Auf alle Fälle schildert der Traum eine sehr ungewöhnliche Zuhörerschaft, die ihresgleichen auf der Erde wohl kaum finden dürfte: man interessiert sich brennend für das psychologische Endresultat eines menschlichen Lebens, das in keinerlei Weise bemerkenswert ist, so wenig wie der Schluß, der daraus gezogen werden könnte - nach unserem Dafürhalten. Wenn sich das «Publikum» aber in einer relativen Nicht-Zeit befindet, wo «Ablauf», «Ereignis», «Entwicklung» fragliche Begriffe geworden sind, so könnte es sich eben gerade für das, was ihm in seinem Zustand fehlt, am meisten interessieren.
Zur Zeit dieses Traumes hatte die Verstorbene Angst vor dem Tode und wollte diese Möglichkeit ihrem Bewußtsein tunlichst fernhalten. Es ist aber ein sehr wichtiges «Interesse» des alternden Menschen, sich gerade mit dieser Möglichkeit bekannt zu machen. Ein sozusagen unabweisbar Fragendes tritt an ihn heran, und er
sollte darauf antworten. Zu diesem Zweck sollte er einen Mythus vom Tode haben, denn die «Vernunft» zeigt ihm nichts als die dunkle Grube, in die er fährt. Der Mythus aber könnte ihm andere Bilder vor Augen führen, hilfreiche und bereichernde Bilder des Lebens im Totenland. Glaubt er an diese oder gibt er ihnen auch nur einigen Kredit, so hat er damit ebenso sehr recht und unrecht wie einer, der nicht an sie glaubt. Während aber der Leugnende dem Nichts entgegengeht, folgt der dem Archetypus Verpflichtete den Spuren des Lebens bis zum Tode. Beide sind zwar im Ungewissen, der eine aber gegen seinen Instinkt, der andere mit ihm, was einen beträchtlichen Unterschied und Vorteil zugunsten des letzteren bedeutet.
Auch die Gestalten des Unbewußten sind «uninformiert» und bedürfen des Menschen, oder des Kontaktes mit dem Bewußtsein, um «Wissen» zu erlangen. Als ich mit dem Unbewußten zu arbeiten begann, spielten die Phantasiefiguren der Salome und des Elias eine große Rolle. Dann rückten sie in den Hintergrund, traten aber nach circa zwei Jahren erneut auf. Zu meinem größten Erstaunen waren sie vollkommen unverändert; sie sprachen und handelten so, wie wenn sich in der Zwischenzeit überhaupt nichts ereignet hätte. Und doch hatten sich in meinem Leben die unerhörtesten Dinge abgespielt. Ich mußte sozusagen wieder von vorne anfangen und ihnen alles auseinandersetzen und erzählen. Das hat mich damals sehr erstaunt. Erst später verstand ich, was geschehen war: die beiden waren in der Zwischenzeit ins Unbewußte und in sich selber - man könnte ebensogut sagen: in die Zeitlosigkeit -versunken. Sie blieben ohne Kontakt mit dem Ich und dessen sich wandelnden Umständen und waren darum «unwissend» über das, was in der Welt des Bewußtseins geschehen war.
Schon früh hatte ich die Erfahrung gemacht, daß ich die Gestalten des Unbewußten, oder von ihnen oft ununterscheidbar, die «Geister der Abgeschiedenen» zu belehren hätte. Das erste Mal erlebte ich das auf einer Velotour durch Ober-Italien, die ich 1911 mit einem Freund unternommen hatte. Auf dem Heimweg kamen wir von Pavia nach Arona, am unteren Teil des Lago Maggiore und übernachteten dort. Wir hatten im Sinn, dem See entlang und dann weiter durch den Tessin bis Faido zu fahren. Dort wollten wir den Zug nach Zürich nehmen. Aber in Arona hatte ich einen Traum, der unsere Pläne über den Haufen warf.
Im Traum befand ich mich in einer Versammlung erlauchter Geister aus früheren Jahrhunderten und hatte ein ähnliches Gefühl wie später gegenüber den «erlauchten Ahnen», die sich im schwarzen Stein meiner Vision von 1944 befanden. Die Unterhaltung wurde auf Lateinisch geführt. Ein Herr mit einer Allongeperücke sprach mich an und stellte mir eine schwierige Frage, an deren Inhalt ich mich beim Erwachen nicht mehr erinnern konnte. Ich verstand ihn, beherrschte die Sprache aber nicht genügend, um ihm lateinisch zu antworten. Das beschämte mich aufs tiefste, so daß die Emotion mich weckte.
