Von Anfang an wurde der Turm für mich zu einem Ort der Reifung - ein Mutterschoß, oder eine mütterliche Gestalt, in der ich wieder sein konnte, wie ich bin, war und sein werde. Der Turm gab mir das Gefühl, wie wenn ich in Stein wiedergeboren wäre. Er erschien mir als Verwirklichung des vorher Geahnten und als eine Darstellung der Individuation. Ein Erinnerungszeichen aere peren-nius. Das hat in wohltuender Weise auf mich gewirkt, wie ein Jasagen zu meinem Sosein. Ich baute das Haus in einzelnen Abschnitten und folgte immer nur den jeweiligen konkreten Bedürfnissen. Die inneren Zusammenhänge habe ich mir nie überlegt. Man könnte sagen, daß ich den Turm in einer Art Traum gebaut habe. Erst später sah ich, was entstanden war, und daß sich eine sinnvolle Gestalt ergeben hatte: ein Symbol der psychischen Ganzheit. Es hatte sich entwickelt, wie wenn ein alter Same aufgegangen wäre.
In Bollingen bin ich in meinem eigentlichsten Wesen, in dem, was mir entspricht. Hier bin ich sozusagen der «uralte Sohn der Mutter». So heißt es sehr weise in der Alchemie, denn der «alte Mann», der «Uralte», den ich schon als Kind erfahren hatte, ist die Persönlichkeit Nr. 2, die schon immer gelebt hat und leben wird. Sie steht außerhalb der Zeit und ist Sohn des mütterlichen Unbewußten. In meinen Phantasien nahm der «Uralte» die Gestalt des Philemon an, und in Bollingen ist er lebendig.
Zuzeiten bin ich wie ausgebreitet in die Landschaft und in die Dinge und lebe selber in jedem Baum, im Plätschern der Wellen, in den Wolken, den Tieren, die kommen und gehen, und in den Dingen. Es gibt nichts im Turm, das nicht im Laufe der Jahrzehnte geworden und gewachsen ist und mit dem ich nicht verbunden bin. Alles hat seine und meine Geschichte, und hier ist Raum für das raumlose Reich des Hintergrunds.
Ich habe auf Elektrizität verzichtet und heize selber Herd und Ofen. Abends zünde ich die alten Lampen an. Es gibt auch kein fließendes Wasser, ich muß das Wasser selber pumpen. Ich hacke das Holz und koche das Essen. Diese einfachen Dinge machen den Menschen einfach; und wie schwer ist es, einfach zu sein!
In Bollingen umgibt mich Stille, und man lebt «in modest har-mony with nature 2». Gedanken tauchen auf, die in die Jahrhunderte zurückreichen und dementsprechend ferne Zukunft antizipieren. Hier mindert sich die Qual des Schaffens; das Schöpferische und das Spielerische sind nahe beisammen.
Im Jahre 1950 habe ich dem, was der Turm mir bedeutet, eine Art Denkmal aus Stein gesetzt. Es ist eine merkwürdige Geschichte, wie der Stein zu mir gekommen ist:
Als ich die Abgrenzungsmauer des sogenannten Gartens baute, brauchte ich Steine und bestellte sie im Steinbruch in der Nähe von Bollingen. In meiner Gegenwart hatte der Maurer alle Maße dem Besitzer des Steinbruchs diktiert, und dieser trug sie in sein Büchlein ein. Als dann die Steine mit dem Schiff kamen und ausgeladen wurden, stellte sich heraus, daß der soit -disant Eckstein ganz falsche Maße hatte: anstatt eines dreikantigen Steines hatte man einen Kubus gebracht. Es war ein vollkommener Würfel, von viel größeren Dimensionen als er bestellt worden war, mit einer Kante von etwa 50 Centimetern. Der Maurer war wütend und sagte den Schiffsleuten, sie könnten ihn sofort wieder mitnehmen.
Als ich aber den Stein erblickte, sagte ich: «Nein, das ist mein Stein - den muß ich haben!» Ich hatte nämlich gleich gesehen, daß er mir eben gerade paßte und daß ich etwas mit ihm tun wollte. Nur wußte ich noch nicht was.
Das erste, was mir einfiel, war ein lateinischer Vers des Alchemi-sten Arnaldus de Villanova (gest. 1313) und er war auch das erste, was ich in den Stein meißelte. Übersetzt lautet er:
«Hier steht der Stein, der unansehnliche.
Zwar ist er punkto Preis billig
Er wird von den Dummen verachtet,
Umso mehr aber von den Wissenden geliebt.»
Dieser Spruch bezieht sich auf den alchemistischen Stein, den lapis, der von den Unwissenden verachtet und verworfen wurde.
1 Titel eines alten Chinesischen Holzschnittes, auf dem sich ein kleiner alter Mann in einer heroischen Landschaft befindet. A. J.
