Tiefenpsychologie darzustellen. Erst mit «Mysterium Coniunctionis» war meine Psychologie endgültig in die Wirklichkeit gestellt und als Ganzes historisch untermauert. Damit war meine Aufgabe erledigt, mein Werk getan, und nun kann es stehen. In dem Augenblick, wo ich den Boden erreichte, stieß ich gleichzeitig an die äußerste Grenze des mir wissenschaftlich Erfaßbaren, an das Transzendente, das Wesen des Archetypus an sich, worüber sich keine wissenschaftlichen Aussagen mehr machen lassen.
Der Überblick, den ich hier über mein Werk gegeben habe, ist natürlich nur summarisch. Eigentlich müßte ich viel mehr sagen oder viel weniger. Das Kapitel ist improvisiert und aus dem Augenblick geboren, wie alles, was ich Ihnen erzähle.
Meine Werke können als Stationen meines Lebens angesehen werden, sie sind Ausdruck meiner inneren Entwicklung, denn die Beschäftigung mit den Inhalten des Unbewußten formt den Menschen und bewirkt seine Wandlung. Mein Leben ist mein Tun, meine geistige Arbeit. Das eine ist vom anderen nicht zu trennen.
Alle meine Schriften sind sozusagen Aufträge von innen her; sie entstanden unter einem schicksalshaften Zwang. Was ich schrieb, hat mich von innen überfallen. Den Geist, der mich bewegte, ließ ich zu Worte kommen. Ich habe nie mit einer starken Resonanz auf meine Schriften gerechnet. Sie stellen eine Kompensation zu meiner kontemporären Welt dar, und ich mußte das sagen, was niemand hören will. Deshalb bin ich mir, besonders am Anfang,
oft so verloren vorgekommen. Ich wußte, daß die Menschen ablehnend reagieren würden, weil es schwierig ist, die Kompensation zur bewußten Welt zu akzeptieren. Heute kann ich sagen: es ist sogar wunderbar, wieviel Erfolg ich hatte, mehr als ich je erwarten konnte. Die Hauptsache war mir aber immer, daß das, was ich sagen mußte, gesagt worden ist. Ich habe das Gefühl, das mir Mögliche getan zu haben. Selbstverständlich könnte es mehr und besser sein, aber nicht auf Grund meiner Fähigkeiten.
Der Turm
Durch die wissenschaftliche Arb eit stellte ich meine Phantasien und die Inhalte des Unbewußten allmählich auf den Boden. Wort und Papier waren mir jedoch nicht real genug; es gehörte noch etwas anderes dazu. Ich mußte meine innersten Gedanken und mein eigenes Wissen gewissermaßen in Stein zur Darstellung bringen, oder ein Bekenntnis in Stein ablegen. Das war der Anfang des Turmes, den ich mir in Bollingen baute. Es mag dies als eine absurde Idee erscheinen, aber ich habe es getan, und es bedeutete für mich nicht nur eine ungemeine Befriedigung, sondern auch eine Sinnerfüllung *.
Von Anfang an stand es für mich fest, daß ich am Wasser bauen würde. Der eigenartige Charme des Ufers am oberen Zürichsee hatte mich schon seit jeher fasziniert, und so kaufte ich 1922 das Land in Bollingen. Es liegt in der Landschaft des Hl. Meinrad und ist Gotteshausland, das früher zum Kloster St. Gallen gehörte.
Zuerst plante ich kein richtiges Haus, sondern nur einen einstöckigen Bau, mit dem Herd in der Mitte und den Schlaflagern an den Wänden, eine Art primitiver Wohnstätte. Dabei schwebte mir eine afrikanische Hütte vor, wo das Feuer, umhegt von ein paar Steinen, in der Mitte brennt, und die ganze Existenz der Familie sich um dieses Zentrum abspielt. Im Grunde genommen verwirklichen die primitiven Hütten eine Idee der Ganzheit - man könnte sagen, einer Familienganzheit, an der auch noch allerhand Kleinvieh teilhat. Etwas Ähnliches wollte ich bauen: eine Wohnstätte, welche den Urgefühlen des Menschen entspricht. Sie sollte das Gefühl des Geborgenseins vermitteln
- nicht nur im physischen, sondern auch im psychischen Sinne. Aber schon während der ersten Bauarbeiten änderte ich den Plan; er erschien mir zu
' Der Turm in Bollingen war für Jung nicht nur ein Ferienhaus; im Alter verbrachte er dort etwa die Hälfte des Jahres, arbeitend und ausruhend. «Ohne meine Erde hätte mein Werk nicht entstehen können.» Bis in sein hohes Alter fand Jung Entspannung bei Holzhacken, Spaten, Pflanzen und Ernten. In früheren Jahren war er leidenschaftlicher Segler und jedem Wassersport zugetan. A. J.
