Frauen besaß ihre «shamba», d. h. eine Pflanzung mit Bananen, süßen Kartoffeln, großstämmiger Hirse und Mais, auf die meine Gastgeberin sichtlich stolz war.
Ich hatte das Gefühl, daß die Sicherheit und das Selbstbewußtsein ihres Benehmens in hohem Maße auf einer Identität mit ihrer offensichtlichen Ganzheit beruhte, die aus Kindern, Haus, Kleinvieh, «shamba» und - last but not least - ihrer nicht unattraktiven Körperlichkeit bestand. Vom Mann war nur andeutungsweise die Rede. Er schien bald da, bald nicht da zu sein. Momentan weilte er an einem unbekannten Ort. Meine Gastgeberin war offenkundig und problemlos das Vorhandene, ein wahrhaftes «pied-ä-terre» des Mannes. Die Frage schien nicht zu sein, ob er da sei oder nicht, sondern vielmehr, ob sie in ihrer Ganzheit vorhanden und «erdmagnetisches» Zentrum ihres mit seinen Herden schweifenden Gatten sei. Was im Innern dieser «einfachen» Seelen vorgeht, ist unbewußt, daher nicht gewußt und nur aus europäischem Vergleichsmaterial von «fortgeschrittener» Differenzierung zu erschließen.
Ich fragte mich, ob die Vermännlichung der weißen Frau nicht mit dem Verlust ihrer natürlichen Ganzheit (shamba, Kinder, Kleinvieh, eigenes Haus und Herdfeuer) zusammenhänge, nämlich als eine Kompensation für ihre Verarmung, und ob die Verweib-lichung des weißen Mannes nicht eine weitere Folgeerscheinung^ darstelle. Die rationalsten Staaten verwischen den Unterschied der Geschlechter am allermeisten. Die Rolle, welche die Homosexualität in der_modernen Gesellschaft spielt, ist enorm. Sie ist teils Folge des Mutterkomplexes, teils natürliches Zweckphänomen (Verhinderung der Fortpflanzung !).
Meinen Reisegefährten und mir war das Glück beschieden, die afrikanische Urwelt mit ihrer unerhörten Schönheit und ihrem ebenso tiefen Leiden noch vor Torschluß zu erleben. Unser Lagerleben war eine der schönsten Zeiten meines Lebens - procul nego-tiis et integer vitae scelerisque purus (fern von den Geschäften und unverdorben vom Leben und frei von Schuld) genoß ich den «Gottesfrieden» eines noch urweltlichen Landes. Nie hatte ich das je so gesehen: «Der Mensch und die anderen Tiere» (Herodot). Tausende von Meilen zwischen mir und Europa, der Mutter aller Teufel, die mich hier nicht erreichen konnten - kein Telegramm, kein Telephonanruf, kein Brief, kein Besuch! Das war ein wesentlicher Bestandteil der «Bugishu Psychological Expedition». Meine
befreiten seelischen Kräfte strömten beseligt zurück in vorweltliche Weiten.
Es war uns ein leichtes, jeden Morgen ein Palaver mit den Neugierigen, die tagelang unser Lager umhockten und mit nie erlahmendem Interesse allen unseren Bewegungen folgten, zu veranstalten. Mein Headman Ibrahim hatte mich in die Etikette des Palavers eingeweiht: Alle Männer (die Frauen besuchten uns nie) mußten auf dem Boden sitzen. Ibrahim hatte mir einen kleinen vier-füßigen Häuptlingsstuhl aus Mahagoni verschafft, auf dem ich sitzen mußte. Dann begann ich die Ansprache und erklärte das «shauri», nämlich die Traktanden des Palavers. Die meisten Teilnehmer sprachen ein leidliches Pidgin-Suaheli, das hinreichte, um mich zu verstehen, wenn ich mit reichlicher Benützung eines kleinen Lexikons mein Anliegen in Form gebracht hatte. Das Büchlein war ein Gegenstand nimmermüder Bewunderung. Meine spärlichen Ausdrucksmittel zwangen mich zu der nötigen Einfachheit. Oft glich die Unterhaltung einem amüsanten Rätselraten, weshalb sich die Palaver größter Beliebtheit erfreuten. Sie dauerten aber selten länger als etwa eine Stunde, weil die Leute sichtlich müde wurden und mit bewegter Gebärde klagten: «Ach, wir sind so müde.»
Ich interessierte mich natürlich für die Träume der Neger, konnte aber zunächst keinen zu hören bekommen. Ich setzte kleine Belohnungen aus, z. B. Zigaretten, Zündhölzer, Sicherheitsnadeln, auf welche die Leute sehr erpicht waren. Nichts half. Die Scheu, Träume zu erzählen, konnte ich nie restlos aufklären. Ich vermute, der Grund war Furcht und Mißtrauen: Bekanntlich haben die Neger Angst vor dem Photographiertwerd en; sie fürchten, daß man ihnen damit die Seele raube, und vielleicht fürchten sie ebenso, daß man ihnen durch die Kenntnis ihrer Träume Schaden zufügen könne. Das galt übrigens nicht für unsere Boys, die aus Küstensomalis und Suahelis bestanden. Sie hatten ein arabisches Traumbuch, das sie besonders während des Reisemarsches täglich konsultierten. Waren sie im Zweifel über eine Deutung, so wurde sogar mein Rat eingeholt, da sie mich wegen meiner Kenntnis des Korans als «Mann des Buches» bezeichneten und für einen verkappten Mohammedaner hielten.
