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blieb er mir unvergeßlich im Gedächtnis haften und hinterließ den lebhaftesten Wunsch, bei nächster Gelegenheit wieder nach Afrika zu fahren. Dieser Wunsch ging mir erst fünf Jahre später in Erfüllung.

Die Pueblo-lndianer

Wir bedürfen immer eines außerhalb der Sache liegenden Stand-Punktes, um den Hebel der Kritik wirksam anzusetzen. J^es^ilt ganz besonders für psychologische Dinge, in denen wir naturgemäß viel mehr subjektiv befangen sind als in irgendeiner anderen Wissenschaft. Wie können wir uns z. B. nationaler Eigentümlichkeiten bewußt werden, wenn wir nie Gelegenheit hatten, unsere Nation einmal von außen anzusehen? Von außen ansehen, heißt vom Standpunkt einer anderen Nation aus sehen. Dazu muß man sich eine genügende Kenntnis der fremden Kollektivseele erwerben, und in diesem Assimilationsprozeß stößt man dann auf alle jene Unverträglichkeiten, welche das nationale Vorurteil und die nationale Eigenart ausmachen. Alles, was mich am Anderen irritiert, kann mir so zur Erkenntnis meiner selbst werden. England verstehe ich erst, wenn ich sehe, wo ich als Schweizer nicht hineinpasse. Europa, unser größtes Problem, verstehe ich erst, wenn ich sehe, wo ich als Europäer nicht in die Welt hineinpasse. Ich habe meiner Bekanntschaft mit vielen Amerikanern und meinen Reisen nach und in Amerika unendlich viel an Einsicht in und an Kritik über das europäische Wesen zu verdanken, und es schien mir, als ob es nichts Nützlicheres für den Europäer gäbe, als sich Europa einmal vom Dach eines Wolkenkratzers aus anzusehen. Zum ersten Mal hatte ich das europäische Schauspiel von der Sahara aus betrachtet, umgeben von einer Zivilisation, die sich zu der unsrigen etwa so verhält wie das römische Altertum zur Neuzeit. Da wurde es mir bewußt, wie sehr ich auch in Amerika noch im Kulturbewußtsein des weißen Mannes be- und gefangen war. Damals reifte in mir der Wunsch, die historischen Vergleiche noch weiter zu führen dadurch, daß ich auf ein noch tieferes Kulturniveau hinunterstieg.

Meine nächste Reise führte mich in Gesellschaft einiger amerikanischer Freunde zu den Indianern Neu-Mexikos, und zwar zu den städtebauenden Pueblos. «Städte» ist allerdings zu viel gesagt. Es sind ja in Wirklichkeit nur Dörfer, aber ihre gedrängten und übereinander gebauten Häuser suggerieren das Wort «Stadt», eben

so ihre Sprache und ihre ganze Manier. Dort hatte ich zum ersten Mal das Glück, zu einem Nichteuropäer, d. h. zu einem nichtweis -sen Menschen zu sprechen. Es war ein Häuptling der Taos pueblos, ein intelligenter Mann zwischen vierzig und fünfzig Jahren. Er hieß Ochwiä Biano (Gebirgs-See). Ich konnte zu ihm sprechen, wie ich noch selten zu einem Europäer gesprochen hatte. Gewiß, er war befangen in seiner Welt, ebenso befangen wie ein Europäer in der seinigen, aber in was für ein er Welt! Spricht man zu einem Europäer, so gerät man überall auf den Sand des Längstbekannten und doch nie Verstandenen, dort aber schwimmt das Schiff auf fremden, tiefen Meeren. Dabei weiß man nicht, was entzückender ist, der Anblick neuer Gestade oder die Entdeckung neuer Zugänge zum Uraltbekannten und Fastvergessenen.

«Sieh», sagte Ochwiä Biano, «wie grausam die Weißen aussehen. Ihre Lippen sind dünn, ihre Nasen spitz, ihre Gesichter sind von Falten gefurcht und verzerrt, ihre Augen haben einen starren Blicke sie suchen immer etwas. Was suchen sie ? Die Weißen wollen immer etwas, sie sind immer unruhig und rastlos. Wir wissen nicht^ was sie wollen. Wir verstehen sie nicht. Wir glauben, daß sie verrückt sind.»

Ich fragte ihn, warum er denn meine, die Weißen seien alle verrückt. Er entgegnete: «Sie sagen, daß sie mit dem Kopf denken.» «Aber natürlich. Wo denkst du denn?» fragte ich erstaunt. «Wir denken hier», sagte er und deutete auf sein Herz. Ich versank in langes Nachsinnen. Zum ersten Mal in meinem Leben, so schien es mir, hatte mir jemand ein Bild des wirklichen weißen Menschen gezeichnet. Es war mir, als hätte ich bis jetzt nur sentimentalisch-beschönigende farbige Drucke gesehen. Dieser Indianer hatte unseren verwundbaren Fleck getroffen und etwas berührt, wofür wir blind sind. Ich fühlte, wie etwas Unbekanntes und doch innigst Vertrautes in mir aufstieg wie ein formloser Nebel. Und aus diesem Nebel löste sich nun Bild um Bild, zuerst römische Legionen, wie sie in die Städte Galliens einbrachen, Julius Caesars scharf geschnittene Züge, Scipio Africanus, Pompejus. Ich sah den römischen Adler an der Nordsee und am Gestade des Weißen Nils. Dann sah ich Augustinus, wie er das christliche Credo den Briten auf römischen Lanzenspitzen überreicht, und Karls des Großen rühmlichst bekannte Heidenbekehrungen; dann die plündernden und mordenden Scharen der Kreuzfahrerheere, und mit einem

