Dann wechselte die Szene des Traumes, und er befand sich mit mir in einem großen achteckigen und gewölbten Raum in der Mitte der Zitadelle. Der Raum war ganz weiß, sehr einfach und sehr eindrucksvoll. Den Wänden aus hellem Marmor entlang standen niedere Sofas, und vor mir am Boden lag ein geöffnetes Buch mit schwarzen Lettern, die außerordentlich schön auf milchweißes Pergament geschrieben waren. Es war keine arabische Schrift, sondern sah eher aus wie uigurische, west-turkestanische Schrift, die mir aus den manichäischen Turfanfragmenten bekannt war. Ich kannte zwar den Inhalt nicht, hatte aber dennoch das Gefühl, es sei «mein Buch», das ich geschrieben hatte. Der junge Fürst, mit dem ich eben noch gerungen hatte, saß rechts von mir auf dem Boden. Ich erklärte ihm, er müsse nun, da ich ihn überwunden hätte, das Buch lesen. Aber dagegen sträubte er sich. Ich legte meinen Arm um seine Schulter und zwang ihn sozusagen mit väterlicher Güte und Geduld, das Buch zu lesen. Ich wußte, daß das unbedingt sein mußte, und schließlich gab er nach.
Der Traum hinterließ mir einen tiefen Eindruck. Der arabische Jüngling ist ein Duplikat des stolzen Arabers, der grußlos an uns vorüber geritten war. Er ist als Bewohner der Kasba eine Figur des Selbst, oder besser, ein Bote oder Abgesandter des Selbst. Die Kasba nämlich, aus der er kommt, ist ein vollkommenes Mandala:
die Zitadelle, umgeben von der quadratischen Mauer mit den vier Toren. In seiner Absicht, mich umzubringen, klingt das Motiv vom Kampfe Jakobs mit dem Engel an; er ist - um in der Sprache der Bibel zu reden - wie der Engel des Herrn, ein Gottesbote, der den Menschen töten will, weil er ihn nicht kennt.
Eigentlich sollte der Engel in mir Wohnung haben. Er kennt jedoch nur die «englische» Wahrheit und versteht nichts vom Menschen. Darum tritt er zuerst als mein Feind auf, ich behaupte mich aber ihm gegenüber. Im zweiten Teil des Traumes bin ich der Herr der Zitadelle; er sitzt zu meinen Füßen und muß meine Gedanken und damit den Menschen kennenlernen.
Meine Begegnung mit der arabischen Kultur hatte mich offenbar überwältigend getroffen. Das emotionale, lebensnähere Wesen dieser aus Affekten lebenden, nicht reflektierenden Menschen hat einen starken, suggestiven Effekt auf jene historischen Schichten in uns, die wir eben überwunden haben, oder wenigstens überwunden zu haben glauben. Es ist wie das Kindheitsparadies, dem man sich entronnen wähnt, das uns aber bei der leisesten Provokation wiederum Niederlagen beibringt. Ja, unsere Fortschrittsgläubigkeit
steht in Gefahr, sich umso kindischeren Zukunftsträumen hinzugeben, je stärker unser Bewußtsein von der Vergangenheit wegdrängt.
Die Kindheit hat es aber andererseits an sich, daß sie vermöge ihrer Naivität und Unbewußtheit ein vollständigeres Bild des Selbst, des ganzen Menschen in seiner unverfälschten Individualität, entwirft. Infolgedessen erweckt der Anblick des Kindes und des Primitiven im erwachsenen Kulturmenschen Sehnsüchte, die unerfüllten Wünschen und Bedurfnissen entstammen. Diese entsprechen Persönlichkeitsteilen, die zugunsten der Angepaßtheit, der Persona, aus dem Gesamtbild des Menschen wegretouchiert worden waren.