primitiv. Es wurde mir klar, daß ich ein veritables, zweistöckiges Haus bauen müsse, und nicht nur eine Hütte, die am Boden kauert. So entstand 1923 das erste runde Haus. Als es fertig war, sah ich, daß es ein richtiger Wohnturm geworden war.
Das Gefühl der Ruhe und Erneuerung, das sich mir mit dem Turm verband, war von Anfang an sehr stark. Er bedeutete für mich so etwas wie eine mütterliche Stätte. Allmählich erhielt ich jedoch den Eindruck, daß er noch nicht alles ausdrückte, was zu sagen war, daß noch etwas fehlte. So kam nach vier Jahren, 1927, der Mittelbau mit einem turmartigen Annex hinzu.
Nach einer gewissen Zeit hatte ich erneut das Gefühl der Un vollständigkeit. Auch in dieser Form schien mir der Bau noch zu primitiv. So wurde 1931 - es waren wieder vier Jahre vergangen -der turmartige Appendix zu einem richtigen Turm ausgebaut. In diesem zweiten Turm bestimmte ich einen Raum ausschließlich für mich. Dabei schwebten mir die indischen Häuser vor, in welchen sich meist ein Raum befindet - und sei es nur die durch einen Vorhang abgetrennte Ecke eines Zimmers - wohin sich die Menschen zurückziehen können. Dort meditieren sie, vielleicht für eine halbe oder eine Viertelstunde, oder machen Yogaübungen.
In dem abgeschlossenen Raum bin ich für mich. Den Schlüssel habe ich immer bei mir; niemand darf dort hinein, es sei denn mit meiner Erlaubnis. Im Laufe der Jahre habe ich die Wände ausgemalt und dabei all die Dinge ausgedrückt, die mich aus der Zeit in die Abgeschiedenheit, aus der Gegenwart in die Zeitlosigkeit versetzten. Es ist ein Winkel des Nachdenkens und der Imaginationen - oft sehr unangenehmer Imaginationen und schwierigsten Denkens, eine Stätte geistiger Konzentration.
1935 erwachte in mir der Wunsch nach einem Stück umhegter Erde. Ich brauchte einen größeren Raum, der dem Himmel und der Natur offensteht. Aus diesem Grunde fügte ich - es war wiederum ein Zeitraum von vier Jahren vergangen - einen Hof und eine Loggia am See hinzu. Sie formen den vierten Teil des Ganzen, abgetrennt von dem dreiheitlichen Hauptkomplex. Damit war eine Vierheit entstanden, vier verschiedene Gebäudeteile, und zwar im Laufe von zwölf Jahren.
Nach dem Tod meiner Frau, 1955, fühlte ich die innere Verpflichtung, zu dem zu werden, der ich selber bin. In der Sprache des Hauses von Bollingen: ich entdeckte plötzlich, daß der mittlere Gebäudeteil, der bisher so niedrig und verkrochen zwischen
den beiden Türmen lag, sozusagen mich selber oder mein Ich darstellte. Damals erhöhte ich ihn durch ein oberes Stockwerk. Vorher wäre ich dazu nicht imstande gewesen; ich hätte es lediglich als eine vermessene Selbstbetonung angesehen. In Wahrheit drückt es aber die im Alter erlangte Überlegenheit des Ego, oder des Bewußtseins, aus. Damit war, ein Jahr nach dem Tod meiner Frau, das Ganze vollendet. Der Bau des ersten Turmes hatte 1923, zwei Monate nach dem Tod meiner Mutter begonnen. Diese Daten sind sinnvoll, weil der Turm, wie wir sehen werden, mit den Toten verbunden ist.