Выбрать главу

Daß wir halboffiziell reisten, erwies sich als vorteilhaft, da wir auf diese Weise leichter Träger anwerben konnten und auch eine militärische Eskorte erhielten. Das war nicht überflüssig, da wir im Sinne hatten, in Gebiete zu reisen, die noch nicht unter Kontrolle der Weißen standen. So begleiteten ein Corporal und zwei Soldaten unsere Safari am Mt. Elgon.

Ich erhielt einen Brief vom Gouverneur von Uganda, in welchem er bat, uns eine Engländerin anvertrauen zu dürfen, welche durch den Sudan nach Ägypten zurückreiste. Man wußte, daß wir den g leichen Reiseplan hatten, und da die Dame bereits in Nairobi mit uns bekannt geworden war, lag kein Grund vor, die Bitte abzuschlagen. Überdies fühlten wir uns dem Gouverneur für seine mannigfache Hilfe sehr verpflichtet.

Ich erwähne diese Episode, um zu zeigen, auf welch subtilen Wegen ein Archetypus unser Tun beeinflußt. Wir waren drei Männer, und das war reiner Zufall. Ich hatte noch einen dritten Freund gebeten mitzukommen. Aber widrige Umstände hatten seine Zusage verunmöglicht. Dies genügte, um das Unbewußte oder das Schicksal zu konstellieren. Es tauchte auf als Archetypus der Triade, welche nach dem Vierten ruft, wie es sich in der Geschichte dieses Archetypus immer wieder gezeigt hat.

Da ich geneigt bin, das Zufällige, das an mich kommt, zu akzeptieren, hieß ich die Dame in unserer Dreimännergruppe willkommen. Da sie sportlich und tapfer war, erwies sie sich als nützliche Kompensation unserer einseitigen Männlichkeit. Als mein jüngerer Freund später an einem gefährlichen Anfall tropischer Malaria erkrankte, waren wir dankbar für ihre Erfahrungen, die sie als Krankenschwester im ersten Weltkrieg erworben hatte.

Nach unserem Hyänenabenteuer zogen wir ungeachtet der Bitten des Häuptlings weiter. Das Terrain war leicht ansteigend. Die Anzeichen tertiärer Lavaströme mehrten sich. Wir kamen durch herrliche Urwaldstreifen mit riesigen Nandi-Flame-Bäumen, die von flammendroten Blüten übersät waren. Riesige Käfer und noch größere farbenreiche Schmetterlinge belebten Waldränder und Lichtungen. Äste wurden von neugierigen Affen geschüttelt. Bald befanden wir uns «miles from anywhere» im Busch. Es war eine paradiesische Welt. Die Gegend bestand vor allem aus flacher Savanne mit durchwegs hochrotem Boden. Wir marschierten meist auf den Eingeborenenpfaden, die sich in auffallend engen Windungen, d. h. mit kurzem Kurvenradius von drei bis sechs Metern durch den Busch schlängelten.

Unser Weg führte uns in die Nandiregion und durch den Nandi-forest, einen beträchtlichen Urwaldkomple x. Ohne Zwischenfälle erreichten wir ein Rasthaus am Fuß des Mt. Elgon, der schon seit Tagen über uns emporwuchs. Hier begann der Aufstieg auf einem schmalen Pfad. Wir wurden vom lokalen Häuptling, dem Sohn eines Medizinmannes, des «laibon», begrüßt. Er ritt ein Pony, das einzige Pferd, das wir bisher angetroffen hatten. Von ihm vernahm ich, daß sein Stamm zu den Masai gehörte, jedoch von diesen abgetrennt ein Sonderdasein an den Abhängen des Mt. Elgon führte.

Nach einigen Stunden Aufstieg erreichten wir eine schöne weite Lichtung, durchflossen von einem klaren, kühlen Bächlein mit einem etwa 3 m hohen Wasserfall, dessen Becken wir zu unserem Badeplatz erkoren. Unser Lagerplatz lag in einiger Entfernung auf einem sanften, trockenen Abhang, beschattet von Schirmakazien. In der Nähe befand sich ein Negerkral. Er bestand aus ein paar Hütten und einer Boma, einem von einer Hecke aus Wait -a-bit -thorn umzäunten Platz. Mit dem Häuptling konnte ich mich auf Suaheli verständigen.

Er bes timmte unsere Wasserträgerinnen: eine Frau mit zwei halb erwachsenen Töchtern, nackt bis auf einen Kaurigürtel *. Sie waren schokoladebraun und auffallend hübsch, von schlanker Gestalt und elegant lässigen Bewegungen. Es war mein allmorgendliches Vergnügen, den leisen Kling-Klang ihrer eisernen Fußringe vom Bach herauf zu hören und sie bald darauf, wiegenden Ganges, die Wasseramphoren auf dem Kopf balancierend, aus dem hohen gelben Elefantengras auftauchen zu sehen. Sie waren geschmückt mit Fußringen und aus Messing verfertigten Arm- und Halsbändern, mit Ohrgehängen aus Kupfer oder in Form kleiner Holzspulen, die Unterlippe durchbohrt von einem Bein- oder Eisennagel. Sie hatten sehr gute Manieren und grüßten uns jeweils mit scheuem charmantem Lächeln.