Bald ergab sich etwas anderes. Auf der Vorderfläche sah ich in der natürlichen Struktur der Steinfläche einen kleinen Kreis, wie eine Art Auge, das mich anschaute. Auch das meißelte ich in den Stein, und ins Zentrum setzte ich ein kleines Männchen. Es ist das Püppchen, das der pupilla im Auge entspricht, eine Art Kabir, oder der Telesphoros des Aeskulap. Er ist in einen Kapuzenmantel gehüllt und trägt eine Laterne, wie er auf manchen antiken Darstellungen zu sehen ist. Zugleich ist er ein Wegeweiser! Ihm widmete ich ein paar Worte, die mir während der Arbeit eingefallen waren. Die Inschrift ist griechisch, die Übersetzung lautet:
«Die Zeit ist ein Kind - spielend wie ein Kind - ein Brettspiel spielend - das Königreich des Kindes. Dies ist Telesphoros, der durch die dunkeln Regionen dieses Kosmos wandert und wie ein Stern aus der Tiefe aufleuchtet. Er weist den Weg zu den Toren der Sonne und zum Land der Träume3.» Diese Worte kamen mir - eines nach dem anderen - während ich am Stein arbeitete.
Auf der dritten, dem See zugewandten Fläche ließ ich den Stein sozusagen selber in einer lateinischen Inschrift sprechen. Alle Sätze sind Zitate aus der Alchemie. Dies ist die Übersetzung:
«Ich bin eine Waise, allein; dennoch werde ich überall gefunden. - Ich bin Einer, aber mir selber entgegengesetzt. Ich bin Jüngling und Greis zugleich. Ich habe weder Vater noch Mutter gekannt, weil man mich wie einen Fisch aus der Tiefe herausnehmen muß. Oder weil ich wie ein weißer Stein vom Himmel falle. In Wäldern und Bergen streife ich umher, aber ich bin verborgen im innersten Menschen. Sterblich bin ich für jedermann, dennoch werde ich nicht berührt vom Wechsel der Zeiten.» Zum Schluß setzte ich unter den Spruch des Arnaldus de Villanova auf lateinisch die Worte: «In Erinnerung an seinen 75. Geburtstag hat C. G. Jung ihn aus Dankbarkeit gemacht und gesetzt im Jahre 195 O.»
Als der Stein fertig war, sah ich ihn immer wieder an, wunderte mich darüber und fragte mich, was es heiße, daß man so etwas überhaupt macht.
' Der erste Satz ist ein Fragment des Heraklit (H. Diels «Die Fragmente der Vorsokratiker», 1903, Fragment 52), der zweite Satz spielt auf die Mithrasliturgie an (A. Dieterich «Eine Mithrasliturgie», Leipzig und Berlin 1923, pag. 9), der letzte Satz auf Homer (Odyssee, Gesang 24, Vers 12). Für die anderen Inschriften vgl. Glossar «Alchemie». A. J.
Der Stein befindet sich außerhalb des Turms und ist wie eine Erklärung für ihn. Er ist eine Manifestation seines Bewohners, die für die Menschen jedoch unverständlich bleibt. Wissen Sie, was ich auf die Rückseite des Steines meißeln wollte? «Le cri de Merlin!» Denn was der Stein ausdrückt, erinnert mich an die Manifestation Merlins aus dem Walde, nachdem er schon aus der Welt verschwunden war. Die Menschen hören noch sein Rufen, so lautet die Sage, aber sie können es nicht verstehen oder deuten.
Merlin stellt den Versuch des mittelalterlichen Unbewußten dar, eine Parallelfigur zu Parzival zu gestalten. Parzival ist der christliche Held, und Merlin, als Sohn des Teufels und einer reinen Jungfrau, ist sein dunkler Bruder. In der Zeit des 12. Jahrhunderts, als die Sage entstand, gab es noch keine Voraussetzungen, um das, was er darstellte, zu verstehen. Darum endet er im Exil und darum «le cri de Merlin», der noch nach seinem Tod aus dem Wald ertönt. Dieses Rufen, das niemand verstehen konnte, zeigt, daß er in unerlöster Gestalt weiter lebte. Im Grunde genommen ist seine Geschichte auch heute noch nicht fertig, und er geht noch immer um. Man könnte sagen, daß das Geheimnis des Merlin von der Alchemie, vor allem in der Gestalt des Mercurius, weitergeführt worden ist. Dann ist er von meiner Psychologie des Unbewußten auf gegriffen worden und - bleibt noch heute unverstanden! Weil den meisten Menschen das Leben mit dem Unbewußten schlechthin unverständlich ist. Es ist eine meiner eindrücklichsten Erfahrungen, wie fremd es den Menschen ist.