Es gibt für mich keine Befreiung ä tout prix. Ich kann von nichts befreit werden, das ich nicht besitze, begangen oder erlebt habe. Wirkliche Befreiung ist nur möglich, wenn ich das getan habe, was ich tun konnte, wenn ich mich völlig hingegeben und völlig Anteil genommen habe. Entziehe ich mich der Anteilnahme, so amputiere ich gewissermaßen den entsprechenden Seelenteil. Es kann natürlich der Fall eintreten, daß mir die Anteilnahme zu schwer fällt, und es gibt gute Gründe dafür, daß ich mich nicht völlig hingeben kann. Aber dann bin ich zum Bekenntnis des «non possumus» gezwungen und zu der Einsicht, daß ich vielleicht etwas Wesentliches unterlassen und eine Aufgabe nicht vollbracht habe. Ein solch eindrückliches Wissen um meine Untauglichkeit ersetzt den Mangel an positiver Tat.
Ein Mensch, der nicht durch die Hölle seiner Leidenschaften ge-gangen ist, hat sie auch nie überwunden. Sie sind dann im Haus nebendran, und ohne daß er es sich versieht, kann eine Flamme herausschlagen und auf sein eigenes Haus übergreifen. Insofern man zuviel aufgibt, zurückläßt und quasi vergißt, besteht die Möglichkeit und die Gefahr, daß das Aufgegebene oder Zurückgelassene mit doppelter Gewalt zurückkommt.
In Konarak (Orissa) traf ich mit einem Pandit zusammen, welcher mich bei meinem Besuch des Tempels und des großen Tempelwagens liebenswürdig begleitete und belehrte. Die Pagode ist von der Basis bis zur Spitze mit exquisit obszönen Skulpturen bedeckt. Wir unterhielten uns lange über diese bemerkenswerte Tatsache, die er mir als Mittel zur Vergeistigung erklärte. Ich wandte
ein - auf eine Gruppe junger Bauern weisend, die mit offenen Mäulern die Herrlichke iten eben bewunderten - daß diese jungen Leute wohl kaum im Begriffe der Vergeistigung stünden, sondern sich eher ihren Kopf mit sexuellen Phantasien füllten, worauf er entgegnete: «Aber das ist es ja gerade. Wie können sie sich je vergeistigen, wenn sie nicht zuvor ihr Karma erfüllen? Die zugegeben obszönen Bilder sind ja dazu da, die Leute an ihr Dharma (Gesetz) zu erinnern, sonst könnten diese Unbewußten es vergessen!»
Ich fand es höchst merkwürdig, daß er glaubte, junge Männer könnten ihre Sexualität vergessen, wie Tiere außerhalb der Brunstzeit. Mein Weiser aber hielt unentwegt daran fest, daß sie unbewußt wie Tiere seien und tatsächlich eindringlicher Ermahnung bedürften. Zu diesem Zwecke würden sie vor dem Betreten des Tempels durch dessen Außendekoration auf ihr Dharma aufmerksam gemacht, ohne dessen Bewußtmachung und Erfüllung sie keiner Vergeistigung teilhaft würden.
Als wir durch das Tor des Tempels schritten, wies mein Begleiter auf die beiden «Versucherinnen» hin, die Skulpturen von zwei Tänzerinnen, die mit verführerisch geschwungenen Hüften den Eintretenden anlächelten. «Sehen Sie diese beiden Tänzerinnen», sagte er. «Sie bedeuten dasselbe. Natürlich gilt dies nicht für Leute wie Sie und ich, denn wir haben eine Bewußtheit erreicht, die darüber steht. Aber für diese Bauernjungen ist es eine unerläßliche Belehrung und Ermahnung.»
Als wir den Tempel verließen und einer Lingamallee entlang spazierten, sagte er plötzlich: «Sehen Sie diese Steine? Wissen Sie, was sie bedeuten ? Ich will Ihnen ein großes Geheimnis verraten!» Ich war erstaunt, denn ich dachte, daß die phallische Natur dieser Monumente jedem Kind bekannt sei. Er aber flüsterte mir mit größtem Ernst ins Ohr: «These stones are man's private parts.» Ich hatte erwartet, er würde mir sagen, daß sie den großen Gott Shiva bedeuteten. Ich sah ihn entgeistert an, er aber nickte gewichtig, wie wenn er sagen wollte: «Ja, so ist es. Das hättest du in deiner europäischen Ignoranz wohl nicht gedacht!»
Als ich Zimmer diese Geschichte erzählte, rief er entzückt aus: «Endlich höre ich einmal etwas Wirkliches von Indiens!»
