* In späteren Gesprächen verglich Jung Buddha und Christus in ihrer Einstellung dem Leiden gegenüber. Christus erkennt im Leiden einen positiven Wert, und als Leidender ist er menschlicher und wirklicher als Buddha. Buddha versagte sich das Leiden, damit aber auch die Freude. Er war von Gefühlen und Emotionen abgeschnitten und darum nicht wirklich menschlich. In den Evangelien ist Christus so geschildert, daß er nicht anders denn als Gottmensch verstanden werden kann, obwohl er eigentlich nie aufgehört hat, Mensch zu sein, während sich Buddha schon zu Lebzeiten über das Menschsein erhoben hat. A. J.
Ganzheit geht, sondern den Weg nachzuahmen sucht, den Christus gegangen ist. Ebenso führte sie im Osten zu einer gläubigen imitatio des Buddha. Er wurde zum nachgeahmten Vorbild, und damit war schon die Schwächung seiner Idee gegeben, wie in der imitatio Christi der verhängnisvolle Stillstand in der Entwicklung der christlichen Idee vorausgenommen ist. Wie Buddha vermöge seiner Einsicht selbst den Brahmagöttern überlegen ist, so ruft Christus den Juden zu: «Ihr seid Götter» (Johannes 10, 34) und ward aus Unvermögen der Menschen nicht vernommen. Dafür nähert sich der sogenannte «christliche» Westen mit Riesenschritten der Möglichkeit, eine Welt zu zerstören, anstatt eine neue zu schaffen7.
Indien ehrte mich mit drei Doktordiplomen - Allahabad, Bena-res und Cakutta. Das erste repräsentiert den Islam, das zweite den Hinduismus und das dritte die Britisch-Indische Medizin und Naturwissenschaft. Das war etwas zu viel, und ich bedurfte einer Retraite. Ein zehntägiger Spitalaufenthalt verschaffte sie mir, als ich in Cakutta von einer Dysenterie erwischt wurde. So entstand für mich im unerschöpflichen Meer der Eindrücke eine rettende Insel, und ich fand den Boden wieder, d. h. einen Standort, von dem aus ich die zehntausend Dinge und ihren verwirrenden Strudel, die Höhen und Tiefen, die Herrlichkeit Indiens und seine unaussprechliche Not, seine Schönheit und seine Dunkelheit betrachten konnte.
Als ich wieder leidlich hergestellt ins Hotel zurückkehrte, hatte ich einen Traum, der so charakteristisch war, daß ich ihn erzählen möchte:
Ich befand mich mit einer Anzahl meiner Zürcher Freunde und Bekannten auf einer unbekannten Insel, die vermutlich in der Nähe der südenglischen Küste lag. Sie war klein und fast unbewohnt. Die Insel war schmal und erstreckte sich in nordsüdlicher Richtung etwa 30 km lang. Im südlichen Teil lag an der felsigen Küste ein mittelalterliches Schloß, in dessen Hof wir standen, als eine Gruppe von Touristen. Vor uns erhob sich ein imposanter Bergfried, durch dessen Tor eine breite steinerne Treppe sichtbar war. Wie man eben noch sehen konnte, mündete sie oben in eine Pfeilerhalle, die
7 Über das Problem der «imitatio» vgl. C. G. Jungs «Einleitung in die religionspsychologische Problematik der Alchemie» in Ges. Werke XII, 3. Aufl. 1976.
von Kerzenschimmer schwach erleuchtet war. Es hieß, dies sei die Gralsburg, und heute abend werde hier «der Gral gefeiert». Diese Information schien geheimer Natur zu sein, denn ein unter uns befindlicher deutscher Professor, der auffallend dem alten Mommsen glich, wußte nichts davon. Ich unterhielt mich mit ihm aufs lebhafteste und war von seiner Gelehrsamkeit und sprühenden Intelligenz beeindruckt. Nur eines störte mich: er sprach anhaltend von einer toten Vergangenheit und dozierte sehr gelehrt über das Verhältnis der britischen zu den französischen Quellen der Gralsgeschichte. Anscheinend war er sich weder des Sinnes der Legende bewußt, noch bekannt mit ihrer lebendigen Gegenwart, während ich von beiden aufs stärkste beeindruckt war. Auch schien er die unmittelbare wirkliche Umgebung nicht wahrzunehmen, denn er benahm sich so, als ob er in einem Hörsaal vor seinen Studenten spräche. Vergebens versuchte ich ihn auf die Eigenartigkeit der Situation aufmerksam zu machen. Er sah die Treppe nicht und nicht den festlichen Schimmer der Halle.
