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Als ich mich den Stufen zum Eingang in den Felsen näherte, geschah mir etwas Seltsames: ich hatte das Gefühl, als ob alles Bis herige von mir abgestreift würde. Alles, was ich meinte, was ich wünschte oder dachte, die ganze Phantasmagorie irdischen Daseins fiel von mir ab, oder wurde mir geraubt - ein äußerst schmerzlicher Prozeß. Aber etwas blieb; denn es war, als ob ich alles, was ich je gelebt oder getan hätte, alles, was um mich geschehen war, nun bei mir hätte. Ich könnte auch sagen: es war bei mir, und das war Ich. Ich bestand sozusagen daraus. Ich bestand aus meiner Geschichte und hatte durchaus das Gefühl, das sei nun Ich. «Ich bin dieses Bündel von Vollbrachtem und Gewesenem.» - Dieses Erlebnis brachte mir das Gefühl äußerster Armut, aber zugleich großer Befriedigung. Es gab nichts mehr, das ich verlangte oder wünschte;

sondern ich bestand sozusagen objektiv: ich war das, was ich gelebt hatte. Zuerst herrschte zwar das Gefühl der Vernichtung, des Beraubtseins oder Geplündertseins vor, aber plötzlich wurde auch das hinfällig. Alles schien vergangen, es blieb ein fait accompli, ohne irgendwelche Rückbeziehung auf das Frühere. Es gab kein Bedauern mehr, daß etwas weggefallen oder fortgenommen war. Im Gegenteiclass="underline" ich hatte alles, was ich war, und ich hatte nur das.

Noch etwas anderes beschäftigte mich: ich hatte, während ich mich dem Tempel näherte, die Gewißheit, daß ich in einen erhellten Raum kommen und alle diejenigen Menschen antreffen würde, zu denen ich in Wirklichkeit gehöre. Dort würde ich - auch das war Gewißheit - endlich verstehen, in was für einen geschichtlichen Zusammenhang ich oder mein Leben gehörten. Ich würde wissen, was vor mir war, warum ich geworden bin, und wohin mein Leben weiterfließen würde. Mein gelobtes Leben war mir oft wie eine Geschichte vorgekommen, die keinen Anfang und kein Ende hat. Ich hatte das Gefühl, eine geschichtliche Perikope zu sein, ein Ausschnitt, zu dem der vorausgehende und nachfolgende Text fehlten. Wie mit der Schere schien mein Leben aus einer langen Kette herausgeschnitten, und viele Fragen waren unbeantwortet geblieben. Warum ist es so verlaufen? Warum habe ich diese Voraussetzungen mitgebracht? Was habe ich damit gemacht? Was wird daraus erfolgen? Auf all das würde ich - dessen war ich sicher - eine Antwort erhalten, sobald ich in den Steintempel eingetreten war. Dort würde ich erkennen, warum alles so und nicht anders gewesen war. Ich würde dort zu den Menschen kommen, welche die Antwort auf meine Frage nach dem Vorher und Nachher wissen.

Während ich noch über diese Dinge nachdachte, geschah etwas, das meine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm: Von unten, von Europa her, stieg ein Bild herauf. Es war mein Arzt, oder besser sein Bild, umrahmt von einer goldenen Kette oder von einem goldenen Lorbeerkranz. Ich wußte sofort: Ach, das ist ja mein Arzt, der mich behandelt hat. Aber jetzt kommt er in seiner Urgestalt, ein Basileus von Kos 1. Im Leben war er ein Avatar dieses Basileus, die zeitliche Verkörperung der Urgestalt, die von jeher gewesen ist. Nun kommt er in seiner Urgestalt.

Vermutlich war auch ich in meiner Urgestalt. Das hatte ich zwar nicht wahrgenommen, ich stelle mir nur vor, daß es so gewesen sei. Nachdem er wie ein Bild aus der Tiefe zu mir herangeschwebt war und vor mir stand, fand eine stumme Gedankenübermittlung zwischen uns statt. Mein Arzt war nämlich von der Erde delegiert, um mir eine Botschaft zu bringen: es würde dagegen protestiert, daß ich im Begriff sei wegzugehen. Ich dürfe die Erde nicht ver

1 Basileus = König. Kos war im Altertum durch den Asklepios-Tempel berühmt und war Geburtsort des Arztes Hippokrates (5. Jahrhundert v. Chr.).

lassen und müsse zu rückkehren. Im Augenblick, als ich das vernommen hatte, hörte die Vision auf.

Ich war zutiefst enttäuscht; denn jetzt schien alles umsonst. Der schmerzliche Prozeß der «Entblätterung» war vergebens gewesen, und ich durfte nicht in den Tempel, nicht zu den Menschen, die zu mir gehörten.

