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Das Unbewußte gibt uns eine Chance, indem es uns etwas mitteilt oder bildhafte Andeutungen macht. Es ist imstande, uns gelegentlich Dinge mitzuteilen, die wir aller Logik nach nicht wissen können. Denken Sie an synchronistische Phänomene, an Wahrträume und Vorahnungen!

Einmal fuhr ich von Bollingen nach Hause. Es war in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Ich hatte ein Buch bei mir, aber ich konnte nicht lesen, denn im Augenblick, als sich der Zug in Bewegung setzte, hatte mich das Bild eines Ertrinkenden überfallen. Es war die Erinnerung an einen Unglücksfall im Militärdienst. Während der ganzen Fahrt kam ich nicht davon los. Das war mir unheimlich, und ich dachte: Was ist denn geschehen? Ist etwa ein Unglück passiert?

In Erlenbach stieg ich aus und ging heim, immer noch mit dieser Erinnerung und meinen Sorgen beschäftigt. Im Garten standen die Kinder meiner zweiten Tochter herum. Sie wohnte mit ihrer Familie bei uns, nachdem sie wegen des Krieges aus Paris in die Schweiz zurückgekehrt war. Alle schauten etwas dumm drein, und als ich fragte: «Was ist denn los?» erzählten sie's: Adrian, damals der Kleinste, sei im Bootshaus ins Wasser gefallen. Es ist dort schon recht tief, und da er noch nicht schwimmen konnte, wäre er beinahe ertrunken. Der ältere Bruder habe ihm dann herausgeholfen. Dies spielte sich genau zu der Zeit ab, als ich im Zug von

den Erinnerungen überfallen worden war. Das Unbewußte hatte mir also einen Wink gegeben. Warum kann es mir nicht auch über anderes Auskunft erteilen ?

Etwas Ähnliches erlebte ich vor einem Todesfall in der Familie meiner Frau. Damals träumte ich, daß das Bett meiner Frau eine tiefe Grube mit gemauerten Wänden sei. Es war ein Grab und mutete irgendwie antik an. Da hörte ich einen tiefen Seufzer, wie wenn jemand den Geist aufgibt. Eine Gestalt, die meiner Frau glich, richtete sich in der Grube auf und schwebte empor. Sie trug ein weißes Gewand, in welches merkwürdige schwarze Zeichen eingewoben waren. - Ich erwachte, weckte meine Frau und kontrollierte die Zeit. Es war drei Uhr morgens. Der Traum war so merkwürdig, daß ich sofort dachte, er könnte einen Todesfall anzeigen. Um sieben Uhr kam die Nachricht, daß eine Cousine meiner Frau um drei Uhr gestorben sei!

Oft handelt es sich nur um ein Vorauswissen, nicht aber um ein Vorauserkennen. So hatte ich einmal einen Traum, in welchem ich mich auf einer garden party befand. Ich erblickte meine Schwester, was mich sehr wunderte, denn sie war schon einige Jahre zuvor gestorben. Auch ein verstorbener Freund von mir war anwesend. Die übrigen waren noch lebende Bekannte. Meine Schwester befand sich in Gesellschaft einer mir wohlbekannten Dame, und schon im Traum schloß ich daraus, daß diese anscheinend vom Tode berührt war. - Sie ist vorgemerkt, dachte ich. Im Traum wußte ich, wer sie war, und daß sie in Basel wohnte. Kaum war ich erwacht, konnte ich mich jedoch beim besten Willen nicht mehr erinnern, wer sie war, obwohl mir der ganze Traum noch lebhaft vor Augen stand. Ich stellte mir sämtliche Basler Bekannten vor und paßte auf, ob nicht bei der Vorstellung der Gedächtnisbilder etwas in mir anklingen würde. Nichts!

Einige Wochen später erhielt ich die Nachricht vom tödlichen Unfall einer befreundeten Dame. Da wußte ich sofort: sie war es, die ich »m Traum gesehen, aber nicht erinnert hatte. Ich besaß ein mit vielen Einzelheiten ausgestattetes Erinnerungsbild von ihr, war sie doch während längerer Zeit, bis zum Jahr vor ihrem Tode, meine Patientin gewesen. Bei meinem Versuch, sie mir ins Gedächtnis zurückzurufen, war aber in der langen Reihe meiner Basler Bekannten ausgerechnet ihr Bild nicht aufgetreten, obwohl es sich aller Wahrscheinlichkeit nach schon unter den ersten hätte befinden müssen.

