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Die Anima des Mannes trägt einen eminent historischen Charakter. Als Personifikation des Unbewußten ist sie getränkt mit Geschichte und Vorgeschichte. Sie enthält die Inhalte der Vergangenheit und ersetzt das im Manne, was er von seiner Vorgeschichte wis sen sollte. Alles schon gewesene Leben, das noch in ihm lebendig ist, ist die Anima. Im Verhältnis zu ihr bin ich mir immer vorgekommen wie ein Barbar, der eigentlich keine Geschichte hat - wie ein eben aus Nichts Gewordener, ohne Vorher, ohne Nachher.

Bei der Auseinandersetzung mit der Anima bin ich tatsächlich den Gefahren begegnet, die ich in den Mosaiken dargestellt sah. Beinahe wäre ich ertrunken. Es ist mir gegangen wie Petrus, der um Hilfe geschrien hat und von Jesus gerettet wurde. Es hätte mir gehen können wie dem Heer des Pharao. Wie Petrus und wie Naeman bin ich heil davongekommen, und die Integration der unbewußten Inhalte hat Wesentliches zur Vervollständigung meiner Persönlichkeit beigetragen.

Was einem geschieht, wenn man vordem unbewußte Inhalte dem

10 Jung erklärte die Vision nicht als ein synchronistisches Phänomen, sondern als eine momentane Neuschöpfung des Unbewußten, im Zusammenhang mit dem archetypischen Gedanken der Initiation. Die unmittelbare Ursache für die Konkretisierung lag in der Animabeziehung zu Galla Placidia und der dadurch hervorgerufenen Emotion. A. J.

Bewußtsein integriert, kann mit Worten wohl kaum beschrieben werden. Man kann es nur erfahren. Es ist eine indiskutable subjektive Angelegenheit: ich komme mir in einer gewissen Art und Weise vor, und das ist für mich eine Tatsache, welche zu bezweifeln weder möglich noch sinnreich ist - - ebenso komme ich anderen in bestimmter Art und Weise vor, und das ist ebenfalls eine Tatsache, die nicht zu bezweifeln ist. Es gibt unseres Wissens keine Instanz, welche die wahrscheinlichen Unstimmigkeiten der Eindrücke und Meinungen zu bereinigen vermöchte. Ob und was für eine Veränderung durch die Integrierung stattgefunden hat, ist und bleibt subjektive Überzeugung. Obschon sie kein wissenschaftlich zu qualifizierendes Faktum darstellt und damit ohne Verlust aus einem «offiziellen Weltbild» herausfallen könnte, bleibt sie doch eine praktisch ungemein wichtige und folgenreiche Tatsache, die auf alle Fälle von realistischen Psychotherapeuten nicht und vom therapeutisch interessierten Psychologen kaum übersehen werden darf.

Die Erfahrung im Baptisterium von Ravenna hat mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Seitdem weiß ich, daß ein Innen aussehen kann wie ein Außen und ebenso ein Außen wie ein Innen. Die wirklichen Wände des Baptisteriums, welche meine physischen Augen sehen mußten, waren überdeckt und verwandelt durch eine Vision, die ebenso real war wie das unveränderte Taufbecken. Was war in jenem Augenblick real ?

Mein Fall ist keineswegs der einzige in seiner Art, aber wenn solches einem selber zustößt, so kann man nicht umhin, es ernster zu nehmen, als wenn man davon hört oder irgendwo darüber liest. Im allgemeinen hat man bei solchen Erzählungen allerhand Erklärungen rasch zur Hand. Ich bin jedenfalls zum Schluß gekommen, daß wir in bezug auf das Unbewußte noch vieler Erfahrungen bedürfen, bevor wir uns auf Theorien festlegen.

Ich bin in meinem Leben viel gereist und wäre gern nach Rom gegangen, aber ich fühlte mich dem Eindruck dieser Stadt nicht gewachsen. Schon Pompeji war übergenug, die Eindrücke überschritten beinahe meine Aufnahmefähigkeit. Ich konnte Pompeji erst besuchen, als ich durch meine Studien von 1910 bis 1915 einigen Einblick in die Psychologie der Antike erlangt hatte. 1917 fuhr ich

von Genua zu Schiff nach Neapel. Ich stand an der Reling, als wir auf der Breite von Rom der Küste entlang fuhren. Dort hinten lag Rom! Dort lag der noch rauchende und glühende Brandherd alter Kulturen, eingeschlossen in den Wurzelgeflechten des christlichen und abendländischen Mittelalters. Dort war noch lebende Antike in ihrer ganzen Herrlichkeit und Ruchlosigkeit.