In Wirklichkeit ging es noch gute drei Wochen, bis ich mich entschließen konnte, wieder zu leben. Ich konnte nicht essen, weil ich einen degout vor allen Speisen hatte. Die Aussicht auf Stadt und Berge von meinem Krankenbett aus erschien mir wie ein gemalter Vorhang mit schwarzen Löchern, oder wie ein zerlöchertes Zeitungsblatt mit Photographien, die mir nichts sagten. Enttäuscht dachte ich: «Jetzt muß ich mich wieder in das .Kistchen-System' hineinbegeben!» Es schien mir nämlich, als ob hinter dem Horizont des Kosmos eine dreidimensionale Welt künstlich aufgebaut worden sei, in der jeder Mensch für sich allein in einem Kistchen säße. Und nun würde ich mir wieder einbilden müssen, das sei etwas wert! Das Leben und die ganze Welt kamen mir wie ein Gefängnis vor, und ich ärgerte mich maßlos darüber, daß ich das wieder in Ordnung finden würde. Da war man froh gewesen, daß endlich alles von einem abgefallen war, und nun war es wieder so, wie wenn ich - so wie alle anderen Menschen - an Fäden aufgehängt wäre in einem Kistchen drin. Als ich im Räume stand, war ich schwerelos, und nichts hatte mich gezogen. Und das sollte nun wieder vorbei sein!

Ich fühlte Widerstände gegen meinen Arzt, weil er mich wieder in das Leben zurückgebracht hatte. Andererseits war ich besorgt um ihn: «Er ist ja bedroht, um Gottes Willen! Er ist mir ja in seiner Urgestalt erschienen! Und wenn einer diese Gestalt erreicht hat, ist es soweit, daß er sterben muß. Dann gehört er schon in die Gesellschaft »seiner Menschen'!» - Plötzlich kam mir der erschreckende Gedanke, er müsse sterben - an meiner Stelle! Ich gab mir die größte Mühe, mit ihm darüber zu reden, aber er verstand mich nicht. Da wurde ich böse auf ihn. «Warum tut er immer so, wie wenn er nicht wüßte, daß er ein Basileus von Kos ist? Und daß er schon seine Urgestalt angenommen hat? Er will mich glauben machen, er wisse es nicht!» Das ärgerte mich. Meine Frau machte mir Vorwürfe, daß ich ihm gegenüber unfreundlich sei. Sie hatte recht;

aber ich nahm es ihm sehr übel, daß er nicht über all das sprechen wollte, was ich in meiner Vision mit ihm erlebt hatte. «Herrgott nochmal, er muß doch aufpassen, er kann doch nicht so unvorsichtig sein! Ich möchte mit ihm darüber reden, daß er etwas tut für sich!» Ich hatte die feste Überzeugung, er sei bedroht, weil er mir in seiner Urgestalt begegnet war.

In der Tat war ich sein letzter Patient. Am 4. April 1944 - ich weiß das Datum noch genau - durfte ich zum ersten Mal auf dem Bettrand sitzen, und an diesem gleichen Tage legte er sich ins Bett und ist nicht mehr aufgestanden. Ich vernahm, daß er gelegentlich Fieberanfälle hatte. Bald darauf ist er an Septicaemie gestorben. Er war ein guter Arzt und hatte etwas Geniales. Sonst wäre er mir auch nicht als Fürst von Kos erschienen.

In jenen Wochen lebte ich in einem seltsamen Rhythmus. Am Tage war ich meist deprimiert. Ich fühlte mich elend und schwach und wagte mich kaum zu rühren. Voll Betrübnis dachte ich: Jetzt muß ich wieder in diese graue Welt hinein. - Gegen Abend schlief ich ein, und mein Schlaf dauerte bis etwa gegen Mitternacht. Dann kam ich zu mir und war vielleicht eine Stunde lang wach, aber in einem ganz veränderten Zustand. Ich befand mich wie in einer Ekstase oder in einem Zustand größter Seligkeit. Ich fühlte mich, als ob ich im Raum schwebte, als ob ich im Schoß des Weltalls geborgen wäre - in einer ungeheuren Leere, aber erfüllt von höchstmöglichem Glücksgefühl. - Das ist die ewige Seligkeit, das kann man gar nicht beschreiben, es ist viel zu wunderbar! dachte ich.

Auch die Umgebung schien verzaubert. Zu jener Nachtstunde wärmte mir die Pflegerin das Essen; denn nur dann konnte ich etwas zu mir nehmen und aß mit Appetit. Eine Zeitlang schien es mir, als sei sie eine alte Jüdin, viel älter, als sie in Wirklichkeit war, und als bereite sie mir rituelle, koschere Speisen. Wenn ich zu ihr hinblickte, war es, als habe sie einen blauen Halo um den Kopf. Ich selber befand mich - so schien es mir - im Pardes rimmonim, dem Granatapfelgarten, und es fand die Hochzeit des Ti-fereth mit der Malchuth statt2. Oder ich war wie der Rabbi Simon ben Jochai, dessen jenseitige Hochzeit gefeiert wurde. Es war die