Der Sinn dieses Tuns, oder wie ich mich darüber hätte erklären können, war mir damals kein Problem. Ich begnügte mich mit dem Gefühl neugewonnener Sicherheit und der Befriedigung, etwas zu besitzen, an das niemand herankam und um das niemand wußte. Für mich war es ein unverbrüchliches Geheimnis, das niemals verraten werden durfte, denn die Sicherheit meines Daseins hing daran. Wieso, fragte ich mich nicht. Es war einfach so.
Dieser Besitz an Geheimnis hat mich damals stark geprägt. Ich sehe es als das Wesentliche meiner frühen Jugend jähre an, als etwas, das für mich höchst bedeutend war. So habe ich auch den Traum vom Phallus in meiner Jugend nie jemandem erzählt, und auch der Jesuit gehörte zu dem unheimlichen Reich, über das man nicht reden durfte. Die kleine Holzfigur mit dem Stein war ein erster, noch unbewusst - kindlicher Versuch, das Geheimnis zu gestalten. Immer war ich absorbiert davon und hatte das Gefühl, man sollte es ergründen; und doch wußte ich nicht, was es war, dem ich Ausdruck geben wollte. Immer hoffte ich, man könnte etwas finden, vielleicht in der Natur, das Aufschluß gäbe, oder das einem zeigte, wo oder was das Geheimnis wäre. Damals wuchs das Interesse an Pflanzen, Tieren und Steinen. Ich war ständig auf der Suche nach etwas Geheimnisvollem. Im Bewußtsein war ich christlich religiös - wenn auch immer mit dem Abstrich: «Aber es ist
nicht so sicher!» oder mit der Frage: «Was ist mit dem, was unter dem Boden ist?» Und wenn mir religiöse Lehren eingeprägt wurden und mir gesagt wurde: «Das ist schön und das ist gut», dann dachte ich bei mir: «Ja, aber es gibt noch etwas sehr geheimes Anderes, und das wissen die Leute nicht.»
Die Episode mit dem geschnitzten Männchen bildete Höhepunkt und Abschluß meiner Kindheit. Sie dauerte etwa ein Jahr. Danach trat eine völlige Erinnerungslosigkeit für dies Ereignis ein, die bis zu meinem fünfunddreißigsten Jahre andauerte. Damals stieg aus dem Nebel der Kindheit dieses Erinnerungsstück in unmittelbarer Klarheit wieder auf, als ich, mit den Vorarbeiten zu meinem Buch «Wandlungen und Symbole der Libido» beschäftigt, über den Cache4 von Seelensteinen bei Ariesheim und die Churingas der Australier las. Ich entdeckte plötzlich, daß ich mir ein ganz b estimmtes Bild von einem solchen Stein machte, obschon ich nie eine Abbildung davon gesehen hatte. In meiner Vorstellung sah ich einen glatten Stein, der so bemalt war, daß er in einen oberen und einen unteren Teil getrennt war. Dieses Bild kam mir irgendwie bekannt vor, und es gesellte sich dazu die Erinnerung an eine gelbliche Federschachtel sowie an ein kleines Männchen. Das Männchen war ein kleiner verhüllter Gott der Antike, ein Telesphoros, der auf manchen alten Darstellungen bei Aesculap steht und ihm aus einer Buchrolle vorliest.
Mit dieser Wiedererinnerung kam mir zum ersten Mal die Überzeugung, daß es archaische seelische Bestandteile gibt, die aus keiner Tradition in die Individualseele eingedrungen sein können. Es gab nämlich in der Bibliothek meines Vaters, die ich - nota bene erst viel später - durchforschte, nicht ein einziges Buch, das dergleichen Informationen enthalten hätte. Nachgewiesenermaßen wußte auch mein Vater nichts von solchen Dingen.
Als ich 1920 in England war, habe ich zwei ähnliche Figuren aus einem dünnen Ast geschnitzt, ohne mich im geringsten an das Kindheitserlebnis zu erinnern. Eine davon ließ ich vergrößert in Stein hauen, und diese Figur steht in meinem Garten in Küsnacht. Erst damals hat mir das Unbewußte den Namen eingegeben. Es nannte die Figur «Atmavictu» - «breath of life». Sie ist eine Weiterentwicklung jenes quasi sexuellen Gegenstandes aus der Kindheit, der sich dann aber als der «breath of life» herausstellte, als
4 Eine Art Versteck.
ein Schaffensimpuls. Das Ganze ist im Grunde genommen ein Kabir', verhüllt mit dem Mäntelchen, verhüllt in der «kista», versehen mit einem Vorrat an Lebenskraft, dem länglichen, schwärzlichen Stein. Das sind aber Zusammenhänge, die sich mir erst viel später geklärt haben. Als ich Kind war, geschah es mir auf die gleiche Weise, wie ich es später bei den Eingeborenen in Afrika gesehen habe: sie tun es erst und wissen gar nicht, was sie tun. Erst sehr viel später wird darüber nachgedacht.
