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nicht so sehr eine objektive, wissenschaftliche als vielmehr eine intensiv persönliche Frage, deren Beantwortung sich an allen möglichen schmerzhaften Stellen der eigenen Psychologie abwickelte. Ich mußte mir also gestehen, daß es weit weniger die Wembley Exhi-bition gewesen war, die den Entschluß zur Reise in mir gezeitigt hatte, als vielmehr der Umstand, daß mir in Europa die Luft zu dick geworden war.

Unter solchen Gedanken glitt ich auf den ruhigen Gewässern des Nils nach Norden - Europa, der Zukunft entgegen. Die Reise endete in Khartum. Dort begann Ägypten. Damit erfüllte sich mein Wunsch und Plan, mich dieser Kultursphäre nicht von Westen, von Europa und Griechenland her, zu nähern, sondern aus dem Süden, von der Seite der Nilquellen. Mehr als der komplexe asiatische interessierte mich der hamitische Beitrag zur ägyptischen Kultur. Ich hatte gehofft, dem geographischen Lauf des Nils und damit dem Zeitstrom folgend, etwas darüber in Erfahrung zu bringen. Meine größte Erleuchtung in dieser Hinsicht bildete das Horus-erlebnis der Elgonyi, das in der Verehrungsgeste der Paviane von Abu Simbel, dem südlichen Tor Ägyptens, so eindrücklich in Erinnerung gerufen wird.

Der Mythus von Horus ist die Geschichte des neu erstandenen göttlichen Lichtes. Er wurde erzählt, nachdem sich aus dem Urdun-kel der prähistorischen Zeiten zum ersten Mal Erlösung durch Kultur, d. h. durch Bewußtsein offenbart hatte. So wurde die Reise aus dem Inneren Afrikas nach Ägypten für mich wie zu einem Drama der Lichtgeburt, welches mit mir, mit meiner Psychologie, aufs innigste verbunden war. Das war mir erleuchtend, doch fühlte ich mich außerstande, es in Worte zu fassen. Ich wußte zum voraus nicht, was Afrika mir bringen würde, aber hier lag die befriedigende Antwort und Erfahrung. Sie war mir mehr wert als irgendeine ethnologische Ausbeute, als Waffen, Schmuck und Töpfe oder Jagdtrophäen. Ich wo llte wissen, wie Afrika auf mich wirkte, und das habe ich erfahren.

Indien

Die Reise nach Indien (1938) entsprang nicht meiner eigenen Absicht, sondern ich verdankte sie einer Einladung der Britischindischen Regierung, an den Feierlichkeiten teilzunehmen,die an

läßlich des 25 jährigen Jubiläums der Universität Calkutta stattfanden 4.

Ich hatte damals bereits viel über indische Philosophie und Religionsgeschichte gelesen und war vom Wert östlicher Weisheit zutiefst überzeugt. Aber ich mußte sozusagen als ein Selbstversorger reisen und blieb in mir selber wie ein Homunculus in der Retorte. Indien hat mich wie ein Traum berührt, denn ich war und blieb auf der Suche nach mir selber, nach der mir eigenen Wahrheit. So bildete die Reise ein Intermezzo in meiner damaligen intensiven Beschäftigung mit der alchemistischen Philosophie. Diese ließ mich nicht los, sondern veranlaßte mich, den ersten Band des «Theatnun Chemicum» von 1602, der die wichtigsten Schriften des Gerardus Dorneus enthält, mitzunehmen. Im Laufe der Reise habe ich das Buch von Anfang bis zu Ende durchstudiert. Ureuropäisches Gedankengut war auf diese Weise in konstante Berührung gebracht mit den Eindrücken eines fremden Kulturgeistes. Beide waren in ungebrochener Linie aus den seelischen Urerfahrungen des Unbewußten hervorgegangen und hatten daher gleiche oder ähnliche, oder wenigstens vergleichbare Einsichten erschaffen.

In Indien stand ich zum ersten Mal unter dem unmittelbaren Eindruck einer fremden, hochdifferenzierten Kultur. Auf meiner afrikanischen Reise waren ganz andere Eindrücke maßgebend gewesen als die Kultur; und in Nordafrika hatte ich nie Gelegenheit gehabt, mit einem Menschen zu reden, der imstande gewesen wäre, seine Kultur in Worte zu fassen. Aber nun hatte ich Gelegenheit, mit Vertretern indischen Geistes zu sprechen und diesen mit dem europäischen Geist zu vergleichen. Das war mir von größter Bedeutung. Ich habe mich mit S. Subramanya lyer, dem Guru des Maharadscha von Mysore, dessen Gast ich einige Zeit war, eingehend unterhalten; ebenso mit vielen anderen, deren Namen mit leider entfallen sind. Hingegen habe ich die Begegnung mit allen sogenannten «Heiligen» vermieden. Ich habe sie umgangen, weil ich mit meiner eigenen Wahrheit vorlieb nehmen mußte und nichts anderes annehmen durfte als das, was ich selber erreichen konnte. Es wäre mir wie Diebstahl vorgekommen, wenn ich von den Heiligen hätte lernen und ihre Wahrheit für mich akzeptieren wollen.

