Sowohl unsere Seele wie der Körper bestehen aus Einzelheiten, die alle schon in der Ahnenreihe vorhanden gewesen sind. Das «Neue» in der individuellen Seele ist eine endlos variierte Rekombination uralter Bestandteile, Körper wie Seele haben daher einen eminent historischen Charakter und finden im Neuen, eben erst Entstandenen keine richtige Unterkunft, d. h. die anzestralen Züge sind darin nur zum Teil zu Hause. Wir sind mit Mittelalter und Antike und Primitivität noch längst nicht so fertig geworden, wie es unsere Psyche erfordert. Wir sind statt dessen in ein en Katarakt des Fortschritts hineingestürzt, der mit umso wilderer Gewalt vorwärts in die Zukunft drängt, je mehr er uns von unseren Wurzeln abreißt. Ist aber das Alte einmal durchbrochen, dann ist es meist
' Jungs Einstellung spricht aus der Inschrift, die er ursprünglich über das Eingangstor zu seinem Haus in Bollingen geschrieben hatte: «Phile-monis Sacrum — Fausti Poenitentia» (Der Schrein des Philemon — Fau-stens Sühne). Als die Stelle vermauert wurde, setzte er die Worte über den Eingang des zweiten Turmes. A. J.
auch vernichtet, und es gibt überhaupt kein halten mehr. Es ist eben gerade der Verlust dieses Zusammenhangs, die Wurzellosig -keit, die ein derartiges «Unbehagen in der Kultur» und eine solche Hast erzeugen, daß man mehr in der Zukunft und ihren chimärischen Versprechen eines goldenen Zeitalters lebt, anstatt in der Gegenwart, bei welcher unser ganzer entwicklungsgeschichtlicher Hintergrund überhaupt noch nicht einmal angelangt ist. Man stürzt sich hemmungslos ins Neue, getrieben von einem zunehmenden Gefühl des Ungenügens, der Unzufriedenheit und Rastlosigkeit. Man lebt nicht mehr aus Besitz, sondern aus Versprechen, nicht mehr im Lichte des gegenwärtigen Tages, sondern im Dunkel der Zukunft, wo man den richtigen Sonnenaufgang erwartet. Man will es nicht wahrhaben, daß alles Bessere durch ein Schlechteres erkauft wird. Die Hoffnung auf größere Freiheit wird durch vermehrte Staatssklaverei zunichte gemacht, nicht zu sprechen von den fürchterlichen Gefahren, denen uns die glänzendsten Entdeckungen der Wissenschaft aussetzen. Je weniger wir verstehen, wonach unsere Vater und "Vorväter gesucht haben, desto weniger verstehen wir uns selbst, und helfen mit allen Kräften, die Instinkt - und Wurzellosigkeit des Einzelmenschen zu vermehren, so daß er als Massenpartikel nur noch dem «Geist der Schwere» folgt.
Verbesserungen nach vorne, d. h. durch neue Methoden oder «gadgets» sind zwar unmittelbar überzeugend, aber auf die Dauer zweifelhaft und auf alle Fälle teuer bezahlt. Keinesfalls erhöhen sie das Behagen, die Zufriedenheit oder das Glück im großeii und ganzen. Sie sind meist hinfällige Versüßungen des Daseins, wie z. BTzei (verkürzende Maßnahmen, die unangenehmerweise bloß das Tempo beschleunigen und uns somit^ weniger Zeit lassen als je zuvor. Omnis festinatio ex parte diaboli est - alle Eile ist des Teufels - pflegten die alten Meister zu sagen.
Verbesserungen nach rückwärts indessen sind in der Regel weniger kostspielig und dazu dauerhaft, denn sie kehren zu den einfacheren und bewährten Wegen der Vergangenheit zurück und machen den sparsamsten Gebrauch von Zeitungen, Radio, T. V. und allen quasi zeitsparenden Neuerungen.
Ich spreche in diesem Buche viel über meine subjektive Anschauung, die jedoch keine Erklügelung der Vernunft darstellt. Vielmehr ist sie eine Schau, die sich ergibt, wenn man absichtlich mit halbgeschlossenen Augen und etwas tauben Ohren Gestalt und
Stimme des Seins zu sehen und zu hören unternimmt. Sehen und hören wir zu deutlich, dann sind wir auf Stunde und Minute des Heute eingeschränkt und spüren nichts davon, wie und ob unsere anzestralen Seelen das Heute vernehmen und verstehen, oder mit anderen Worten, wie das Unbewußte reagiert. So bleiben wir im Dunkel darüber, ob die Ahnenwelt mit urtümlichem Behagen an unserem Leben teilnimmt, oder umgekehrt, ob sie sich mit Abscheu davon abwendet. Unsere innere Ruhe und Zufriedenheit hängt in hohem Maße davon ab, ob die historische Familie, welche durch das Individuum personifiziert wird, mit den ephemeren Bedingungen unseres Heute übereinstimmt oder nicht.