Ich habe, der allgemeinen Erwartung entsprechend, nie mit eingeborenen Frauen gesprochen, mit einer Ausnahme, die ich noch erwähnen werde. Männer sprechen, wie auch bei uns im Süden, mit Männern, Frauen mit Frauen. Anderes bedeutet love-making. Mit letzterem aber riskiert der Weiße nicht nur seine Autorität, sondern läuft auch ernstlich Gefahr des «goingblack», wovon ich mehrere sehr instruktive Fälle beobachtet habe. Mehrfach hörte ich von den Negern das Urteil über einen gewissen Weißen: «Er ist ein schlechter Mann.» Als ich fragte warum, lautete die Antwort: «Er schläft mit unseren Weibern.»

Bei meinen Elgonyis beschäftigte sich der Mann mit dem Großvieh und der Jagd, die Frau war sozusagen identisch mit der «shamba» (Pflanzung, Bananen, süße Kartoffeln, Negerhirse und Mais). Sie hatte Kinder, Ziegen und Hühner, die alle in derselben runden Hütte wohnten. Das ist ihre Würde und Selbstverständlichkeit: sie ist ein intensiver Geschäftspartner. Der Begriff «gleiches Recht für die Frau» ist das Kind eines Zeitalters, in dem eine solche Partnerschaft ihren Sinn verloren hat. Die primitive Gesellschaft jedoch ist reguliert durch unbewußten Egoismus und Altruismus, beide kommen ausgiebig auf ihre Rechnung. Diese unbewußte Ordnung zerfällt sofort, wenn eine Störung eintritt, die nur durch einen Bewußtseinsakt kompensiert werden könnte und sollte.

Mit Vergnügen erinnere ich mich eines wichtigen Informators 2 Kauri (oder kowri) sind kleine Muscheln,die auch als Geld verwendet werden.

über die Familie bei den Elgonyi: Es war ein auffallend schöner Jüngling mit Namen Gibroat, ein Häuptlingssohn von liebenswürdigen, eleganten Manieren, dessen Vertrauen ich offensichtlich gewonnen hatte. Er nahm zwar gerne meine Zigaretten an, war aber nicht darauf erpicht, Geschenke zu erhalten wie die anderen. Er erzählte mir viel Interessantes und stattete mir von Zeit zu Zeit einen «gentleman-Besuch» ab. Ich fühlte, daß er irgend etwas im Sinne hatte, irgendeinen Wunsch hegte. Erst nach längerer Bekanntschaft kam er mit dem völlig unerwarteten Anliegen heraus, er wolle mich mit seiner Familie bekannt machen. Ich wußte aber, daß er selber noch unverheiratet und seine Eltern tot waren. Es handelte sich um eine ältere Schwester. Sie war verheiratet als zweite Frau und hatte vier Kinder. Er wünschte sich sehr, daß ich ihr einen Besuch machte, so daß sie Gelegenheit hätte, mich kennenzulernen. Sie stand für ihn offenbar an Mutterstelle, und ich sagte zu, weil ich auf diese sozusagen gesellschaftliche Weise in das Familienleben Einblick zu gewinnen hoffte.

«Madame etait chez eile», sie trat aus der Hütte, als wir ankamen, und begrüßte mich auf die natürlichste Weise der Welt. Sie war eine hübsche Frau von mittlerem Alter, d. h. etwa dreißig Jahre alt; außer dem obligaten Kaurigürtel trug sie Arm- und Fußringe, in den übermäßig ausgedehnten Ohrläppchen einigen Kupferschmuck und über der Brust ein kleines Wildfell. Ihre vier kleinen «mtotos» hatte sie in die Hütte gesperrt, von wo sie durch die Türspalten äugten und aufgeregt kicherten. Auf meine Bitte ließ sie sie heraus. Es brauchte eine ganze Weile, bis sie sich herausgetrauten. Die junge Frau hatte die ausgezeichneten Manieren des Bruders, der aus Freude über den gelungenen Coup übers ganze Gesicht strahlte.

Man setzte sich nicht nieder, da es nichts gab, auf das man sich hätte setzen können außer der staubigen Erde, die mit Hühnermist und Ziegenpillen bedeckt war. Die Unterhaltung bewegte sich im konventionellen Rahmen eines halbfamiliären drawing-room-Gesprächs, das sich um Familie, Kinder, Haus und Garten drehte. Ihre ältere Nebenfrau, deren Grundstück an das ihrige grenzte, hatte sechs Kinder. Die Boma der «Schwester» befand sich in etwa 80 m Entfernung. Ungefähr in der Mitte zwischen den beiden Frauenhütten, aber im Dreieck dazu, stand die Hütte des Mannes und dahinter in etwa 50 m Entfernung eine kleine Hütte, die der schon erwachsene Sohn der ersten Frau bewohnte. Jede der beiden