Einmal war ich in Bollingen, als der erste Turm gerade fertig gebaut war. Es war im Winter 1923/24. Soviel ich mich erinnern kann, lag kein Schnee; es muß wohl schon im Vorfrühling gewesen sein. Ich war allein, vielleicht eine Woche lang, vielleicht etwas länger. Es herrschte eine unbeschreibliche Stille. Noch nie hatte ich sie so intensiv erlebt.
Eines Abends, ich kann mich noch genau erinnern, saß ich am Kaminfeuer und hatte einen großen Kessel aufgesetzt, um mir heißes Wasser zu machen zum Abwaschen. Dann begann das Wasser zu sieden, und der Kessel fing an zu singen. Es klang wie viele Stimmen oder wie Streichinstrumente, und es tönte wie ein vielstimmiges Orchester. Wie ganz polyphone Musik, die ich ja nicht leiden kann, die mir nun aber doch eigentümlich interessant erschien. Es war nämlich so, als ob sich ein Orchester innerhalb des
Turmes befände und ein anderes draußen. Bald herrschte das eine, bald das andere vor, als gäben sie sich gegenseitig Antwort.
Ich saß und lauschte fasziniert. Weit über eine Stunde hörte ich dem Konzert zu, dieser zauberhaften Naturmelodie. Es war eine leise Musik mit allen Disharmonien der Natur. Und das war richtig, denn die Natur ist nicht nur harmonisch, sondern auch furchtbar gegensätzlich und chaotisch. So war auch die Musik: ein Strömen von Klängen, wie die Natur des Wassers und des Windes - so wundersam, daß man es überhaupt nicht beschreiben kann.
Im Vorfrühling 1924 war ich wiederum in Bollingen. Ich war allein und hatte mir den Ofen angeheizt. Es war ein ähnlich stiller Abend. Nachts erwachte ich an leisen Schritten, die den Turm umkreisten. Es ertönte auch eine ferne Musik, die näher und näher kam, und dann hörte ich Stimmen Lachen und Reden. Ich dachte:
Wer geht denn da herum? Was ist denn das? Es gibt ja nur den kleinen Fußpfad längs des Sees, und der wird kaum je begangen! Während dieser Überlegungen war ich hell wach geworden und ging ans Fenster. Ich öffnete die Läden und - alles war still. Es waren keine Menschen zu sehen, und nichts war zu hören - kein Wind - nichts - gar nichts.
Das ist doch merkwürdig, dachte ich. Ich war überzeugt, das Getrappel, das Lachen und Sprechen seien wirklich gewesen! Aber anscheinend hatte ich nur geträumt. Ich ging wieder zu Bett und dachte darüber nach, wie man sich doch täuschen könne, und woher es käme, daß ich einen derartigen Traum hatte. Über diesen Gedanken schlief ich wieder ein, und - sofort begann derselbe Traum:
wieder hörte ich Schritte, Sprechen, Lachen, Musik. Dabei hatte ich die visuelle Vorstellung von mehreren hundert dunkel gekleideten Gestalten, vielleicht Bauernburschen in ihren Sonntagsgewändern, die von den Bergen hergekommen waren und von beiden Seiten den Turm umströmten, mit viel Getrappel, Lachen, Singen und Akkordeon-Spiel. Ärgerlich dachte ich: Das ist zum Teufelholen! Ich meinte, es sei ein Traum gewesen, und jetzt ist es doch Wirklichkeit! Mit dieser Emotion erwachte ich. Wieder sprang ich au f, machte Fenster und Läden auf, aber alles war gleich wie zuvor, eine totenstille Mondnacht. Da dachte ich: Das ist ja einfach Spuk!
Natürlich fragte ich mich, was es heiße, daß ein Traum dermaßen auf seiner Wirklichkeit und dem Wachsein insistierte. Das kommt sonst nur bei Spuk vor. Wachsein heißt Wirklichkeit wahr
nehmen. Der Traum stellt also eine der Wirklichkeit aequivalente Situation dar, in der er eine Art von Erwachtsein schafft. Diese Art Traum verrät, im Gegensatz zu den gewöhnlichen Träumen, die Tendenz des Unbewußten, dem Träumer einen ausgesprochenen Wirklichkeitseindruck zu vermitteln, der durch die Wiederholung noch unterstrichen wird. Als Quellen solcher Wirklichkeiten kennen wir einerseits Körperempfindungen, andererseits aber archetypische Gestalten.
In jener Nacht war alles so vollkommen real, oder schien wenigstens so, daß ich mich zwischen den zwei Realitäten kaum zurechtfand. Ich konnte mir keinen Vers darauf machen. Was bedeuten diese musizierenden Bauernburschen, die in langem Zug vorbeizogen? Es schien mir, als seien sie aus Neugier gekommen, um den Turm anzuschauen.
