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Erst nach der Krankheit verstand ich, wie wichtig das Ja-sagen zum eigenen Schicksal ist. Denn auf diese Weise ist ein Ich da, das auch dann nich t versagt, wenn Unbegreifliches geschieht. Ein Ich, das aushält, das die Wahrheit erträgt, und das der Welt und dem Schicksal gewachsen ist. Dann hat man mit einer Niederlage auch einen Sieg erlebt. Es wird nichts gestört weder außen noch innen;

denn die eigene Kontinuität hat dem Strom des Lebens und der Zeit standgehalten. Aber das kann nur geschehen, wenn man sich nicht vorwitzig in die Absichten des Schicksals einmischt.

Ich habe auch eingesehen, daß man das in einem selbst sich ereignende Denken als etwas tatsächlich Vorhandenes annehmen muß, jenseits aller Bewertung. Die Kategorien von wahr und falsch sind zwar stets vorhanden, stehen aber als unverbindlich daneben; denn das Vorhandensein der Gedanken ist wichtiger als ihre subjektive Beurteilung. Als vorhandene Gedanken sind aber auch Urteile nicht zu unterdrücken, da sie mit zur Erscheinung der Ganzheit gehören.

Über das Leben nach dem Tode

Was ich Ihnen über das Jenseits und über ein Leben nach dem Tode erzähle, sind alles Erinnerungen. Es sind Bilder und Gedanken, in denen ich gelebt habe, und die mich umgetrieben haben. In gewisser Hinsicht gehören sie auch zum Fundament meiner Werke;

denn diese sind im Grunde genommen nichts anderes als immer erneute Versuche, eine Antwort auf die Frage nach dem Zusammenspiel von «Diesseits» und «Jenseits» zu geben. Ich habe aber nie expressis verbis über ein Leben nach dem Tode geschrieben; denn dann hätte ich meine Gedanken belegen müssen, und das kann man nicht. Nun, jetzt spreche ich sie eben aus.

Ich kann aber auch jetzt nicht mehr tun als Geschichten darüber erzählen «mythologein». Vielleicht braucht es die Nähe des Todes, um die Freiheit zu erlangen, die dazu nötig ist. Weder wünsche ich, noch wünsche ich nicht, daß wir ein Leben nach dem Tode hätten, und ich möchte auch dergleichen Gedanken nicht kultivieren; aber ich muß, um die Wirklichkeit zu Worte kommen zu lassen, feststellen, daß ohne meinen Wunsch und ohne mein Zutun Gedanken solcher Art in mir kreisen. Ich weiß nichts darüber, ob sie wahr oder falsch sind, aber ich weiß, daß sie vorhanden sind und daß sie geäußert werden können, falls ich sie nicht aus irgendwelchem Vorurteil unterdrücke. Voreingenommenheit behindert und beschädigt aber die volle Erscheinung des psychischen Lebens, das ich viel zu wenig erkenne, um es durch ein Besserwissen korrigieren zu können. Neuerdings hat die kritische Vernunft neben vielen anderen mythischen Vorstellungen auch die Idee des postmortalen Lebens anscheinend zum Verschwinden gebracht. Dies war nur darum möglich, weil die Menschen heutzutage meist ausschließlich mit ihrem Bewußtsein identifiziert sind und sich einbilden, nur das zu sein, was sie selber von sich wissen. Jedermann, der auch nur eine Ahnung von Psychologie hat, kann sich leicht Rechenschaft darüber geben, wie beschränkt dieses Wissen ist. Rationalismus und Doktrinarismus sind unsere Zeitkrankheit; sie geben vor, alles zu wissen. Man wird aber noch vieles entdecken, was wir heute von unserem beschränkten Standpunkt aus als unmöglich bezeich

nen. Unsere Begriffe von Raum und Zeit haben eine nur annähernde Geltung und lassen daher ein weites Feld relativer und absoluter Abweichungen offen. Aus Rücksicht auf solche Möglichkeiten leihe ich den wunderlichen Mythen der Seele ein aufmerksames Ohr und beobachte das Geschehen, das mir widerfährt, gleichgültig, ob es meinen theoretischen Voraussetzungen paßt oder nicht.

Leider kommt die mythische Seite des Menschen heutzutage meist zu kurz. Er kann nicht mehr fabulieren. Damit entgeht ihm viel; denn es ist wichtig und heilsam, auch von den unfaßlichen Dingen zu reden. Das ist wie eine gute Gespenstergeschichte, bei der man am Kaminfeuer sitzt und eine Pfeife raucht.

Was die Mythen oder Geschichten von einem Leben nach dem Tode «in Wirklichkeit» bedeuten, oder was für eine Realität hinter ihnen steht, wissen wir allerdings nicht. Wir können nicht ausmachen, ob sie über ihren Wert als anthropomorphe Projektionen hinaus noch irgendeine Gültigkeit besitzen. Wir müssen uns vielmehr darüber klar sein, daß es keine Möglichkeit gibt, Sicherheit über Dinge zu gewinnen, welche unseren Verstand übersteigen.