In meinem Turm in Bollingen lebt man wie in vielen Jahrhunderten. Er wird mich überleben und weist durch Lage und Stil auf längst Vergangenes. Nur sehr wenig erinnert an das Heute.
Wenn ein Mann des 16. Jahrhunderts das Haus bezöge, so wären ihm nur Petroleumlampe und Zündhölzchen neu; mit allem anderen fände er sich ohne weiteres zurecht. Nichts stört die Toten, kein elektrisches Licht und kein Telephon. Meine Ahnenseelen sind aber auch unterhalten durch die geistige Atmosphäre des Hauses, denn ich gebe ihnen Antwort auf Fragen, die ihr Leben einstmals hinterlassen hat, recht und schlecht, wie es mir gelingen will. Ich habe sie sogar in Bildform an die Wände gezeichnet. Es ist, wie wenn eine stille größere Familie, die sich über Jahrhunderte erstreckt, das Haus bevölkerte. Ich lebe dort in der «zweiten Person» und sehe das Leben im Großen, das wird und vergeht.
Reisen
Nordafrika
Zu Beginn des Jahres 1920 teilte mir ein Freund mit, er habe eine Geschäftsreise nach Tunis 2u machen, ob ich ihn begleiten wolle? Ich sagte sofort zu. Im März reisten wir zunächst nach Algier. Der Küste folgend gelangten wir nach Tunis und von da nach Sousse, wo ich meinen Freund seinen Geschäften überließ '.
Ich war nun endlich dort, wohin ich mich oft gesehnt hatte, nämlich in einem nicht-europäischen Land, wo keine europäische Sprache gesprochen wurde und keine christlichen Voraussetzungen herrschten, wo eine andere Rasse lebte und eine andere historische Tradition und Weltanschauung das Gesicht der Menge prägte. Ich hatte mir oft gewünscht, den Europäer einmal von außen zu sehen, gespiegelt in einem in jeder Hinsicht fremden Milieu. Zwar beklagte ich aufs tiefste meine Unkenntnis der arabischen Sprache. aber umso aufmerksamer beobachtete ich die Leute und ihr Benehmen. Oft saß ich stundenlang in einem arabischen Cafehaus und lauschte den Unterhaltungen, von denen ich kein Wort verstand. Dabei studierte ich die Mimik und insbesondere die Affektäußerung der Leute aufmerksam, bemerkte die subtile Veränderung ihrer Gesten, wenn sie mit einem Europäer sprachen, und lernte dadurch einigermaßen mit anderen Augen sehen und den «weißen Mann» außerhalb seines eigenen Milieus beobachten.
Was der Europäer als orientalische Gelassenheit und Apathie empfindet, erschien mir als Maske, dahinter witterte ich eine Rastlosigkeit, ja Erregung, die ich mir nicht recht erklären konnte. Seltsamerweise hatte ich mit meinem Betreten maurischen Bodens eine mir unverständliche Präokkupation: das Land schien mir sonderbar zu riechen. Es war Blutgeruch, wie wenn der Boden mit Blut getränkt wäre. Das einzige, was mir dazu einfiel, war, daß dieser Erdstrich schon mit drei Zivilisationen fertig geworden ist, der
1 Vgl. Appendix pag. 373 ff.
panischen, der römischen und der christlichen. Was das technische Zeitalter mit dem Islam tun wird, bleibt abzuwarten.
Als ich Sousse verließ, fuhr ich nach Süden, nach Sfax und von da in die Sahara nach Tozeur, der Oasenstadt. Die Stadt liegt etwas erhöht auf dem Rande eines Plateaus, an dessen Fuß die lauen, leicht salzhaltigen Quellen in reichem Fluß zu Tage treten und in tausend kleinen Kanälen die Oase bewässern. Hochragende Dattelpalmen bildeten ein grünes, schattiges Dach, unter welchem Pfirsiche, Aprikosen- und Feigenbäume gediehen und darunter das unwahrscheinlich grüne Alfalfagras. Einige wie Juwelen schimmernde Eisvögel durchflitzten die Grüne. In dieser relativen Kühle grünen Schattens wandelten in Weiß gehüllte Gestalten, darunter auffallend viele zärtliche Paare, eng umschlungen in offenkundiger homosexueller Freundschaft. Ich fühlte mich plötzlich in die griechische Antike zurückversetzt, wo diese Neigung den Zement der Männergesellschaft und der in ihr wurzelnden Polis bildete. Es war mir klar, daß hier Männer zu Männern und Frauen zu Frauen sprachen. Ich begegnete nur wenigen nonnenhaft tiefverschleierten weiblichen Gestalten. Einige sah ich ohne Schleier. Es waren, wie mein Dragoman erklärte, Prostituierte. In den Hauptstraßen bestimmten Männer und Kinder das Bild.