dividuelle Kollektivität solange bestehen werden, als ihre Mysterien nicht abgesetzt oder entweiht werden.
Es war mir erstaunlich zu sehen, wie der Ausdruck des Indianers sich ändert, wenn er von seinen religiösen Vorstellungen spricht. Im gewöhnlichen Leben zeigt er beträchtliche Selbstbeherrschung und Würde bis zu fast apathischem Gleichmut. Wenn er dagegen von Dingen redet, die zu seinen Mysterien gehören, so erfaßt ihn eine überraschende Emotion, die er nicht verbergen kann, eine Tatsache, die meiner Neugier sehr zustatten kam. Wie ich schon sagte, mußte ich die direkte Befragung als aussichtslos aufgeben. Wenn ich aber etwas Wesentliches wissen wollte, so machte ich tastende Bemerkungen und beobachtete das Gesicht meines Gegenübers auf die mir so wohlbekannten Affektbewegungen hin. Wenn ich das Wesentliche getroffen hatte, so schwieg er zwar oder gab eine ausweichende Antwort, aber mit allen Anzeichen eines tiefen Affektes, oft stiegen ihm Tränen in die Augen. Seine Auffassungen sind ihm keine Theorien (die schon ganz merkwürdig beschaffen sein müßten, sollten sie einem Tränen entlocken), sondern Tatsachen von ebenso großer und ergreifender Bedeutung wie die ihnen entsprechenden äußeren Wirklichkeiten.
Als ich mit Ochwiä Biano auf dem Dach saß,und die Sonne
mit blendendem Licht höher und höher stieg, sagte er, auf die Sonne deutend: «Ist nicht der, der dort geht, unser Vater? Wie kann man anderes sagen? Wie kann ein anderer Gott sein? Nichts kann ohne die Sonne sein.» Seine Erregung, die bereits merklich war, steigerte sich noch, er rang nach Worten und rief endlich aus:
«Was will ein Mann allein in den Bergen? Er kann ja nicht einmal sein Feuer bauen ohne ihn.»
Ich fragte ihn, ob er nicht dächte, die Sonne sei eine feurige Kugel, von einem unsichtbaren Gott geformt. Meine Frage erregte nicht einmal Erstaunen, geschweige denn Unwillen. Es reagierte offensichtlich überhaupt nichts in ihm, auch fand er meine Frage nicht einmal dumm. Sie ließ ihn gänzlich kalt. Ich hatte das Gefühl, an eine unübersteigbare Wand gekommen zu sein. Die einzige Antwort, die ich erhielt, war: «Die Sonne ist Gott. Jeder kann es sehen.»
Obschon sich niemand dem gewaltigen Eindruck der Sonne entziehen kann, war es mir doch eine neue und mich tief berührende Erfahrung, diese gereiften, würdigen Männer von einer Emotion ergriffen zu sehen, die sie nicht verbergen konnten, wenn sie von der Sonne sprachen.
Ein anderes Mal stand ich am Fluß und schaute zum Berg hinauf, der sich noch fast 2000 Meter über die Hochebene erhebt. Ich dachte gerade, dies sei das Dach des amerikanischen Kontinentes, und die Leute wohnten hier im Angesicht der Sonne wie die Männer, die in Decken gehüllt auf den höchsten Dächern des Pueblo stehen, stumm und in sich versunken, im Angesicht der Sonne. Da sprach plötzlich eine tiefe, von heimlicher Emotion vibrierende Stimme von hinten in mein linkes Ohr: «Denkst du nicht, daß alles Leben vom Berge kommt ?» Ein älterer Indianer war auf unhörbaren Mokassins herangekommen und stellte mir diese - ich weiß nicht, wie weit reichende Frage. Ein Blick auf den Fluß, der vom Berge herunterströmt, zeigte mir das äußere Bild, von dem diese Anschauung gezeugt war. Offenbar kam hier alles Leben vom Berge, denn wo Wasser ist, da ist Leben. Nichts war offenkundiger. Ich fühlte in seiner Frage eine mit dem Wort «Berg» anschwellende Emotion und dachte an das Gerücht über heimliche, auf dem Berge zelebrierte Riten. Ich antwortete ihm: «Jedermann kann sehen, daß du die Wahrheit sprichst.»
Leider wurde die Unterhaltung bald unterbrochen, und so gelang es mir nicht, eine tiefere Einsicht in den Symbolismus des Wassers und des Berges zu gewinnen.