Eine andere Welt mit ganz anderen Umständen können wir uns gar nicht vorstellen, sintemalen wir in einer bestimmten Welt leben, durch welche unser Geist und unsere psychischen Voraussetzungen mitgeformt und mitgegeben sind. Wir sind durch unsere angeborene Struktur streng begrenzt und darum mit unserem Sein und Denken an diese unsere Welt gebunden. Der mythische Mensch verlangt zwar ein «Darüber-Hinausgehen», aber der wis senschaftlich verantwortliche Mensch kann es nicht zulassen. Für den Verstand ist das «mythologein» eine sterile Spekulation, für das Gemüt aber bedeutet es eine heilende Lebenstätigkeit; sie verleiht dem Dasein einen Glanz, welchen man nicht missen möchte. Es liegt auch kein zureichender Grund vor, warum man ihn missen sollte.

Die Parapsychologie erblickt einen wissenschaftlich gültigen Beweis für das Weiterleben nach dem Tode darin, daß ein Verstorbener sich manifestiert

- sei es als Spuk, sei es durch ein Medium - und Dinge mitteilt, die ausschließlich ihm bekannt gewesen sind. Auch wenn es solche wohl beglaubigten Fälle gibt, bleiben die Fragen offen, ob der Spuk oder die Stimme mit dem Toten iden

tisch oder eine psychische Projektion ist, und ob die Aussage wirklich von dem Verstorbenen herrührt oder vielleicht dem im Unbewußten vorhandenen Wissen entstammtl.

Trotz aller vernünftigen Überlegungen, die gegen eine Sicherheit in diesen Dingen sprechen, darf man eines nicht vergessen:

es bedeutet für die meisten Menschen sehr viel anzunehmen, daß ihr Leben eine unbestimmte Kontinuität über die jetzige Existenz hinaus habe. Dann leben sie vern ünftiger, es geht ihnen besser, und sie sind ruhiger. Man hat Jahrhunderte, man hat eine unausdenkbare Zeit zu verschwenden! Warum dann diese sinnlose Hetzerei ?

Natürlich gilt das nicht für jedermann. Es gibt Menschen, die kein Bedürfnis nach Unsterblichkeit empfinden, und für die es gräßlich ist zu denken, sie müßten zehntausend Jahre auf einer Wolke sitzen und Harfe spielen! Auch gibt es nicht wenige, denen das Leben so übel mitgespielt hat, oder die solchen Ekel vor der eigenen Existenz empfinden, daß ihnen ein absolutes Ende köstlicher erscheint als eine Fortdauer. Aber in der Mehrzahl der Fälle ist die Frage nach der Immortalität so dringend, so unmittelbar und auch so unausrottbar, daß man den Versuch wagen muß, sich irgendeine Auffassung darüber zu bilden. Aber wie könnte das möglich sein?

Meine Hypothese ist, daß wir dazu imstande sind mit Hilfe von Andeutungen, die uns das Unbewußte schickt, z. B. in Träumen. Meist sträuben wir uns, die Hinweise des Unbewußten ernst zu nehmen, weil wir von der Unbeantwortbarkeit der Frage überzeugt sind. Dieser verständlichen Skepsis halte ich folgende Überlegungen entgegen: Wenn wir etwas nicht wissen können, müssen wir es als ein intellektuelles Problem aufgeben. Ich weiß nicht, aus welchem Grund das Weltall entstanden ist, und werde es nie wissen. So muß ich diese Frage als wissenschaftliches oder intellektuelles Problem fallen lassen. Aber wenn sich mir darüber eine Idee darbietet - z. B. aus Träumen oder mythischen Überlieferungen -so will ich sie mir anmerken. Ich muß sogar wagen, mir daraus eine Auffassung zu bilden, auch wenn sie auf immer eine Hypothese bleibt, und ich weiß, daß sie nicht bewiesen werden kann.

1 Über das «absolute Wissen» im Unbewußten vgl. C. G. Jung «Syn-chronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge», in Ges. Werke VIII. 1967.

Der Mensch muß sich darüber ausweisen können, daß er sein möglichstes getan hat, sich eine Auffassung über das Leben nach dem Tode zu bilden, oder sich ein Bild zu machen - und sei es mit dem Eingeständnis seiner Ohnmacht. Wer das nicht tut, hat etwas verloren. Denn was als Fragendes an ihn herantritt, ist uraltes Erbgut der Menschheit, ein Archetypus, reich an geheimem Leben, das sich dem unsrigen hinzufügen möchte, um es ganz zu machen. Die Vernunft steckt uns viel zu enge Grenzen und fordert uns auf, nur das Bekannte - und auch dies mit Einschränkungen - in bekanntem Rahmen zu leben, so als ob man die wirkliche Ausdehnung des Lebens kennte! Tatsächlich leben wir Tag für Tag weit über die Grenzen unseres Bewußtseins hinaus; ohne unser Wissen lebt das Unbewußte mit. Je mehr die kritische Vernunft vorwaltet, desto ärmer wird das Leben; aber je mehr Unbewußtes, je mehr Mythus wir bewußt zu machen vermögen, desto mehr Leben integrieren wir. Die überschätzte Vernunft hat das mit dem absoluten Staat gemein: unter ihrer Herrschaft verelendet der Einzelne.