Mein Dragoman bestätigte mir die durchgehende Häufigkeit und Selbstverständlichkeit der Homosexualität und unterbreitete mir sofort entsprechende Vorschläge. Der Gute konnte nicht ahnen, welche Gedanken mich wie ein Blitzlicht getroffen und meinen Standort erhellt hatten. Ich fühlte mich um viele Jahrhunderte zurückversetzt in eine unendlich naivere Welt von Adoleszenten, die eben anfingen, sich mit Hilfe eines spärlichen Koranwissens dem Zustand der anfänglichen und seit Urzeiten bestehenden Dämmerung zu entziehen und der Existenz ihrer selbst in Abwehr der von Norden drohenden Auflösung bewußt zu werden.
Während ich noch unter dem überwältigenden Eindruck unendlich langer Dauer und statischen Seins stand, entsann ich mich plötzlich meiner Taschenuhr und wurde an die beschleunigte Zeit des Europäers erinnert. Das war wohl die beunruhigende dunkle Wolke, die über den Köpfen dieser Ahnungslosen drohte. Sie kamen mir plötzlich vor wie Jagdtiere, die den Jäger nicht sehen, ihn aber mit unbestimmter Beklemmung wittern, den Zeitgott nämlich, der unerbittlich ihre noch an Ewigkeit erinnernde Dauer in Tage, Stunden, Minuten und Sekunden zerstückeln und zerkleinern wird.
Von Tozeur begab ich mich in die Oase von Nefta. Ich ritt mit meinem Dragoman am frühen Morgen kurz nach Sonnenaufgang weg. Unsere Reittiere waren große, schnelltrottende Maultiere, mit denen man rasch vorankam. Als wir uns der Oase näherten, kam uns ein einzelner, ganz in Weiß gehüllter Reiter entgegen, der in stolzer Haltung, ohne zu grüßen, auf einem schwarzen Maultier mit schönem, silberbeschlagenem Lederzeug an uns vorbeiritt. Es war eine eindrucksvolle, elegante Gestalt. Sicherlich besaß er noch keine Taschen-, geschweige denn eine Armbanduhr, denn er war offenkundig und ohne es zu wissen der, der schon immer gewesen war. Noch fehlte ihm jenes leicht Närrische, d as dem Europäer anhaftet. Der Europäer ist zwar überzeugt, nicht mehr das zu sein, was er vor Alters gewesen ist, weiß aber noch nicht, zu was er inzwischen geworden ist. Die Uhr sagt es ihm, daß sich seit dem sogenannten Mittelalter bei ihm die Zeit und ihr Synonym, der Fortschritt, eingeschlichen und ihm Unwiederbringliches weggenommen haben. Mit erleichtertem Gepäck setzt er seine Wanderung nach nebelhaften Zielen mit progressiver Beschleunigung fort. Den Verlust an Gewicht und das entsprechende «sentiment d'incomple -titude» kompensiert er durch die Illusion seiner Erfolge, wie Eisenbahnen, Motorschiffe, Flugzeuge und Raketen, die mittels ihrer Schnelligkeit immer mehr von seiner Dauer wegnehmen und ihn zunehmend in eine andere Wirklichkeit von Geschwindigkeiten und explosionsartigen Beschleunigungen versetzen.
Je weiter wir in die Sahara vordrangen, desto mehr verlangsamte sich meine Zeit und drohte sogar rückläufig zu werden. Die sich steigernde flimmernde Hitze trug kräftig zu meinem Traumzustand bei, und als wir die ersten Palmen und Häuser der Oase erreichten, da war alles so, wie es schon immer gewesen war.
Am anderen Morgen in der Frühe erwachte ich in meiner Herberge an vielfältigem, mir ungewohntem Geräusch vor dem Hause. Dort befand sich ein großer offener Platz, der abends zuvor leer gewesen, jetzt aber von Menschen, Kamelen, Maultieren und Eseln angefüllt war. Die Kamele stöhnten und bekundeten in mannigfachen Tonvarianten ihr chronisches Mißvergnügen, und die Esel wetteiferten in mißtönendem Geschrei. Die Leute liefen in offensichtlicher Erregung schreiend und gestikulierend herum. Sie sahen wild und wenig vertrauenerweckend aus. Mein Dragoman erklärte mir, daß heute ein großes Fest gefeiert werde. Es seien in der Nacht einige Wüstenstämme hereingekommen, um für den Marabout
zwei Tage Feldarbeit zu leisten. Der Marabout war gleichbedeutend mit der Armengutsverwaltung und besaß viele Felder in der Oase. Die Leute würden ein neues Feld und die dazugehörigen Bewässerungskanäle anlegen.