Ich bemerkte, daß die Pueblo -Indianer, so ungern sie von etwas sprachen, das ihre Religion betraf, mit großer Bereitwilligkeit und Intensität von ihrem Verhältnis zu den Amerikanern redeten. «Warum», sagte Mountain Lake, «lassen uns die Amerikaner nicht in Ruhe ? Warum wollen sie unsere Tänze verbieten ? Warum wollen sie unseren jungen Leuten nicht erlauben, die Schule zu verlassen, wenn wir sie in die Kiwa (Kultstätte) nehmen und in der Religion unterrichten wollen ? Wir tun doch nichts gegen die Amerikaner!» Nach längerem Stillschweigen fuhr er fort: «Die Amerikaner wollen unsere Religion verbieten. Warum können sie uns nicht in Ruhe lassen ? Was wir tun, tun wir doch nicht nur für uns, sondern auch für die Amerikaner. Ja, wir tun es für die ganze Welt. Es kommt ja allen zugute.»
Ich merkte an seiner Erregung, daß er offenbar auf etwas sehr Wichtiges in seiner Religion anspielte. Ich fragte ihn deshalb:
«Meint ihr, daß das, was ihr in eurer Religion tut, der ganzen Welt zugute komme?» Er antwortete mit großer Lebhaftigkeit:
«Natürlich, wenn wir das nicht täten, was müßte dann aus der Welt werden?» Und mit einer andeutungsvollen Geste zeigte der Sprecher auf die Sonne.
Ich fühlte, daß wir hier auf ein sehr heikles Gebiet kamen, das an die Mysterien des Stammes grenzte. «Wir sind doch ein Volk», sagte er, «das auf dem Dach der Welt wohnt, wir sind die Söhne des Vaters Sonne, und mit unserer Religion helfen wir unserem Vater täglich, über den Himmel zu gehen. Wir tun dies nicht nur für uns, sondern für die ganze Welt. Wenn wir unsere Religion nicht mehr ausüben können, dann wird bis in zehn Jahren die Sonne nicht mehr aufgehen. Dann wird es für immer Nacht werden.»
Da wurde mir deutlich, worauf die «Würde», die gelassene Selbstverständlichkeit des einzelnen Mannes, beruhte: Er ist der Sonnensohn, sein Leben ist kosmologisch sinnvoll, hilft er doch dem Vater und Erhalter allen Lebens in seinem täglichen Auf- und Abstieg. Vergleichen wir damit unsere Selbstbegründung, unseren Lebenssinn, den unsere Vernunft formuliert, so können wir nicht anders, als von seiner Armseligkeit beeindruckt sein. Aus lauter Neid schon müssen wir die indianische Naivität belächeln und uns in unserer Klugheit erhaben vorkommen, um nicht zu entdecken^ wie verarmt und heruntergekommen wir sind. Das Wissen bereichert uns nicht, sondern entfernt uns mehr und mehr von der mythischen Welt, in der wir einst heimatberechtigt waren.
Sehen wir einen Augenblick ab von allem europäischen Rationalismus und versetzen wir uns in die klare Höhenluft jener einsamen Hochebene, die auf der einen Seite in die weiten kontinentalen Prärien und auf der anderen Seite zum Stillen Ozean abfällt, begeben wir uns gleichzeitig unserer Weltbewußtheit und tauschen wir dafür einen unermeßlich scheinenden Horizont mit einer jenseits liegenden Weltunbewußtheit ein, so fangen wir an, den Gesichtspunkt des Pueblo -Indianers zu verstehen. «Alles Leben kommt vom Berge» ist unmittelbar überzeugend für ihn. Ebenso tief ist es ihm bewußt, daß er auf dem Dach einer unermeßlichen Welt wohnt, zunächst dem Gotte. Er vor allen hat das Ohr der Gottheit, und seine kultische Handlung wird am ehesten die ferne Sonne erreichen. Die Heiligkeit der Berge, die Offenbarung Jahwes auf dem Sinai, die Inspiration, die Nietzsche im Engadin empfing, liegen auf der gleichen Linie. Die uns absurd erscheinende Idee, daß ein kultisches Handeln die Sonne magisch «bewirken» könne, ist bei näherem Zusehen zwar nicht weniger irrational, aber uns doch bedeutend vertrauter, als man zunächst vermuten könnte. Unsere christliche Religion, wie übrigens jede andere, ist durchtränkt von dem Gedanken, daß man durch besondere Handlungen oder eine besondere Art des Handelns den Gott beeinflussen könne, z. B. durch Riten oder durch Gebet oder durch eine Gott wohlgefällige Moral.