heimlichen Stich wurde mir die Hohlheit der traditionellen Kreuzzugsromantik klar. Sodann kamen Columbus, Cortez und die anderen Conquistadores, die mit Feuer, Schwert, Tortur und Christentum selbst diese entlegenen, friedlich in der Sonne, ihrem Vater, träumenden Pueblos erschreckten. Ich sah auch die Entvölkerung der Südseeinseln mittels scharlachinfizierter Kleider, Feuerwasser und Syphilis.

Damit hatte ich genug. Was wir als Kolonisation, Heidenmis sion, Ausbreitung der Zivilisation usw. bezeichnen, hat noch ein anderes Gesicht, ein Raubvogelgesicht, das mit grausamer Konzentration nach ferner Beute späht, ein Gesicht, das eines Geschlechtes von See- und Landräubern würdig ist. Alle die Adler und sonstigen Raubtiere, die unsere Wappenschilder zieren, schienen mir passende psychologische Exponenten unserer wahren Natur zu sein.

Noch etwas anderes, das mir Ochwiä Biano sagte, haftete. Was er sagte, scheint mir dermaßen mit der eigentümlichen Atmosphäre zusammenzuhängen, daß mein Bericht unvollständig wäre, wenn ich nichts davon erwähnte. Unsere Unterredung fand statt auf dem Dach des fünften Stockwerks des Hauptgebäudes. Von dort sah man Gestalten auf den anderen Dächern stehen, in ihre Wolldecken gehüllt, versunken in den Anblick der wandernden Sonne, die sich täglich in einen reinen Himmel erhob. Um uns herum gruppierten sich die niedrigeren, aus luftgetrockneten Ziegeln (Adobe) gebauten viereckigen Häuser mit den charakteristischen Leitern, die von der Erde aufs Dach oder von Dach zu Dach zu höheren Stockwerken führten. (In den früheren unruhigen Zeiten pflegte der Eingang im Dach zu sein). Vor uns dehnte sich die wellige Hochebene von Taos (ca. 2300 m über Meer) bis an den Horizont, wo sich einige konische Gipfel (alte Vulkane) bis 2u 4000 m erhoben. Hinter uns strömte ein klarer Fluß an den Häusern vorbei, und auf dem anderen Ufer stand ein zweites Pueblo mit seinen rötlichen Adobehäusern, die gegen das Zentrum der Ansiedlung aufeinandergebaut waren, in seltsamer Weise die Perspektive einer amerikanischen Großstadt mit ihren Wolkenkratzern im Zentrum antizipierend. Vielleicht eine halbe Stunde flußaufwärts erhob sich ein gewaltiger isolierter Berg, der Berg, der keinen Namen hat. Es geht die Sage, daß an Tagen, wo der Berg in Wolken gehüllt ist, die Männer bergwärts verschwinden zur Ausübung mysteriöser Riten.

Der Pueblo -Indianer ist ungemein verschlossen, und in Sachen seiner Religion wird er überhaupt unzugänglich. Aus seiner Religionsübung macht er absichtlich ein Geheimnis. Es wird so streng gewahrt, daß ich den Weg der direkten Befragung als hoffnungslos aufgab. Noch nie zuvor hatte ich eine solche Atmosphäre von Geheimnis empfunden, denn die Religionen der heutigen Kulturvölker sind allen zugänglich; ihre Sakramente haben längst aufgehört, Mysterien zu sein. Hier aber war die Luft erfüllt von einem Geheimnis, das allen bewußt, dem Weißen aber unzugänglich war. Diese seltsame Situation gab mir eine Ahnung von Eleusis, dessen Geheimnis einer Nation bekannt war und doch niemals verraten wurde. Ich verstand, was ein Pausanias oder Herodot fühlte, wenn er schrieb: «... den Namen jenes Gottes zu nennen, ist mir nicht erlaubt.» Ich empfand es jedoch nicht als Geheimnistuerei, sondern fühlte ein vitales Geheimnis, dessen Verrat Gefahr für den Einzelnen sowohl wie für die Kollektivität bedeutet. Die Bewahrung des Geheimnisses gibt dem Pueblo Stolz und Widerstandskraft gegenüber dem übermächtigen Weißen. Sie gibt ihm Zusammenhalt und Einigkeit, und man fühlt es als Gewißheit, daß die Pueblos als in: