In einem Dorf auf dem Weg vom Albertsee nach Rejäf im Sudan hatten wir ein unvergeßliches Erlebnis: der lokale Häuptling, ein hochgewachsener, noch junger Mann, erschien mit seiner Begleitung. Es waren die schwärzesten Neger, die ich je gesehen hatte. Die Gesellschaft sah nicht sehr vertrauenerweckend aus. Der Ma-mur3 von Mimule hatte uns drei Askaris zur Bedeckung mitgegeben, aber ich sah bald, daß sie, wie auch unsere Boys, sich keineswegs wohl fühlten. Sie hatten für ihre Flinten nur je drei Patronen.
El Mamur wörtlich: beauftragter Präfekt, Statthalter.
Ihre Gegenwart war daher eine bloß symbolische Geste seitens des Governments.
Als mir der Häuptling vorschlug, abends ein N'goma (Tanz) zu veranstalten, begrüßte ich diese Idee. Ich hoffte auf diese Weise, auf der besseren Seite dieser Gesellschaft zu bleiben. Als die Nacht gekommen war und wir uns alle nach Schlaf sehnten, hörten wir Trommeln und Hornstöße, und bald erschienen an die sechzig Mann, kriegerisch ausgerüstet mit blitzenden Lanzen, Keulen und Schwertern, in einiger Distanz gefolgt von den Frauen, Kindern und selbst Säuglingen, die von den Müttern auf dem Rücken getragen wurden. Es war offenbar ein ganz großer gesellschaftlicher Anlaß. Trotz der Hitze von noch immer 34° wurde ein großes Feuer entfacht, um welches Frauen und Kinder einen Kreis bildeten. Um sie herum stellten sich die Männer in einem äußeren Ring auf, wie ich dies einmal bei einer sich bedroht wähnenden Elefantenherde beobachtet hatte. Ich wußte nicht, ob ich mich bei diesem Massenaufmarsch erfreut oder besorgt fühlen sollte. Ich sah mich nach unseren Boys und dem Militär um - sie waren spurlos aus dem Camp verschwunden! Als captatio benevolentiae verteilte ich Zigaretten, Zündhölzer und Sicherheitsnadeln. Der Männerchor begann zu singen, nicht unharmonische, kräftige und kriegerische Melodien, und damit begannen sich auch die Beine in Bewegung zu setzen. Die Frauen und Kinder trippelten um das Feuer herum, die Männer tanzten mit geschwungenen Waffen gegen das Feuer und zogen sich wieder zurück, um dann aufs neue mit wildem Gesang, Trommeln und Hornstößen vorzurücken. Es war eine wilde und begeisternde Szene, übergossen von Feuerschein und zauberhaftem Mondlicht. Mein Freund und ich sprangen auf und mischten uns unter die Tanzenden. Als einzige Waffe, die ich besaß, schwang ich meine Rhinozerospeitsche und tanzte mit. Ich sah an den strahlenden Gesichtern, daß unsere Teilnahme positiv aufgenommen wurde. Ihr Eifer verdoppelte sich, und die ganze Gesellschaft stampfte, sang, schrie und schwitzte in Strömen. Allmählich beschleunigte sich der Rhythmus des Tanzes und der Trommeln.
Bei diesen Tänzen und dieser Musik geraten die Neger leicht in eine Art Besessenheitszustand. So war es auch hier: als es gegen elf Uhr ging, fing es an zu überborden, und die Sache sah mit einem Mal sehr merkwürdig aus. Die Tanzenden bildeten nur noch eine wilde Horde, und mir wurde bang, wie das noch enden sollte. Ich bedeutete dem Häuptling, jetzt sei Schluß, und er solle mit seiner
Gesellschaft schlafen gehen. Er aber wollte «noch einen und noch einen und noch einen».
Ich erinnerte mich, daß einer meiner Landsleute, nämlich einer der beiden Vettern Sarasin, auf ihrer Forschungsreise in Celebes bei einem solchen N'goma von einem Speere, der sich befreit hatte, getroffen worden war. So rief ich, ungeachtet der Bitten des Häuptlings, die Leute zusammen, verteilte Zigaretten und machte dann die Geste des Schlafens. Darauf schwang ich, bedrohlich, jedoch lachend, meine Rhinozerospeitsche und fluchte sie aus Mangel eines Besseren mit lauter Stimme auf Schweizerdeutsch an, jetzt sei es genug, sie sollten heim ins Bett und schlafen. Die Leute merkten natürlich, daß ich den Zorn nur spielte, aber gerade das war anscheinend das Richtige. Allgemeines Gelächter erhob sich; mit hohen Bocksprüngen stoben sie auseinander und verschwanden nach verschiedenen Richtungen in die Nacht. Noch lange hörten wir ihr Gejohle und Trommeln aus der Ferne. Endlich trat Stille ein, und wir fielen in den Schlaf der Erschöpften.
In Rejäf, am Nil, kam unser Treck zu Ende. Wir verstauten uns dort in einem Heckraddampfer, der wegen niederen Wasserstandes Rejäf nur gerade noch anlaufen konnte. Nachgerade fühlte ich mich belastet von der Fülle des Erlebten. Tausend Gedanken umschwirrten mich, und es wurde mir peinlich klar, daß meine Fähigkeit, neue Eindrücke aufzunehmen und das uferlose Meer meiner Gedanken zu umfassen, sich rasch dem Ende näherte. Das zwang mich dazu, alle meine Beobachtungen und Erlebnisse noch einmal Revue passieren zu lassen, um ihre inneren Zusammenhänge festzuhalten. Alles Bemerkenswerte hatte ich aufgeschrieben.
Meine Träume hatten während der ganzen Reise hartnäckig an ihrer Taktik festgehalten, Afrika zu negieren, indem sie sich ausschließlich mit heimatlichen Szenen illustrierten und damit den Eindruck erweckten, daß sie die Afrikareise nicht eigentlich als etwas Wirkliches, sondern vielmehr als eine symptomatische bzw. symbolische Handlung betrachteten, wenn es gestattet ist, die unbewußten Vorgänge so weit zu personifizieren. Diese Annahme wurde mir allerdings nahegelegt durch die anscheinend absichts volle Beiseiteschiebung auch der eindrucksvollsten äußeren Begebnisse. Nur ein einziges Mal während der ganzen Reise hatte ich von einem Neger geträumt. Sein Gesicht kam mir merkwürdig bekannt vor, aber ich mußte lange nachdenken, bis ich herausfinden
konnte, wo ich ihm schon einmal begegnet war. Schließlich fiel es mir ein: es war mein Coiffeur von Chattanooga in Tennessee! Ein amerikanischer Neger! Im Traum hielt er eine riesige glühende Brennschere gegen meinen Kopf und wollte meine Haare «kinky» machen, das heißt, er wollte mir Negerhaare andrehen. Ich fühlte schon die schmerzhafte Hitze und erwachte mit einem Angstgefühl.
Ich nahm den Traum als eine Warnung des Unbewußten; denn er besagte, daß das Primitive eine Gefahr für mich war. Damals war ich offenbar dem «going-black» am nächsten. Ich hatte einen Anfall von «sandfly fever», der wohl meine psychische Widerstandskraft herabgesetzt hatte. Um einen mir bedrohlichen Neger darzustellen, war eine zwölf Jahre alte Erinnerung an meinen schwarzen Coiffeur in Amerika mobilisiert worden, um ja nicht an die Gegenwart zu erinnern.
Das eigentümliche Verhalten der Träume entspricht übrigens der Erfahrung, die man bereits im Ersten Weltkrieg gemacht hatte: Die Soldaten im Felde träumten viel weniger vom Krieg als von 211 Hause. Unter den Militärpsychiatern galt es als Grundsatz, einen Mann aus der Front herauszuziehen, wenn er zu viel von Kriegsszenen träumte, denn dann hatte er gegen die Eindrücke von außen keine psychische Abwehr mehr.
Parallel zu den Ereignissen des anspruchsvollen afrikanischen Milieus wurde in meinen Träumen eine innere Linie mit Erfolg festgehalten und durchgesetzt. Sie handelte von meinen persönlichsten Problemen. Ich konnte aus dieser Tatsache keinen anderen Schluß ziehen, als daß meine europäische Persönlichkeit unter allen Umständen integral erhalten werden sollte.
Aus meinem Erstaunen schöpfte ich den Verdacht, daß ich mit meinem Afrikaabenteuer den heimlichen Zweck verbunden hatte, von Europa und seiner Problematik loszukommen, selbst auf die Gefahr hin, dort zu bleiben wie so viele andere vor mir und gleichzeitig mit mir. Die Reise erschien mir weniger eine Erforschung primitiver Psychologie zu sein, «Bugishu Psychological Expedition» (B.P.E., schwarze Lettern auf chopboxes!), als vielmehr die etwas peinliche Frage zum Gegenstand zu haben: was geschieht mit dem Psychologen Jung «in the wilds of Africa»? Eine Frage, der ich anhaltend auszuweichen suchte, trotz meines intellektuellen Vorhabens, die Reaktion des Europäers auf Urweltsbedingungen zu untersuchen. Dies war aber, wie ich zu meinem Erstaunen herausfand,