Schon im Augenblick des Erwachens fiel mir meine damalige Arbeit «Wandlungen und Symbole der Libido» ein, und ich hatte derartige Minderwertigkeitsgefühle ob der nicht beantworteten Frage, daß ich sofort den Zug nach Hause nahm, um mich an die Arbeit zu begeben. Es wäre mir unmöglich gewesen, die Velotour fortzusetzen und noch drei Tage dafür zu opfern. Ich mußte arbeiten, um die Antwort zu finden.
Erst viel später verstand ich den Traum und meine Reaktion: der Herr in der Allongeperücke war eine Art «Ahnen- oder Totengeist», der seine Fragen an mich gerichtet hatte, und ich wußte keine Antwort! Es war damals noch zu früh, ich war noch nicht so weit; aber ich hatte eine dunkle Ahnung, daß ich durch die Arbeit an meinem Buch die mir gestellte Frage beantwortete. Sie wurde gewissermaßen von meinen geistigen Vorfahren an mich gestellt in der Hoffnung und Erwartung, daß sie dann hören würden, was sie zu ihrer Zeit nicht in Erfahrung bringen konnten; es mußte in den nachfolgenden Jahrhunderten erst erschaffen werden. Wären Frage und Antwort in der Ewigkeit, schon von jeher, vorhanden gewesen, so hätte es meiner Anstrengung keineswegs bedurft, und sie hätten in irgendeinem anderen Jahrhundert entdeckt werden können. Es scheint zwar ein unbegrenztes Wissen in der Natur vorhanden zu sein, das aber nur unter passenden Zeitumständen vom Bewußtsein erfaßt werden kann. Es geschieht vermutlich wie in der Seele des Einzelnen: er trägt vielleicht viele Jahre lang eine Ahnung von etwas in sich herum, wird aber dessen erst in einem gewissen späteren Moment wirklich gewahr.
Als ich später die «Septem Sermones ad Mortuos» schrieb, waren es wiederum die Toten, welche die entscheidenden Fragen an mich richteten. Sie kamen - so hieß es - zurück von Jerusalem, weil sie
dort nicht fanden, was sie suchten. Das erstaunte mich damals sehr; denn nach hergebrachter Meinung sind es die Toten, welche das große Wissen haben. Man ist der Ansicht, sie wüßten viel mehr als wir, weil ja die christliche Lehre annimmt, daß wir «drüben» «von Angesicht zu Angesicht schauen» würden. Scheinbar «wissen» die Seelen der Verstorbenen aber nur das, was sie im Augenblick ihres Todes wußten und nichts darüber hinaus. Daher ihr Bemühen, ins Leben einzudringen, um teilzunehmen am Wissen der Menschen. Oft habe ich das Gefühl, als stünden sie direkt hinter uns und warteten darauf, zu vernehmen, welche Antwort wir ihnen und welche wir dem Schicksal geben. Es scheint mir, als ob ihnen alles darauf ankäme, von den Lebenden, d. h. von denen, die sie überleben und in einer sich weiter verändernden Welt existieren, Antworten auf ihre Fragen zu erhalten. Die Toten fragen, wie wenn das Allwissen oder Allgewußtsein nicht ihnen zur Verfügung stünde, sondern nur in die körperverhaftete Seele des Lebenden einfließen könnte. Der Geist des Lebenden scheint daher wenigstens in einem Punkte gegenüber dem der Toten im Vorteil zu sein, nämlich in der Fähigkeit, klare und entscheidende Erkenntnisse zu erlangen. Die dreidimensionale Welt in Zeit und Raum erscheint mir wie ein Koordinatensystem: es wird in Ordinate und Abszisse auseinandergelegt, was «dort», in der RaumZeitlosigkeit, vielleicht als ein Urbild mit vielen Aspekten, vielleicht als eine diffuse «Erkenntnis wolke» um einen Archetypus herum, erscheinen mag. Es bedarf aber eines Koordinatensystems, um Unterscheidung von distinkten In halten zu ermöglichen. Eine derartige Operation erscheint uns undenkbar im Zustand eines diffusen Allwissens oder eines subjektlosen Bewußtseins ohne zeiträumliche Bestimmung. Erkenntnis setzt, wie Zeugung, einen Gegensatz voraus, ein Hier und Dort, ein Oben und Unten, ein Vorher und Nachher.
Wenn es ein bewußtes Dasein nach dem Tode geben sollte, so ginge es, wie mir scheint, in der Richtung weiter wie das Bewußtsein der Menschheit, das jeweils eine obere, aber verschiebbare Grenze hat. Es gibt viele Menschen, die im Augenblick ihres Todes nicht nur hinter ihren eigenen Möglichkeiten zurückgeblieben sind, sondern vor allem auch weit hinter dem, was schon zu ihren Lebzeiten von anderen Menschen bewußt gemacht worden war. Daher ihr Anspruch, im Tode den Anteil an Bewußtheit zu erlangen, den sie im Leben nicht erworben haben.