Der alte Mann sagte, daß dies die wahre Religion aller Völker sei - alle Kevirondos, alle Buyanda, alle Stämme, soweit man vom Berge sehen könne und noch unendlich viel weiter, alle verehrten «adhista», das ist die Sonne im Moment des Aufgangs. Nur dann ist sie «mungu», Gott. Die erste feine Goldsichel des neuen Mondes im Purpur des Westhimmels ist auch Gott. Aber nur dann, sonst nicht.
Offenbar handelt es sich bei der Elgonyizeremonie um eine Darbringung an die Sonne, die im Augenblick ihres Aufgangs göttlich ist. Wenn es Speichel ist, so ist es die Substanz, die nach primitiver Auffassung das persönliche Mana, die Heil-, Zauber- und Lebenskraft enthält. Ist es der Atem, so ist er roho. arabisch ruch, hebräisch mach, griechisch pneuma, Wind und Geist. Die Handlung sagt also: «Ich biete Gott meine lebendige Seele an.» Es ist ein wortloses, gehandeltes Gebet, das ebensogut lauten könnte: «Herr, in Deine Hände befehle ich meinen Geist.»
Neben «adhista» verehren die Elgonyi - so vernahmen wir weiter - «aylk», der in der Erde wohnt und ein «sheitan» (Teufel) ist. Er ist der Schöpfer der Angst, ein kalter Wind, der dem nächtlichen Wanderer einen Schlag versetzt. Der alte Mann pfiff eine Art Loki-Motiv, um zu veranschaulichen, wie ayik durch das hohe und geheimnisvolle Buschgras streicht.
Im allgemeinen bekannten sich die Leute zu der Überzeugung, daß der Schöpfer alles gut und schön gemacht habe. Er ist jenseits von Gut und Böse. Er ist m'zuri, d. h. schön, und alles, was er gemacht hat, ist m'zuri.
Als ich fragte: «Aber die bösen Tiere, die euch das Vieh töten?» sagten sie: «Der Löwe ist gut und schön.» Und: «Eure scheußlichen Krankheiten?» Sie sagten: «Du liegst in der Sonne, und es ist schön.» Ich war von diesem Optimismus beeindruckt. Aber abends um sechs Uhr hörte diese Philosophie plötzlich auf, wie ich bald entdeckte. Von Sonnenuntergang an herrscht eine andere Welt, die dunkle Welt, die Welt des aytk: das ist das Böse, Gefährliche, Angstverursachende. Die optimistische Philosophie hört auf, und es beginnt die Philosophie der Gespensterfurcht und der magischen Bräuche, die gegen das Übel schützen sollen. Mit dem Sonnenaufgang kehrt dann, ohne inneren Widerspruch, der Optimismus wieder.
Es war mir ein ans Tiefste rührendes Erlebnis, an den Quellen des Nils die Kunde von der ägyptischen Urvorstellung der beiden Ako -luthen des Osiris, Horus und Seth, zu vernehmen, ein afrikanis ches Urerlebnis, das gleichsam mit den heiligen Wassern des Nils bis zu den Küsten des Mittelmeeres hinuntergeflossen war. Adhista, die aufsteigende Sonne, das Licht, wie Horus; ayik, das Dunkle, der Angstmacher.
Bei dem einfachen Totenritual vereinigen die Worte des Laibon und seine Milchspende die Gegensätze, indem er gleichzeitig beiden opfert. Beide sind von gleicher Macht und Bedeutung, denn die Zeit ihrer Herrschaft, der Tag sowohl wie die Nacht, dauern sichtbar je zwölf Stunden. Das Bedeutungsvolle jedoch ist der Moment, wo aus dem Dunkel mit äquatorialer Plötzlichkeit der erste Lichtstrahl wie ein Geschoß hervorbricht, und wo Nacht in lebensvolles Licht übergeht.
Der Sonnenaufgang in diesen Breiten war ein Ereignis, das mich jeden Tag aufs neue überwältigte. Es war weniger das an sich großartige Heraufschießen der ersten Strahlen, als das, was nach
her geschah. Unmittelbar nach Sonnenaufgang pflegte ich mich auf meinen Feldstuhl unter eine Schirmakazie zu setzen. Vor mir in der Tiefe des kleinen Tals lag ein dunkler, fast schwarzgrüner Urwaldstreifen, darüber ragte der jenseitige Plateaurand. Zunächst herrschten scharfe Kontraste zwischen Hell und Dunkel; dann trat alles plastisch in das Licht, das mit einer geradezu kompakten Helligkeit das Tal ausfüllte. Der Horizont darüber strahlte weiß. Allmählich drang das steigende Licht sozusagen in die Körper ein, die wie von innen sich erhellten und schließlich durchsichtig wie farbige Gläser glänzten. Alles wurde zu flimmerndem Kristall. Der Ruf des Glockenvogels umläutete den Horizont. In diesen Augenblicken befand ich mich wie in einem Tempel. Es war die allerheiligste Stunde des Tages. Ich betrachtete diese Herrlichkeit mit nimmersattem Entzücken oder besser, in zeitloser Verzückung.
In der Nähe meines Platzes befand sich ein hoher Felsen, von großen Affen (baboons, Pavianen) bewohnt. Jeden Morgen saßen sie ruhig, fast bewegungslos auf dem Grat an der Sonnenseite des Felsens, während sie sonst tagsüber den Wald mit Geschnatter und Gekreisch durchlärmten. Wie ich, schienen sie den Sonnenaufgang zu verehren. Sie erinnerten mich an die großen Paviane vom Tempel in Abu Simbel in Ägypten, welche die Adorationsgeste machen. Sie erzählen immer dieselbe Geschichte: Seit jeher haben wir den großen Gott verehrt, der die Welt erlöst, indem er als strahlendes Himmelslicht aus dem großen Dunkel taucht.
Damals verstand ich, daß in der Seele von Uranfang her eine Sehnsucht nach Licht wohnt und ein unabdingbarer Drang, aus ihrer uranfänglichen Dunkelheit herauszukommen. Wenn die große Nacht kommt, erhält alles den Unterton einer tiefen Melancholie und eines unaussprechlichen Heimwehs nach Licht. Das ist es, was als Ausdruck in den Augen der Primitiven liegt, und was man auch in den Augen des Tieres sehen kann. Im Tierauge liegt eine Trauer, und man weiß nicht, ist es die Seele des Tieres oder ist es ein schmerzlicher Sinn, den jenes uranfängliche Sein darstellt ? Das ist die Stimmung von Afrika, die Erfahrung seiner Einsamkeiten. Es ist die uranfängliche Dunkelheit, ein mütterliches Geheimnis. Daher ist das überwältigende Erlebnis der Neger die Sonnengeburt am Morgen. Der Augenblick, in dem es Licht wird, das ist Gott. Der Augenblick bringt die Erlösung. Es ist ein Urerlebnis des Momentes, und es ist bereits verloren und vergessen, wenn man meint, die Sonne sei Gott. «Wir sind froh, daß die Nacht,
in der die Geister umgehen, jetzt zu Ende ist!» bedeutet schon eine Rationalisierung. In Wirklichkeit lastet eine ganz andere Dunkelheit über dem Lande als die natürliche Nacht: Es ist die psychische Urnacht, die ungezählten Millionen von Jahren, in denen es schon immer so war, wie es heute ist. Die Sehnsucht nach Licht ist die Sehnsucht nach Bewußtsein.
Als sich unser glückseliger Aufenthalt am Elgon seinem Ende näherte, brachen wir mit Trauer unsere Zelte ab und versprachen uns ein Wiederkommen. Ich hätte mir damals nicht vorstellen können, daß ich nie wieder diese ungeahnte Herrlichkeit erleben sollte. Seither wurden bei Kakamegas Goldfelder entdeckt, über mein fernes Land fegte die Mau-MauBewegung, und bei uns unterbrach ein jähes Erwachen den Kulturtraum.
Wir treckten dem Südabhang des Mt. Elgon entlang. Allmählich änderte sich der Charakter der Landschaft. Höhere Berge, mit dichtem Urwald bedeckt, näherten sich der Ebene. Die Farbe der Einwohner wurde schwärzer, der Körper verlor die Eleganz der Masai und wurde plumper und massiger. Wir kamen in das Gebiet der Bugishu und verweilten einige Zeit in dem hochgelegenen Rasthaus von Bunambale. Eine herrliche Aussicht bot sich uns von dort auf das weite Niltal. Dann treckten wir weiter nach Mbala, von wo wir mit zwei Fordtrucks schließlich Jinja am Victoriasee erreichten. Wir luden unser Gepäck auf die Schmalspurbahn, die alle vierzehn Tage einmal einen Zug an den Chiogasee führte. Ein Heckraddampfer, der mit Holz seinen Kessel heizte, nahm uns auf und brachte uns nach einigen Zwischenfällen bis Masindiport. Dort luden wir auf eine Lorry um und gelangten nach Masinditown, das auf dem Plateau liegt, welches den Chiogasee von Albert Nyanza trennt.