1 «Pardes rimmomm» ist der Titel eines kabbalistischen Traktates des Mose Cordovero aus dem 16. Jahrhundert. Malchuth und Tifereth sind nach kabbalistischer Auffassung zwei der zehn Sphären göttlicher Manifestationen, in denen Gott aus seiner Verborgenheit hervortritt. Sie stellen ein weibliches und ein männliches Prinzip innerhalb der Gottheit dar. A. J.
mystische Hochzeit, wie sie in den Vorstellungen der kabbalistischen Tradition erscheint. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie wunderbar das war. Ich konnte nur immerfort denken: «Das ist jetzt der Granatapfelgarten! Das ist jetzt die Hochzeit der Malchuth mit Ti-fereth!» Ich weiß nicht genau, was für eine Rolle ich darin spielte. Im Grunde genommen war ich es selber: ich war die Hochzeit. Und meine Seligkeit war die einer seligen Hochzeit.
Allmählich klang das Erlebnis des Granatapfelgartens ab und wandelte sich. Es folgte die «Hochzeit des Lammes» im festlich geschmückten Jerusalem. Ich bin nicht imstande zu beschreiben, wie es im einzelnen war. Es waren unbeschreibbare Seligkeitszustände. Engel waren dabei und Licht. Ich selber war die «Hochzeit des Lammes».
Auch das verschwand, und es kam eine neue Vorstellung, die letzte Vision. Ich ging ein weites Tal hinauf bis ans Ende, an den Rand eines sanften Höhenzuges. Den Abschluß des Tales bildete ein antikes Amphitheater. Wunderschön lag es in der grünen Landschaft. Und dort, in dem Theater, fand der Hierosgamos statt. Tänzer und Tänzerinnen traten auf; und auf einem blumengeschmückten Lager vollzogen Allvater Zeus und Hera den Hierosgamos, wie es in der Ilias beschrieben ist.
All diese Erlebnisse waren herrlich, und ich war Nacht für Nacht in lauterste Seligkeit getaucht, «umschwebt von Bildern aller Kreatur». Allmählich vermengten sich die Motive und wurden blasser. Meist dauerten die Visionen etwa eine Stunde; dann schlief ich wieder ein, und schon gegen Morgen fühlte ich: jetzt kommt der graue Morgen wieder! Jetzt kommt die graue Welt mit ihrem Zellensystem ! Was für ein Blödsinn, was für ein schrecklicher Unsinn! Denn die inneren Zustände waren so phantastisch, daß im Vergleich zu ihnen diese Welt geradezu lächerlich erschien. In dem Maße, wie ich mich dem Leben wieder annäherte, knapp drei Wochen nach der ersten Vision, hörten die visionären Zustände auf.
Von der Schönheit und der Intensität des Gefühls während der Visionen kann man sich keine Vorstellung machen. Sie waren das Ungeheuerste, was ich je erlebt habe. Und dann dieser Kontrast, der Tag! Da war ich gequält und mit den Nerven vollständig herunter. Alles irritierte mich. Alles war zu materiell, zu grob und zu schwerfällig, räumlich und geistig beschränkt, zu unerkennbarem Zwecke künstlich eingeengt, und besaß doch etwas wie eine hypnotische Kraft, an sich glauben zu machen, wie wenn es die Wirklichkeit selber wäre, während man doch ihre Nichtigkeit deutlich erkannt hatte. Im Grunde genommen bin ich seither, trotz revalori-sierten Weltglaubens, nie mehr ganz vom Eindruck losgekommen, daß das «Leben» ein Existenzausschnitt sei, welcher sich in einem hiefür bereitgestellten dreidimensionalen Weltsystem abspielt.
An etwas erinnere ich mich noch genau. Am Anfang, zur Zeit der Vision vom Granatapfelgarten, bat ich die Schwester, sie möge entschuldigen, wenn sie beschädigt werden sollte; es sei eine große Heiligkeit im Raum. Das sei gefährlich und könne ihr schädlich sein. Sie verstand mich natürlich nicht. Für mich war die Praesenz des Heiligen eine zauberhafte Atmosphäre, aber ich fürchtete, daß sie für andere unerträglich sei. Darum entschuldigte ich mich, ich könne ja nichts dafür. Damals verstand ich, warum man vom raumerfüllenden «Geruch» des Heiligen Geistes spricht. Das war's. Es war ein Pneuma im Raum von unaussprechlicher Heiligkeit, deren Verdeutlichung das Mysterium Coniunctionis war.
Ich hätte nie gedacht, daß man so etwas erleben könnte, daß eine immerwährende Seligkeit überhaupt möglich sei. Die Visionen und Erlebnisse waren vollkommen real; nichts war anempfunden, sondern alles war von letzter Objektivität.