Unvergeßlich sind für mich die Stupas von Sanchi. Sie ergriffen 1 Über
Heinrich Zimmer vgl. Appendix pag. 385 f.
mich mit unerwarteter Gewalt und versetzten mich in eine Emotion, die dann bei mir einzutreten pflegt, wenn ich einer Sache oder Person oder eines Gedankens ansichtig werde, deren Bedeutung mir noch unbewußt ist. Die Stupas liegen auf einem Felshügel, zu dessen Anhöhe ein angenehmer Weg über große Steinplatten in grüner Wiese führt. Es sind Grabmäler, bzw. Reliquienbehälter von halbkugeliger Form, eigentlich zwei übereinandergestülpte Reis schalen (konkav auf konkav), entsprechend der Vorschrift des Buddha im Mahä-Parinibbäna-Sütra. Sie sind von den Engländern in pietätvoller Weise wieder hergestellt worden. Das größte dieser Gebäude ist von einer Mauer mit vier kunstvollen Toren umgeben. Wenn man eintritt, führt der Weg nach links zu einer Cir-cumambulation im Sinne des Uhrzeigers. An den vier Kardinalpunkten stehen Statuen des Buddha. Hat man die eine Circumam-bulation vollendet, so betritt man einen zweiten höher liegenden Rundweg, der im selben Sinne verläuft. Der weite Blick über die Ebene, die Stupas selber, die Tempelruinen und die einsame Stille des heiligen Ortes bilden ein unbeschreibliches Ganzes, das mich ergriff und festhielt. Nie zuvor war ich von einem Ort dermaßen verzaubert worden. Ich trennte mich von meinen Gefährten und versank in die überwältigende Stimmung.
Da hörte ich aus der Ferne näher kommend rhythmische Gongtöne. Es war eine Gruppe japanischer Pilger, die, einer hinter dem ändern marschierend, einen kleinen Gong schlugen. Sie skandierten damit das uralte Gebet: Om mani padme hum - wobei der Gongschlag auf das «hum» fiel. Sie verneigten sich tief vor den Stupas und traten dann durch das Tor ein. Dort verneigten sie sich wieder vor der Buddhastatue und intonierten einen choralartigen Gesang. Dann vollzogen sie die doppelte Circumambulation, wobei sie vor jeder Buddhastatue einen Hymnus sangen. Indem meine Augen sie beobachteten, gingen Geist und Gemüt mit ihnen, und etwas in mir bedankte sich schweigend bei ihnen dafür, daß sie meiner Unartikuliertheit in so trefflicher Weise zu Hilfe gekommen waren.
Meine Ergriffenheit zeigte mir, daß der Hügel von Sanchi etwas Zentrales für mich darstellte. Es war der Buddhismus, der mir dort in einer neuen Wirklichkeit erschien. Ich verstand das Leben Buddhas als die Wirklichkeit des Selbst, die ein persönliches Leben durchdrungen und für sich in Anspruch genommen hat. Für Buddha steht das Selbst über allen Göttern und stellt die Essenz
der menschlichen Existenz und der Welt überhaupt dar. Als ein unus mundus umfaßt es sowohl den Aspekt des Seins an sich, wie auch den seines Erkanntseins, ohne den eine Welt nicht ist. Buddha hat die kosmogonische Würde des menschlichen Bewußtseins wohl gesehen und verstanden; darum sah er deutlich, daß, wenn es einem gelänge, das Licht des Bewußtseins auszulöschen, die Welt ins Nichts versänke. Schopenhauers unsterbliches Verdienst war es , dies noch oder wieder erkannt zu haben.
Auch Christus ist - wie Buddha - eine Verkörperung des Selbst, aber in einem ganz anderen Sinne. Beide sind W eltüberwinder:
Buddha ist es aus sozusagen vernünftiger Einsicht, Christus wird es als schicksalsmäßiges Opfer. Im Christentum wird es mehr erlitten, im Buddhismus mehr gesehen und getan. Beides ist richtig, aber im indischen Sinne ist Buddha der vollständigere Mensch. Er ist eine historische Persönlichkeit und darum für den Menschen leichter verständlich. Christus ist historischer Mensch und Gott, und darum viel schwerer erfaßbar. Im Grunde genommen war er auch sich selber nicht erfaßbar; er wußte nur, daß er sich opfern müsse, wie es ihm von innen her auferlegt wurde. Sein Opfer ist ihm zugestoßen als ein Schicksal. Buddha handelte aus Einsicht. Er hat sein Leben gelebt und ist als alter Mann gestorben. Christus ist wahrscheinlich nur sehr kurz als das, was er ist, tätig gewesen6.
Später ist im Buddhismus dasselbe eingetreten wie im Christentum: Buddha wurde sozusagen zur Imago der Selbstwerdung, die nachgeahmt wird, während er selber verkündet hatte, daß durch die Überwindung der Nidäna-Kette jeder einzelne Mensch zum Erleuchteten, zum Buddha, werden könne. Ähnlich verhält es sich Im Christentum: Christus ist das Vorbild, das in jedem christlichen Menschen als dessen ganzheitliche Persönlichkeit lebt. Die historische Entwicklung führte aber zur «imitatio Christi», bei welcher der Einzelne nicht seinen eigenen schicksalsmäßigen Weg zur