4 In zwei Aufsätzen «Die träumende Welt Indiens» und «Was Indien uns lehren kann» in Ges. Werke X, 1974, berichtet Jung über die Eindrücke seiner Reise. Sie erschienen unmittelbar nach seiner Rückkehr in der Zeitschrift «ASIA» (New York, Januar und Februar 1939). A. J.

Ihre Weisheit gehört ihnen, und mir gehört nur das, was aus mir selber hervorgeht. In Europa vollends kann ich keine Anleihen beim Osten machen, sondern muß aus mir selber leben - aus dem, was mein Inneres sagt, oder was die Natur mir bringt.

Ich unterschätze durchaus nicht die bedeutende Gestalt des indischen Heiligen, maße mir aber keineswegs das Vermögen an, ihn als isoliertes Phänomen richtig einzuschätzen. Ich weiß z. B. nicht, ob die Weisheit, die er ausspricht, eine eigene Offenbarung, oder ein Sprichwort ist, das seit tausend Jahren auf den Landstraßen zirkuliert. Ich erinnere mich an eine typische Begebenheit in Ceylon. Zwei Bauern fuhren mit den Rädern ihrer Karren in einer engen Straße ineinander. Statt des zu erwartenden Streites murmelte jeder mit zurückhaltender Höflichkeit Worte, die wie «adükan anätman» lauteten und bedeuteten: «Vorübergehende Störung, keine (individuelle) Seele.» War das einmalig? War es typisch indisch?

Was mich in Indien hauptsächlich beschäftigte, war die Frage nach der psychologischen Natur des Bösen. Es war mir sehr eindrücklich, wie dieses Problem vom indischen Geistesleben integriert wird, und ich gewann eine mir neue Auffassung darüber. Auch in der Unterhaltung mit gebildeten Chinesen hat es mich immer wieder beeindruckt, daß es überhaupt möglich ist, das sogenannte «Böse» zu integrieren, ohne dabei «das Gesicht zu verlieren». Das ist bei uns im Westen nicht der Fall. Für den östlichen Menschen scheint das moralische Problem nicht an erster Stelle zu stehen wie bei uns. Das Gute und das Böse sind für ihn sinngemäß in der Natur enthalten und im Grunde genommen nur graduelle Unterschiede einer und derselben Sache.

Es machte mir tiefen Eindruck, als ich sah, daß die indische Geistigkeit ebensoviel vom Bösen hat wie vom Guten. Der christliche Mensch strebt nach dem Guten und verfällt dem Bösen; der Inder hingegen fühlt sich außerhalb von Gut und Böse oder sucht diesen Zustand durch Meditation oder Yoga zu erreichen. Hier erhebt sich jedoch mein Einwand: bei einer solchen Einstellung haben weder das Gute noch das Böse eigentlich Kontur, und dies bewirkt einen gewissen Stillstand. Man glaubt nicht recht ans Böse, man glaubt nicht recht ans Gute. Am ehesten bedeuten sie das, was mein Gutes oder mein Böses ist, was mir als gut oder als böse erscheint. Man könnte paradoxerweise sagen, die indische Geistigkeit entbehre ebenso sehr des Bösen wie des Guten, oder aber sie sei dermaßen von den Gegensätzen belastet, daß sie des Nirdvandva,

der Befreiung von den Gegensätzen und den zehntausend Dingen, bedürfe.

Das Ziel des Inders ist nicht moralische Vollkommenheit, sondern der Status des Nirdvandva. Er will sich von der Natur befreien und dementsprechend auch in der Meditation in den Zustand der Bildlosigkeit und Leere gelangen. Ich dagegen möchte in der lebendigen Anschauung der Natur und der psychischen Bilder verharren. Ich möchte weder von den Menschen befreit sein, noch von mir, noch von der Natur; denn das alles sind für mich unbeschreibliche Wunder. Die Natur, die Seele und das Leben erscheinen mir wie die entfaltete Gottheit, und was könnte ich mir mehr wünschen ? Der höchste Sinn des Seins kann für mich nur darin bestehen, daß es ist und nicht darin, daß es nicht oder nicht mehr ist.