' Die Kabiren, auch «die großen Götter» genannt, und bald als Zwerge, bald als Riesen dargestellt, waren naturhafte Gottheiten, deren Kult meist mit dem der Göttin Demeter zusammenhing. Sie wurden mit dem Schöpferischen und mit der Entstehung des Lebens in Verbindung gebracht.
Schuljahre
Mein elftes Jahr war insofern bedeutungsvoll für mich, als ich damals nach Basel ins Gymnasium kam. Ich wurde dadurch von meinen ländlichen Spielgenossen losgerissen, kam wirklich in die «große Welt», wo mächtige Leute, viel mächtiger als mein Vater, in großen, prächtigen Häusern wohnten, in kostbaren Kaleschen mit wunderschönen Pferden fuhren und sich in distinguierter Sprache deutsch und französisch ausdrückten. Ihre Söhne, wohl gekleidet, mit feinen Manieren und reichlichem Taschengeld versehen, waren meine Klassengenossen. Mit Erstaunen und erschreckendem heimlichem Neid vernahm ich von ihnen, daß sie in den Ferien in den Alpen, jenen «glühenden Schneebergen» bei Zürich, gewesen seien, ja sogar am Meer, was dem Faß den Boden vollkommen ausschlug. Ich bestaunte sie wie Wesen aus einer anderen Welt, aus jener unerreichbaren Herrlichkeit der rotglühenden Schneeberge und aus jener unermeßlichen Ferne des unvorstellbaren Meeres. Ich erkannte damals, daß wir arm waren, daß mein Vater ein armer Landpfarrer und ich ein noch viel ärmeres Pfarrerssöhnchen war, das Löcher in den Schuhsohlen hatte und mit nassen Strümpfen sechs Schulstunden absitzen mußte. Ich begann meine Eltern mit anderen Augen anzusehen, und fing an, ihre Sorgen und Bekümmernisse zu verstehen. Für meinen Vater insbesondere empfand ich Mitleid, merkwürdigerweise weniger für die Mutter. Sie kam mir als die etwas Stärkere vor. Trotzdem fühlte ich mich auf ihrer Seite, wenn der Vater seine launische Gereiztheit nicht beherrschen konnte. Das war für meine Charakterbildung nicht gerade günstig. Um mich von diesen Konflikten zu befreien, geriet ich in die Rolle des überlegenen Schiedsrichters, der noiens volens seine Eltern beurteilen mußte. Das verursachte mir eine gewisse Inflation, die mein ohnehin unsicheres Selbstgefühl steigerte und zugleich verminderte.
Als ich neun Jahre alt war, gebar meine Mutter ein kleines Mädchen. Mein Vater war aufgeregt und erfreut. «Heute nacht hast du ein Schwesterchen bekommen», sagte er, und ich war vollkommen überrascht, denn ich hatte vorher nichts bemerkt. Daß meine Mutter
etwas öfter zu Bette lag, war mir nicht aufgefallen. Ich hielt dies sowieso für eine unentschuldbare Schwäche. Mein Vater brachte mich ans Bett der Mutter, und sie hielt ein kleines Wesen in den Armen, das äußerst enttäuschend aussah: ein rotes, verschrumpftes Gesicht, wie ein alter Mensch, die Augen geschlossen, wahrscheinlich blind wie junge Hunde. Das Ding hatte am Rücken einzelne lange rotblonde Haare, die man mir zeigte - hätte das ein Affe werden sollen ? Ich war schockiert und wußte nicht, wie mir zumute war. Sahen Neugeborene so aus? Man munkelte etwas vom Storch, der das Kind gebracht haben sollte. Wie war es aber dann bei einem Wurf von Hunden und Katzen? Wie viele Male mußte da der Storch hin - und herfliegen, bis der Wurf vollständig war ? Und wie war es bei den Kühen ? Ich konnte mir nicht vorstellen, wie der Storch ein ganzes Kalb im Schnabel tragen konnte. Auch sagten die Bauern einem, die Kuh habe gekalbert und nicht, der Storch habe das Kalb gebracht. Diese Geschichte war offenbar wieder einer jener Tricks, die mir angegeben wurden. Ich war sicher, daß meine Mutter da wieder etwas angestellt hatte, was ich nicht wis sen sollte.
Dieses plötzliche Erscheinen meiner Schwester hinterließ mir ein vages Gefühl von Mißtrauen, das meine Neugier und Beobachtung zuspitzten. Spätere verdächtige Reaktionen meiner Mutter bestätigten meine Vermutungen: irgend etwas Bedauerliches war mit dieser Geburt verknüpft. Im übrigen hat mich dieses Ereignis nicht weiter angefochten, wohl aber trug es bei zu der Verschärfung eines Erlebnisses, das in meinem zwölften Jahr stattfand.