Man scheut sich vor dem Ausdruck «ewig», aber ich kann das Erleben nur als Seligkeit eines nicht-zeitlichen Zustandes umschreiben, in welchem Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft eines sind. Alles, was in der Zeit geschieht, war dort in eine objektive Ganzheit zusammengefaßt. Nichts war mehr in der Zeit auseinandergelegt oder konnte nach zeitlichen Begriffen gemessen werden. Das Erleben könnte am ehesten als ein Zustand umschrieben werden - als ein Gefühlszustand, den man jedoch nicht imaginieren kann. Wie kann ich mir vorstellen, daß ich gleichzeitig wie vorgestern, heute und übermorgen bin ? Dann hätte etwas noch nicht begonnen, etwas anderes wäre klarste Gegenwart, und wieder etwas wäre schon beendet - und doch wäre alles Eines. Das einzige, was das Gefühl erfassen könnte, wäre eine Summe, eine schillernde Ganzheit, in der die Erwartung für das Beginnende ebenso enthalten ist wie Überraschung über das eben Geschehende und Befriedigung oder Enttäuschung über das Resultat des Vergangenen. Ein unbeschreibliches Ganzes, in das man mit verwoben ist; und doch nimmt man es mit völliger Objektivität wahr.
Das Erlebnis dieser Objektivität hatte ich später noch einmal. Es war nach dem Tode meiner Frau. Da sah ich sie in einem Traum, der wie eine Vision war. Sie stand in einiger Entfernung und sah mich voll an. Sie befand sich in der Blüte ihrer Jahre, war etwa dreißig Jahre alt und trug das Kleid, welches ihr vor vielen Jahren meine Cousine, das Medium, angefertigt hatte. Es war vielleicht das schönste Kleid, das sie jemals getragen hatte. Der Ausdruck ihres Gesichtes war nicht freudig und nicht traurig, sondern objektiv wissend und erkennend, ohne die geringste Gefühlsreaktion, wie jenseits des Nebels der Affekte. Ich wußte, es war nicht sie, sondern ein von ihr für mich gestelltes oder veranlaßtes Bild. Es enthielt den Beginn unserer Beziehung, das Geschehen während der dreiundfünfzig Jahre unserer Ehe und auch das Ende ihres Lebens. Angesichts einer solchen Ganzheit bleibt man sprachlos, denn man kann sie kaum fassen.
Die Objektivität, die ich in diesem Traum und in den Visionen erlebte, gehört zur vollendeten Individuation. Sie bedeutet eine Loslösung von Wertungen und von dem, was wir als gefühlsmäßige Verbundenheit bezeichnen. An der gefühlsmäßigen Verbundenheit liegt den Menschen im allgemeinen sehr viel. Aber sie enthält immer noch Projektionen, und diese gilt es zurückzunehmen, um zu sich selbst und zur Objektivität zu gelangen. Gefühlsbeziehungen sind Beziehungen des Begehrens, belastet mit Zwang und Unfreiheit; man erwartet etwas vom anderen, wodurch dieser und man selber unfrei werden. Die objektive Erkenntnis steht hinter der gefühlsmäßigen Bezogenheit; sie scheint das zentrale Geheimnis zu sein. Erst durch sie ist wirkliche Coniunctio möglich.
Nach der Krankheit begann eine fruchtbare Zeit der Arbeit für mich. Viele meiner Hauptwerke sind erst danach entstanden. Die Erkenntnis, oder die Anschauung vom Ende aller Dinge, gaben mir den Mut zu neuen Formulierungen. Ich versuchte nicht mehr, meine eigene Meinung durchzusetzen, sondern vertraute mich dem Strom der Gedanken an. So kam ein Problem nach dem anderen an mich heran und reifte zur Gestaltung.
Es war aber noch ein anderes, das sich mir aus der Krankheit ergab. Ich könnte es formulieren als ein Ja-sagen zum Sein - ein unbedingtes «Ja» zu dem, was ist, ohne subjektive Einwände. Die Bedingungen des Daseins annehmen, so wie ich sie sehe - so wie ich sie verstehe. Und mein eigenes Wesen akzeptieren, so wie ich eben bin. Zu Beginn der Krankheit hatte ich das Gefühl, einen
Irrtum in meiner Einstellung begangen zu haben und dämm für den Unfall gewissermaßen selber verantwortlich zu sein. Aber wenn man den Individuationsweg geht, wenn man das Leben lebt, muß man auch den Irrtum in Kauf nehmen, sonst wäre das Leben nicht vollständig. Es gibt keine Garantie - in keinem Augenblick - daß wir nicht in einen Irrtum geraten oder in eine tödliche Gefahr. Man meint vielleicht, es gäbe einen sicheren Weg. Aber das wäre der Weg der Toten. Dann geschieht nichts mehr oder auf keinen Fall das Richtige. Wer den sicheren Weg geht, ist so gut wie tot.