Nie mehr habe ich später etwas Derartiges erlebt oder geträumt. Aber jenes Erlebnis hat mich sprachlos gelassen, und ich konnte mich nicht erinnern, je etwas Ähnliches gehört zu haben. Einen Sinn erkannte ich erst viel später, als ich mit der Luzerner Chronik des Rennward Cysat aus dem 17. Jahrhundert bekannt wurde. Darin findet sich folgende Geschichte: Auf einer Alp am Pilatus, der besonders verschrien ist für Spuk - dort soll ja Wotan heute noch sein Wesen treiben! - wurde Cysat bei einer Pilatusbestei-gung nachts gestört durch einen Zug von Leuten, die mit Musik und Singen an beiden Seiten der Hütte vorbeiströmten - genauso, wie ich es im Turm erlebt hatte.
Am nächsten Tag fragte er den Senn, bei dem er übernachtet hatte, was das zu bedeuten hätte. Dieser wußte ohne weiteres Bescheid: das müßten die «sälig Lüt» gewesen sein, nämlich das Wotansheer der abgeschiedenen Seelen. Die pflegten in dieser Weise «umzugehen» und sich bemerkbar zu machen.
Als Erklärung meines Erlebnisses kann man sagen, es sei eine Einsamkeitserscheinung gewesen, bei der die äußere Leere und Stille durch das Bild einer Menge von Leuten kompensiert worden sei. Das würde den Halluzinationen der Einsiedler entsprechen, die ebenfalls Kompensationen darstellen Aber weiß man denn, auf was für Realitäten solche Geschichten zurückgehen? Man könnte sich auch denken, ich sei durch die Einsamkeit so sensibilisiert worden, daß ich den Zug der «sälig Lüt» wahrgenommen habe, der da vorbeizog.
Die Erklärung des Erlebnisses als eine psychische Kompensation hat mich nie ganz befriedigt, und zu sagen, es sei eine Halluzination, genügte mir nicht. Ich fühlte mich verpflichtet, den Realitätscharakter ebenfalls zu berücksichtigen. Besonders, da ein Parallelbericht aus dem 17. Jahrhundert vorliegt.
Am ehesten könnte es sich um ein synchronistisches Phänomen handeln. Diese Phänomene zeigen ja, daß Vorkommnisse, von denen wir zu wissen meinen, weil wir sie mit einem inneren Sinn wahrnehmen oder sie ahnen, sehr oft auch eine Entsprechung in der äußeren Realität haben. Nun gibt es tatsächlich eine konkrete Entsprechung zu meinem Erlebnis, denn im Mittelalter haben solche Züge von jungen Männern stattgefunden. Es sind die Reisläuferzüge, die - meist im Frühling - aus der Innerschweiz nach Locarno zogen, sich dort in der «Casa di Ferro» in Minusio versammelten und dann weiter nach Mailand marschierten. In Italien wurden sie Soldaten und kämpften in fremdem Sold. Es könnte also das Bild einer dieser Züge gewesen sein, die im Frühling regelmäßig stattfanden und mit Singen und Fröhlichkeit von der Heimat Abschied nahmen.
Meine Phantasie hat sich noch lange mit diesem sonderbaren Traumerlebnis beschäftigt.
Als wir 1923 anfingen, hier zu bauen, besuchte uns meine älteste Tochter und rief: «Was, du baust hier? Hier sind ja Leichen!» Ich dachte natürlich: Unsinn! Keine Rede davon! - Als wir aber vier Jahre später wiederum bauten, fanden wir tatsächlich ein Skelett Es lag in 2,20 m Tiefe. Auf dem rechten Ellbogen lag eine alte Flintenkugel. Man sah an der Lage der Knochen, daß die Leiche in wahrscheinlich stark verwestem Zustand in die Grube geworfen worden war. Sie gehörte zu den vielen Dutzenden französischer Soldaten, welche 1799 in der Linth ertranken und dann an den Ufern des Obersees angeschwemmt wurden. Dies geschah, nachdem die Österreicher die Brücke von Grynau, welche von den Franzosen gestürmt wurde, in die Luft gesprengt hatten. Eine Photo-graphie des offenen Grabes mit dem Skelett und dem Datum des Tages, an dem die Leiche gefunden wurde - es war der 22. August 1927 - befindet sich im Turm.
Ich veranstaltete damals auf meinem Grundstück ein regelrechtes Begräbnis für den Soldaten und schoß dreimal über das Grab. Dann setzte ich ihm einen Grabstein mit einer Inschrift. Meine Tochter hatte die Anwesenheit der Leiche gespürt. Ihr Ahnungs