Ich blickte etwas hilflos um mich und entdeckte, daß ich an der Mauer eines hohen Burggebäudes stand, dessen unterer Teil wie mit einem Spalier bedeckt war. Es bestand aber nicht wie üblich aus Holz, sondern aus schwarzem Eisen, das kunstvoll wie ein Weinstock geformt war, mit Blättern, Ranken und Trauben. Auf den horizontalen Ästen standen im Abstand von je zwei Metern kleine, ebenfalls eiserne Häuschen, wie Nistkästen. Plötzlich sah ich eine Bewegung im Laub; zuerst schien sie von einer Maus herzurühren, dann aber sah ich deutlich ein kleines eisernes Kapuzenmännchen, einen Cucullatus, der von einem Häuschen in ein anderes huschte. «Nun», rief ich erstaunt dem Professor zu, «da sehen Sie ja ...»
In diesem Augenblick trat ein Hiatus ein, und der Traum änderte sich. Wir waren - die gleiche Gesellschaft wie vorher, aber ohne den Professor außerhalb der Burg in einer baumlosen felsigen Landschaft. Ich wußte, daß etwas geschehen mußte, denn der Gral war noch nicht in der Burg, und er sollte noch am gleichen Abend gefeiert werden. Es hieß, er sei im nördlichen Teil der Insel in einem kleinen unbewohnten Haus versteckt, dem einzigen, das sich dort befände. Ich wußte, daß es unsere Aufgabe war, den Gral von dort zu holen. Wir waren etwa unserer sechs, die sich aufmachten und nach Norden wanderten.
Nach mehrstündigem angestrengtem Marsch langten wir an der schmälsten Stelle der Insel an, und ich entdeckte, daß sie von einem
Meeresarm in zwei Hälften geteilt war. An der engsten Stelle betrug die Breite des Wassers etwa hundert Meter. Die Sonne war untergegangen, und die Nacht brach an. Müde lagerten wir uns am Boden. Die Gegend war menschenleer und öde. Kein Baum, kein Strauch, nur Gras und Felsen. Weit und breit keine Brücke und kein Schiff. Es war sehr kalt, und meine Gefährten schliefen einer nach dem anderen ein. Ich überlegte, was zu tun sei und kam zu dem Schluß, daß ich allein über den Kanal schwimmen und den Gral holen müsse. Schon zog ich meine Kleider aus, als ich erwachte.
Als ich mich notdürftig aus der überwältigenden Mannigfaltigkeit der indischen Eindrücke herausgearbeitet hatte, tauchte dieser ureuropäische Traum auf. Schon etwa zehn Jahre zuvor hatte ich feststellen können, daß vielerorts in England der Traum vom Gral noch nicht ausgeträumt ist, trotz aller um seine Legenden und Dichtungen angehäuften Gelehrsamkeit. Diese Tatsache hatte mich um-somehr beeindruckt, als mir die Übereinstimmung des poetischen Mythus mit den Aussagen der Alchemie über das «Unum Vas», die «Una Medicina», den «Unus Lapis», deutlich geworden war. Mythen, die der Tag vergaß, wurden weiter erzählt von der Nacht, und mächtige Figuren, die das Bewußtsein banalis iert und auf lächerliche Kleinigkeiten reduziert hat, werden vom Dichter wieder erweckt und vorausschauend belebt; darum können sie auch «in veränderter Gestalt» von einem Nachdenklichen wieder erkannt werden. Die großen Vergangenen sind nicht gestorben, wie wir wähnen, sondern haben bloß den Namen gewechselt. «Klein an Gestalt, doch groß an Gewalt» bezieht der verhüllte Kabir ein neues Haus.
Der Traum wischte mit starker Hand alle noch so intensiven indischen Tageseindrücke weg und versetzte mich in das allzulange vernachlässigte Anliegen des Abendlandes, das sich einstmals in der Quest des Hl. Gral, wie auch in der Suche nach dem «Stein der Philosophen» ausgedrückt hatte. Ich wurde aus der Welt Indiens herausgenommen und daran erinnert, daß Indien nicht meine Aufgabe war, sondern nur ein Stück des Weges - wenn auch ein bedeutendes - der mich meinem Ziel annähern sollte. Es war, als ob der Traum mich fragte: «Was tust du in Indien? Suche lieber für deinesgleichen das heilende Gefäß, den salvator mundi, dessen ihr dringend bedürft. Ihr seid ja im Begriff, alles zu ruinieren, was Jahrhunderte aufgebaut haben.»