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Der Einwirkung des Gottes auf den Menschen steht die kultische Handlung des Menschen als eine Antwort und Rückwirkung gegenüber, und vielleicht nicht nur als das, sondern auch als aktive «Bewirkung», als magischer Zwang. Daß sich aber der Mensch imstande fühlt, auf die übermächtige Einwirkung des Gottes vollgültig zu antworten und eine selbst dem Gotte wesentliche Rückleistung zu geben, ist ein stolzes Gefühl, welches das menschliche Individuum zur Würde eines metaphysischen Faktors erhebt. «Gott und wir» auch wenn es nur ein unbewußtes sous-entendu ist -dieses äquivalente Verhältnis liegt wohl jener beneidenswerten Gelassenheit zugrunde. Ein solcher Mensch ist im vollsten Sinne des Wortes an seinem Platze.

Kenya und Uganda

Tout est bien sortant des mains de l'Auteur des choses. Rousseau

Als ich die Wembley Exhibition (1925) in London besuchte, regte mich die ausgezeichnete Schau der unter englischer Herrschaft stehenden Völkerschaften mächtig an, und ich beschloß, in naher Zukunft eine Reise ins tropische Afrika zu unternehmen. Schon lange hatte mich der Wunsch beschäftigt, längere Zeit in einem Land und unter Menschen zu verbringen, die möglichst wenig mit Europa zu tun hatten.

Im Herbst 1925 begab ich mich mit zwei Freunden, einem Engländer und einem Amerikaner, nach Mombasa. Wir reisten auf einem WoermanDampfer, zusammen mit vielen jungen Engländern, die Stellungen in verschiedenen afrikanischen Kolonien angenommen hatten. Man merkte es der Atmosphäre an, daß die Passagiere keine Vergnügungsreisenden waren, sondern einem Schicksal entgegengingen. Wohl herrschte oft laute Fröhlichkeit, aber ein ernster Unterton war unverkennbar. In der Tat vernahm ich noch vor meiner Rückreise vom Schicksal mehrerer meiner Mitreisenden. Einige waren schon im Laufe der nächsten zwei Monate vom Tod ere ilt worden. Sie starben an Malaria tropica. Amöbendysenterie und Pneumonie. Unter den Toten befand sich auch der junge Mann, der mir am Tisch stets gegenüber gesessen hatte. Ein anderer war Dr. Akley, der sich um die Erhaltung der Gorillas verdient gemacht hatte, und mit dem ich kurz vor meiner afrikanischen Reise in New York zusammengetroffen war. Gleichzeitig mit mir war er, aber vom Westen her, zu einer Expedition ins Gorillagebiet aufgebrochen und starb dort, als ich noch am Mt. Elgon weilte. Ich hörte von seinem Tode erst nach meiner Rückkehr.

Mombasa ist in meiner Erinnerung eine feucht-heiße, in einem Wald von Palmen und Mangobäumen versteckte europäische, sowie eine indische und eine Negersiedlung, ungemein malerisch an einem natürlichen Hafen gelegen und überragt von einem alten portugiesischen Fort. Wir blieben dort zwei Tage und fuhren dann gegen Abend mit einer Schmalspurbahn ins Innere, nach Nairobi und zugleich in die tropische Nacht hinein.

Im Küstenstreifen kamen wir an zahlreichen Negerdörfern vorbei, wo die Leute um kleine Feuer saßen und sich unterhielten. Bald begann die Bahn zu steigen. Die Siedlungen hörten auf, und es herrschte pechschwarze Nacht. Es wurde allmählich kühler, und ich fiel in Schlaf. Als der erste Sonnenstrahl den Beginn des Tages verkündete, wachte ich auf. Gerade wand sich der Zug, in eine rote Staubwolke gehüllt, um einen steilen Abhang aus roten Felsen - da stand auf einer Felszacke über uns regungslos eine braunschwarze, schlanke Gestalt auf einen langen Speer gestützt und schaute auf den Zug herunter. Neben ihm ragte ein riesiger Kandelaberkaktus.

Ich war von diesem Anblick wie verzaubert. Es war ein fremdartiges, nie geschautes Bild und doch zugleich ein intensivstes «sen-timent du dejä vu», ein Gefühl, wie wenn ich diesen Augenblick schon einmal erlebt und schon immer jene Welt, die nur durch Zeitferne von mir getrennt war, gekannt hätte. Es war mir, als kehrte ich eben in das Land meiner Jugend zurück und als kennte ich jenen dunkeln Mann, der seit fünftausend Jahren auf mich wartete.

Der Gefühlston dieses wunderlichen Erlebnisses begleitete mich auf der ganzen Reise durch das wilde Afrika. Ich kann mich nur einer einzigen anderen Erfahrung des Unbekannten erinnern, und das war, als ich zum ersten Mal zusammen mit meinem früheren Chef, Prof. Eugen Bleuler, eine parapsychologische Erscheinung beobachtet hatte. Zuvor hatte ich mir vorgestellt, daß ich vor Erstaunen vergehen müßte, wenn ich etwas derart Unmögliches sähe. Als es aber geschah, war ich überhaupt nicht erstaunt, sondern fand das Phänomen ganz in Ordnung, wie wenn es selbstverständlich und mir schon längst bekannt gewesen wäre.