Einmal hatten wir ein Palaver mit dem Laibon, dem alten Häuptling Doktor. Er erschien in einem prächtigen Mantel, der aus blauen Affenfellen bestand und ein wertvolles Prunkstück darstellte. Als
ich ihn über seine Träume befragte, erklärte er mir mit Tränen in den Augen: «Früher haben die Laibons Träume gehabt und haben gewußt, ob es Krieg gibt oder Krankheiten, ob der Regen kommt und wohin man die Herden treiben soll.» So habe auch sein Großvater noch geträumt. Aber seit die Weißen in Afrika seien, habe niemand mehr Träume. Man brauche auch keine Träume mehr, denn jetzt wüßten es die Engländer!
Seine Antwort zeigte, daß der Medizinmann seine raison d'etre verloren hatte. Man brauchte die göttliche Stimme, die den Stamm berät, nicht mehr, denn «die Engländer wissen es besser». Früher verhandelte der Medizinmann mit den Göttern oder der Schicksalsmacht und beriet sein Volk. Er übte einen großen Einfluß aus, so wie im alten Griechenland das Wort der Pythia höchste Autorität besaß. Nun war die Autorität des Medizinmannes abgelöst durch die des District Commissioner. Der ganze Wert des Lebens liegt jetzt in der diesseitigen Welt, und es schien mir nur eine Frage der Zeit und der Vitalität der schwarzen Rasse, wann den Negern die Bedeutung der physischen Macht bewußt würde.
Unser Laibon war keine irgendwie imposante Persönlichkeit, sondern ein etwas weinerlicher alter Herr. Trotzdem oder gerade deshalb stellte er den sich unterirdisch ausbreitenden Zerfall einer überholten und nie mehr zurückkommenden Welt anschaulich und eindrucksvoll dar.
In zahlreichen Fällen brachte ich das Gespräch auf die Numina, insbesondere auf Riten und Zeremonien. Ich hatte in dieser Hinsicht nur eine einzige Beobachtung in einem kleinen Dorf gemacht. Dort befand sich mitten auf der lebhaften Dorfstraße vor einer leeren Hütte eine sorgfältig gewischte Stelle von mehreren Metern Durchmesser. In der Mitte lagen ein Kaurigürtel, Arm- und Fu ßspangen, Ohrgehänge und die Scherben von allerlei Töpfen, sowie ein Grabstock. Das Einzige, was wir darüber zu erfahren vermochten, war die Tatsache, daß in dieser Hütte eine Frau gestorben war. Über ein Leichenbegängnis verlautete nichts.
Im Palaver versicherten mir die Leute mit Emphase, daß ihre westlichen Nachbarn «schlechte» Leute seien. Wenn dort einer sterbe, dann werde das nächste Dorf benachrichtigt und am Abend werde die Leiche bis in die Mitte zwischen die beiden Dörfer gebracht. Von der anderen Seite würden Geschenke verschiedener Art an dieselbe Stelle gebracht, und am Morgen sei keine Leiche mehr da. Es wurde deutlich insinuiert, daß der Tote vom anderen Dorf aufgefressen werde. Bei den Elgonyi geschähe aber solches nie. Wohl würden die Leichen in den Busch gelegt, wo die Hyänen im Lauf der Nacht das Begräbnis erledigten. In der Tat fanden wir nie Spuren einer Totenbestattung.
Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich aber, daß wenn ein Mann stirbt, seine Leiche in die Mitte der Hütte auf den Boden gelegt werde. Der Laibon umwandle sie und spritze aus einer Schale Milch auf den Boden, indem er dazu murmle: «ayik adhtsta, adhista aylk!»
Die Bedeutung dieser Worte war mir bereits bekannt aus einem denkwürdigen Palaver, das unterdessen stattgefunden hatte. Am Schluß jenes Palavers rief ein Alter plötzlich: «Am Morgen, wenn die Sonne kommt, gehen wir aus den Hütten, spucken in die Hände und halten sie der Sonne hin.» Ich ließ mir die Zeremonie vormachen und genau beschreiben. Sie spuckten oder bliesen heftig in die vor den Mund gehaltenen Hände und kehrten sie dann um, die Handflächen gegen die Sonne. Ich fragte, was das bedeute, warum sie es täten, warum sie in die Hände bliesen oder spuckten. Vergebens - «das hat man immer gemacht», sagten sie. Es war unmöglich, irgendeine Erklärung zu bekommen, und es wurde mir klar, daß sie tatsächlich nur wissen, daß sie es tun, nicht aber, was sie tun. Sie sehen keinen Sinn in dieser Handlung. Aber auch wir vollziehen Zeremonien - zünden den Weihnachtsbaum an, verstecken Ostereier usw. - ohne uns jedoch darüber klar zu sein, was wir tun.