Wenn ich nach Afrika reise, um einen psychischen Ort außerhalb des Europäers zu finden, so will ich unbewußterweise jenen Persönlichkeitsteil in mir auffinden, welcher unter dem Einfluß und dem Druck des Europäerseins unsichtbar geworden ist. Dieser Teil steht in unbewußter Opposition zu mir, weil ich ihn nicht gelten lasse. Er will, seiner Natur entsprechend, mich unbewußt machen (mich unters Wasser drücken), um mich zu töten; ich aber möchte ihn durch Erkenntnis bewußter machen, wodurch man einen gemeinsamen Modus vivendi finden könnte. Seine beinahe schwarze Hautfarbe charakterisiert ihn als «Schatten», aber nicht als persönlichen, sondern vielmehr als ethnischen, der nichts mit meiner bewußten Person, sondern mehr mit dem Ganzen meiner Persönlichkeit, d. h. mit meinem Selbst, zu tun hat. Als Herr der Kasba ist er sozusagen eine Art Schatten des Selbst. Dem großenteils rational bestimmten Europäer ist viel Menschliches fremd, und er tut sich darauf etwas zugute, ohne zu merken, daß dies auf Kosten seiner Lebensintensität geht und daß der primitive Persönlichkeitsteil infolgedessen zu einer partiellen Untergrundexistenz verurteilt ist.
Aus dem Traum geht deutlich hervor, in welchem Sinn meine Begegnung mit Nordafrika auf mich gewirkt hat: Ich wurde zunächst von einer Überwältigung meines europäischen Bewußtseins durch einen unerwartet heftigen Angriff seitens der unbewußten Psyche bedroht. Im Bewußtsein war ich einer solchen Situation ganz und gar nicht gewahr; im Gegenteil, ich konnte mich eines Gefühls der Superiorität nicht erwehren, weil ich auf Schritt und Tritt an mein Europäertum erinnert wurde. Das war nicht zu umgehen und betonte eine gewisse Distanz und Fremdheit diesen andersartigen Menschen gegenüber. Aber darauf war ich nicht
gefaßt, daß es unbewußte Kräfte in mir gab, welche sich mit solcher Intensität der Sache der anderen annahmen, daß sich daraus ein heftiger Konflikt ergab. Der Traum drückte ihn im Bild einer mörderischen Situation aus.
Die wirkliche Natur dieser Störung erkannte ich erst einige Jahre später, als ich im tropischen Afrika weilte: es war die erste Andeutung des «going black under the skin», einer weithin unterschätzten geistigen Gefahr, die dem entwurzelten Europäer in Afrika droht. «Doch wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch», dieses Hölderlinsche Wort fiel mir in solcher Situation des öfteren ein. Das «Rettende» liegt darin, daß man sich die unbewußte Einwirkung bewußt machen kann mit Hilfe warnender Träume. Sie zeigen, daß etwas in uns nicht etwa nur passiv der unbewußten Einwirkung unterliegt, sondern sich sogar mit Begierde darauf stürzt, sich mit dem Schatten zu identifizieren. Wie etwa eine Kindheitserinnerung sich plötzlich mit derart lebhaftem Affekt des Bewußtseins bemächtigen kann, daß man sich wieder ganz in die ursprüngliche Situation zurückversetzt fühlt, so weckt diese anscheinend ganz andere und fremde arabische Umwelt eine Urerinnerung an eine nur zu bekannte Vorzeit, die wir anscheinend gänzlich vergessen haben. Es ist die Erinnerung an eine noch vorhandene Lebensmöglichkeit, die aber von der Zivilisation überwachsen wurde. Würden wir sie naiv wiedererleben, so wäre dies ein Rückfall in die Barbarei. Man zieht deshalb vor, sie zu vergessen. Tritt sie uns aber in Form eines Konfliktes wieder entgegen, so sollte man sie im Bewußtsein behalten und beide Möglichkeiten - die gelebte und die vergessene - miteinander konfrontieren; denn ohne zureichende Gründe hätte sich das scheinbar Verlorene nicht wie-der zum Worte gemeldet. In der lebendigen psychischen Struktur geschieht nichts auf bloß mechanis che Weise, sondern in der Ökonomie des Ganzen, bezogen aufs Ganze: es ist zweckhaft und hat Sinn. Weil aber das Bewußtsein nie einen Überblick über das Ganze hat, so kann es in der Regel diesen Sinn nicht verstehen. Man muß sich darum vorerst mit der Konstatierung der Tatsache begnügen und es der Zukunft und weiteren Nachforschungen überlassen, eine Antwort auf die Frage zu finden, was dieser Zusammenstoß mit dem «Schatten des Selbst» zu bedeuten hat. Auf alle Fälle hatte ich damals keine Ahnung von der Natur dieser archetypischen Erfahrung und noch viel weniger von den geschichtlichen Parallelen. Ohne daß mir die letzte Bedeutung des Traumes damals klar wurde,