Ich ahnte nicht, welche Saite der Anblick des einsamen dunkeln Jägers in mir zum Erklingen brachte. Ich wußte nur, daß seine Welt die meine war seit ungezählten Jahrtausenden.

Etwas traumbefangen kam ich um die Mittagszeit in dem 1800 m hoch gelegenen Nairobi an, in einer unbeschreiblich blendenden Lichtfülle, die mich an den Sonnenglanz des Engadins erinnerte, wenn man aus den Winternebeln des Tieflandes heraufkommt. Zu meiner Verwunderung trugen die zahlreichen, am Bahnhof versammelten Boys die altmodischen, grauen und weißen wollenen Skimützen, die man im Engadin zu sehen oder selber zu tragen gewohnt war. Sie wurden hoch geschätzt, weil man den aufgestülp ten Rand wie ein Visier herunterlassen konnte, in den Alpen ein guter Schutz gegen den eisigen Wind, hier aber gegen die strahlende Hitze.

Von Nairobi aus besuchten wir mit einem kleinen Fordwagen die Athi Plains, ein großes Wildreservat. Auf einem niedrigen Hügel in dieser weiten Savanne erwartete uns eine Aussicht sondergleichen. Bis an den fernsten Horizont sahen wir riesige Tierherden: Gazellen, Antilopen, Gnus, Zebras, Warzenschweine usw. Langsam strömend, grasend, die Köpfe nickend bewegten sich die Herden - kaum daß man den melancholischen Laut eines Raubvogels vernahm. Es war die Stille des ewigen Anfangs, die Welt, wie sie immer schon gewesen, im Zustand des Nicht-Seins; denn bis vor kurzem war niemand vorhanden, der wußte, daß es «diese Welt» war. Ich entfernte mich von meinen Begleitern, bis ich sie nicht mehr sah und das Gefühl hatte, allein zu sein. Da war ich nun der erste Mensch, der erkannte, daß dies die Welt war und sie durch sein Wissen in diesem Augenblick erst wirklich erschaffen hatte.

Hier wurde mir die kosmische Bedeutung des Bewußtseins überwältigend klar. «Quod natura relinquit imperfectum, ars perficit» (was die Natur unvollständig läßt, vervollständigt die Kunst), heißt es in der Alchemie. Der Mensch, ich, gab der Welt in unsichtbarem Schöpferakt erst die Vollendung, das objektive Sein. Man hat diesen Akt dem Schöpfer allein zugeschrieben und nicht bedacht, daß wir damit Leben und Sein als eine auskalkulierte Maschine ansehen, die sinnlos, mitsamt der menschlichen Psyche, nach vorbekannten und -bestimmten Regeln weiterläuft. In einer solchen trostlosen Uhrwerkphantasie gibt es kein Drama von Mensch, Welt und Gott; keinen «neuen Tag», der zu «neuen Ufern» führt, sondern nur die öde errechneter Abläufe. Mein alter Pueblo -Freund kam mir in den Sinn: er glaubte, daß die rai-son d'etre seiner Pueblos die Aufgabe sei, ihrem Vater, der Sonne, täglich über den Himmel zu helfen. Ich hatte sie um dieser Sinn-erfülltheit willen beneidet und mich ohne Hoffnung nach unserem eigenen Mythus umgeschaut. Jetzt wußte ich ihn und dazu noch mehr: der Mensch ist unerläßlich zur Vollendung der Schöpfung, ja er ist der zweite Weltschöpfer selber, welcher der Welt erst das objektive Sein gibt, ohne das sie ungehört, ungesehen, lautlos fressend, gebärend, sterbend, köpfenickend durch Hunderte von Jahr-mjllionen in der tiefsten Nacht des Nicht-Seins zu einem unbe-stimmten Ende hin ablaufen würde. Menschliches Bewußtsein erst hat objektives Sein und den Sinn geschaffen, und dadurch hat der Mensch seine im großen Seinsprozeß unerläßliche Stellung gefunden.

Mit der damals im Bau befindlichen Ugandabahn begaben wir uns zu ihrer vorläufigen Endstation Sigistifour (sixty-four). Unsere Boys luden das umfangreiche Expeditionsgepäck aus. Ich setzte mich auf eine chopbox (Lebensmittelkiste, je eine Kopflast) und zündete mir eine Pfeife an, meditierend über die Tatsache, daß wir uns hier sozusagen am Rande der oikumene (gr. der bewohnten Erde) befanden, von wo sich Pisten und Pfade endlos über den Kontinent erstreckten. Nach einer Weile gesellte sich ein älterer Engländer, offenbar ein Squatter, zu mir, setzte sich und zog ebenfalls eine Pfeife hervor. Er erkundigte sich, wohin wir gingen. Als ich ihm unsere Ziele skizziert hatte, fragte er: «Is this the first timc you are in Africa? I am here since forty years.»