Wenn man solche Erfahrungen macht, bekommt man eine gewisse Hochachtung vor den Möglichkeiten und Fähigkeiten des Unbewußten. Man muß nur kritisch bleiben und wissen, daß solche «Mitteilungen» immer auch eine subjektive Bedeutung haben können. Sie können mit der Realität übereinstimmen oder auch nicht. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, daß mir die Auffassungen, die ich auf Grund solcher Andeutungen des Unbewußten gewinnen konnte, Lichter aufgesteckt und Ausblicke auf Ahnungsreiches eröffnet haben. Natürlich werde ich kein Buch der Offenbarungen darüber schreiben, sondern ich werde anerkennen, daß ich einen «Mythus» habe, der mich interessiert und mich zu Fragestellungen veranlaßt. Mythen sind früheste Formen der Wissenschaft. Wenn ich über die Dinge nach dem Tode rede, so spreche ich aus einer inneren Bewegtheit und kann nicht weiter gehen, als Träume und Mythen darüber erzählen.

Natürlich kann man von vornherein einwenden, Mythen und Träume über eine Kontinuität des Lebendigen nach dem Tode seien lediglich kompensierende Phantasien, die in unserer Natur liegen - alles Leben will Ewigkeit. Dagegen habe ich kein anderes Argument als eben den Mythus.

Darüber hinaus gibt es aber auch Hinweise, daß mindestens ein Teil der Psyche den Gesetzen von Raum und Zeit nicht unterworfen ist. Den wissenschaftlichen Beweis dafür erbrachten die bekannten Rhineschen Versuche2. Neben zahllosen Fällen von spontanem Vorauswissen, unräumlichen Wahrnehmungen und dergleichen, wofür ich Ihnen Beispiele aus meinem Leben erzählt habe, beweisen sie, daß die Psyche zeitweilig jenseits des raumzeitlichen Kausalgesetzes funktioniert. Daraus ergibt sich, daß unsere Vorstellungen von Raum und Zeit und damit auch der Kausalität unvollständig sind. Ein vollständiges Weltbild müßte sozusagen noch um eine andere Dimension erweitert werden; erst dann könnte die Gesamtheit der Phänomene einheitlich erklärt werden. Deshalb bestehen die Rationalisten auch heute noch darauf, es gäbe keine parapsychologischen Erfahrungen; denn damit steht und fällt ihre Weltanschauung. Wenn solche Phänomene überhaupt vorkommen, ist das rationalistische Weltbild ungültig, weil unvollständig. Dann wird die Möglichkeit einer hinter den Erscheinungen liegenden

2 J. B. Rhine, Duke University in Durham, USA, hat mit seinen Kartenexperimenten die Fähigkeit des Menschen nachgewiesen, außersinnliche Wahrnehmungen zu machen. A. J.

anderswertigen Wirklichkeit zum unabweisbaren Problem, und wir müssen die Tatsache ins Auge fassen, daß unsere Welt mit Zeit, Raum und Kausalität sich auf eine dahinter oder darunter liegende andere Ordnung der Dinge bezieht, in welcher weder «Hier und Dort», noch «Früher und Später» wesentlich sind. Ich sehe keine Möglichkeit zu bestreiten, daß wenigstens ein Teil unserer psychischen Existenz durch eine Relativität von Raum und Zeit charakterisiert ist. Mit zunehmender Bewußtseinsferne scheint sie sich bis zu einer absoluten Raum- und Zeitlosigkeit zu steigern.

Es waren nicht nur eigene Träume, sondern gelegentlich auch diejenigen von anderen, die meine Auffassungen über ein postmor-tales Leben formten, revidierten oder bestätigten. Von besonderer Bedeutung war der Traum, den eine knapp sechzigjährige Schülerin von mir etwa zwei Monate vor ihrem Tode träumte: Sie kam ins Jenseits. Dort war eine Schulklasse, in welcher auf der vordersten Bank ihre verstorbenen Freundinnen saßen. Es herrschte allgemeine Erwartung. Sie blickte sich um nach einem Lehrer oder Vortragenden, konnte aber niemanden finden. Man bedeutete ihr, daß sie selbst die Vortragende sei, denn alle Verstorbenen hätten gleich nach ihrem Tode einen Bericht über die Gesamterfahrung ihres Lebens abzugeben. Die Toten interessierten sich in hohem Maße für die von den Verstorbenen mitgebrachten Lebenserfahrungen, so als ob Taten und Entwicklungen im irdischen Leben die entscheidenden Ereignisse seien.