Am fernen Ende des Platzes erhob sich plötzlich eine Staubwolke, eine grüne Fahne entfaltete sich, und es wurde getrommelt. An der Spitze eines langen Zuges von Hunderten wilder Männer, die Bastkörbe und kurze breitschauflige Hacken trugen, erschien ein weißbärtiger würdevoller Alter, von unnachahmlicher und selbstverständlicher Würde, wie wenn er schon immer hundert Jahre alt gewesen wäre. Es war der Marabout auf einem weißen Maultier, umtanzt von Männern mit Handtrommeln. Überall herrschte Erregung, wildes, rauhes Geschrei, Staub und Hitze. In fanatischer, aufgeregter Intention wälzte sich der Zug vorüber, in die Oase hinaus, wie wenn es in die Schlacht ginge. Ich folgte diesem Tumult in gemessener Entfernung, von meinem Dragoman keineswegs zu größerer Annäherung ermutigt, bis wir an die Stelle gelangten, wo «gearbeitet» wurde. Hier herrschte wenn möglich eine noch größere Aufregung. Trommeln und wildes Geschrei ertönte von allen Seiten; die Arbeitsstätte glich einem aufgestörten Ameisenhaufen; alles geschah in größter Eile. Mit schweren Sandlasten in ihren Körben tanzten viele im Rhythmus der Trommeln, andere hieben in wütender Eile auf den Boden ein, zogen Gräben und schütteten Dämme auf. In diesem lärmenden Chaos ritt der Marabout auf seinem weißen Maultier herum, mit der würdevollen, milden und müden Geste des hohen Alters, offenbar Anweisungen erteilend. Wo immer er hinkam, steigerte sich Eile, Geschrei und Rhythmus, jenen Hintergrund bildend, vor dem sich die Gestalt des Heiligen aufs Wirkungsvollste abhob. Gegen Abend war die Menge sichtlich erschöpft und gedämpft, und die Männer fielen neben ihren Kamelen bald in tiefen Schlaf. In der Nacht, nach dem üblichen großen Hundekonzert, herrschte lautlose Stille, bis bei den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne die mich aufs tiefste berührende Invokation des Muezzin zum Morgengebet rief.
Das war für mich eine Lektion: Diese Leute leben aus ihren Affekten, d. h. sie werden von ihnen gelebt. Ihr Bewußtsein vermittelt einerseits die Orientierung im Raum und die von außen stammenden Eindrücke, andererseits ist es bewegt von inneren An. trieben und Affekten; aber es reflektiert nicht, und dem Ich fehlt jede Selbständigkeit.. Sehr viel anders verhält es sich beim Euro
päer auch nicht, aber ein wenig komplizierter sind wir doch. Jedenfalls verfügen wir über ein gewisses Maß an Willen und überlegter Absicht. Eher gebricht es uns an Intensität des Lebens.
Ich wünschte mir nicht zu tauschen, aber ich war psychisch infiziert, was sich äußerlich durch eine infektiöse Enteritis manifestierte, die ich nach einigen Tagen in landesüblicher Weise mit Reiswasser und Calomel kurierte.
Übervoll von Eindrücken und Gedanken reiste ich damals nach Tunis zurück, und in der Nacht vor unserer Einschiffung nach Marseiile hatte ich einen Traum, der nach meinem Gefühl einen Schlußstrich unter die Rechnung zog. Es gehörte sich so; denn ich hatte mich daran gewöhnt, immer zugleich auf zwei Ebenen zu leben, einer bewu ßten, die verstehen wollte und nicht konnte, und einer unbewußten, die es ausdrücken wollte und es nicht besser sagen konnte als in Form eines Traumes.
Ich träumte, ich sei in einer arabischen Stadt, und wie in den meisten arabischen Städten befand sich auch hier eine Zitadelle, die Kasba. Die Stadt lag in einer weiten Ebene, und eine Mauer zog sich um sie herum. Ihr Grundriß war viereckig, und es gab vier Tore.
Die Kasba im Inneren der Stadt war - was in jenen Gegenden jedoch nicht der Fall ist - umgeben von einem breiten Wassergraben. Ich stand vor einer Holzbrücke, die übers Wasser zu einem der hufeisenförmigen dunkeln Tore führte. Es stand offen. Begierig, die Zitadelle auch von innen zu sehen, beschritt ich die Brücke. Als ich mich etwa in der Mitte befand, kam mir aus dem Tor ein schöner dunkler Araber von eleganter, fast königlicher Gestalt entgegen, ein Jüngling in weißem Burnus. Ich wußte, daß er der dort residierende Fürst war. Wie er mir gegenüber stand, griff er mich an und wollte mich zu Boden schlagen. Wir kämpften und rangen miteinander. Im Kampf prallten wir gegen das Geländer; es gab nach und wir fielen beide in den Graben, wo er versuchte, meinen Kopf unters Wasser zu drücken, um mich zu ertränken. Nein, dachte ich, das geht zu weit - und drückte nun meinerseits seinen Kopf unters Wasser. Ich tat das, obwohl ich eine große Bewunderung für ihn empfand, aber ich wollte mich nicht umbringen lassen. Ich wollte ihn nicht töten, sondern bloß bewußtlos und kampfunfähig machen.