Ich wundere mich immer über Menschen, die nach Rom reisen wie z. B. nach Paris oder nach London. Gewiß kann man das eine wie das andere ästhetisch genießen, aber wenn man von dem Geist, der hier gewaltet hat, auf Schritt und Tritt im Innersten betroffen ist, wenn ein Mauerrest hier und eine Säule dort mich mit einem soeben wiedererkannten Gesicht anblicken, dann ist das eine andere Sache. Schon in Pompeji wurden unabsehbare Dinge bewußt und Fragen gestellt, denen mein Können nicht gewachsen war.

Als ich 1949, bereits in meinem hohen Alter, das Versäumte nachholen wollte, erlitt ich eine Ohnmacht beim Einkauf der Fahrkarten. Danach wurde der Plan einer Romfahrt ein für allemal ad acta gelegt.

Visionen

Zu Beginn des Jahres 1944 brach ich mir den Fuß, und es folgte ein Herzinfarkt. Im Zustand von Bewußtlosigkeit erlebte ich Delirien und Visionen, die angefangen haben müssen, als ich in unmittelbarer Todesgefahr schwebte und man mir Sauerstoff und Kampfer gab. Die Bilder waren so gewaltig, daß ich selber schloß, ich sei dem Tode nahe. Meine Pflegerin sagte mir später: «Sie waren wie von einem hellen Schein umgeben!» Das sei eine Erscheinung, die sie bei Sterbenden manchmal beobachtet habe. Ich war an der äußersten Grenze und weiß nicht, befand ich mich in einem Traum oder in Ekstase. Jedenfalls begannen sich höchst eindrucksvolle Dinge für mich abzuspielen.

Es schien mir, als befände ich mich hoch oben im Weltraum. Weit unter mir sah ich die Erdkugel in herrlich blaues Licht getaucht. Ich sah das tiefblaue Meer und die Kontinente. Tief unter meinen Füßen lag Ceylon, und vor mir lag der Subkontinent von Indien. Mein Blickfeld umfaßte nicht die ganze Erde, aber ihre Kugelgestalt war deutlich erkennbar, und ihre Konturen schimmerten silbern durch das wunderbare blaue Licht. An manchen Stellen schien die Erdkugel farbig oder dunkelgrün gefleckt wie oxydiertes Silber. «Links» lag in der Ferne eine weite Ausdehnung - die rotgelbe Wüste Arabiens. Es war, wie wenn dort das Silber der Erde eine rotgelbe Tönung angenommen hätte. Dann kam das Rote Meer, und ganz weit hinten, gleichsam «links oben», konnte ich gerade noch einen Zipfel des Mittelmeers erblicken. Mein Blick war vor allem dorthin gerichtet. Alles andere erschien nur undeutlich. Zwar sah ich auch die Schneeberge des Himalaya, aber dort war es dunstig oder wolkig. Nach «rechts» blickte ich nicht. Ich wußte, daß ich im Begriff war, von der Erde wegzugehen.

Später habe ich mich erkundigt, wie hoch im Räume man sich befinden müsse, um einen Blick von solcher Weite zu haben. Es sind etwa 1500 km! Der Anblick der Erde aus dieser Höhe war das Herrlichste und Zauberhafteste, was ich je erlebt hatte.

Nach einer Weile des Schauens wandte ich mich um. Ich hatte sozusagen mit dem Rücken zum ladischen Ozean geständen, mit

dem Gesicht nach Norden. Dann schien es mir, als machte ich eine Wendung nach Süden. Etwas Neues trat in mein Gesichtsfeld. In geringer Entfernung erblickte ich im Räume einen gewaltigen dunkeln Steinklotz, wie ein Meteorit

- etwa in der Größe meines Hauses, vielleicht noch größer. Im Weltall schwebte der Stein, und ich selber schwebte im Weltall.

Ähnliche Steine habe ich an der Küste des Bengalischen Meerbusens gesehen. Es sind Blöcke aus schwarz-braunem Granit, in welche bisweilen Tempel gehauen wurden. Solch ein riesiger dunkler Block war auch mein Stein. Ein Eingang führte in eine kleine Vorhalle. Rechts saß auf einer Steinbank ein schwarzer Inder im Lotussitz. Er trug ein weißes Gewand und befand sich in vollkommen entspannter Ruhestellung. So erwartete er mich schweigend. Zwei Stufen führten zu dieser Vorhalle, an deren linker Innenseite sich das Tor in den Tempel befand. Unzählige, in kleinen Nischen angebrachte Vertiefungen, gefüllt mit Kokosöl und brennenden Dochten, umgaben die Tür mit einem Kranz heller Flämmchen. Das hatte ich auch in Wirklichkeit einmal gesehen. Als ich in Kandy auf Ceylon den Tempel des Heiligen Zahnes besuchte, umrahmten mehrere Reihen brennender Öllampen solcher Art das Tor.