Zu dieser Ansicht bin ich durch die Beobachtung von Träumen über Verstorbene gekommen. So träumte ich einmal, daß ich einen Freund besuchte, der etwa vierzehn Tage zuvor gestorben war. In seinem Leben hatte er nie etwas anderes gekannt als eine konventionelle Weltanschauung, und in dieser reflexionslosen Haltung war er stecken geblieben. Seine Wohnung befand sich auf einem Hügel, ähnlich dem Tüllinger Hügel bei Basel. Dort stand ein altes Schloß, dessen Ringmauer einen Platz mit einer kleinen Kirche und einigen kleineren Gebäuden umgab. Er erinnerte mich an den Platz beim Schloß Rapperswil. Es war Herbst. Die Blätter der alten Bäume waren schon golden gefärbt, und milder Sonnenschein verklärte das Bild. Dort saß mein Freund an einem Tisch mit seiner Tochter, die in Zürich Psychologie studiert hatte. Ich wußte, daß sie ihm die nötigen Aufklärungen über Psychologie gab. Er war so fasziniert von dem, was sie zu ihm sagte, daß er mich nur mit einer flüchtigen Handbewegung begrüßte, so als wollte er mir zu verstehen geben: «Störe mich nicht!» Der Gruß war gleichzeitig ein Abwinken.
Der Traum sagte mir, daß er jetzt auf eine mir natürlich unwiß. bare Art und Weise die Wirklichkeit seines psychischen Daseins realisieren müsse, wozu er in seinem Leben niemals imstande gewesen war. Zum Traumbild fielen mir später die Worte ein: «Heilige Anachoreten gebirgauf verteilt...» Die Anachoreten in der Schlußszene des zweiten Teils von Faust sind als Darstellung von verschiedenen Entwicklungsstufen gedacht, die sich ergänzen und gegenseitig erhöhen.
Eine andere Erfahrung über die Entwicklung der Seele nach dem Tode machte ich, als ich - etwa ein Jahr nach dem Tode meiner Frau - eines Nachts plötzlich erwachte und wußte, daß ich bei ihr in Südfrankreich, in der Provence, gewesen war und einen ganzen Tag mit ihr verbracht hatte. Sie machte dort Studien über den Gral. Das erschien mir bedeutsam; denn sie war gestorben, bevor sie die Arbeit über dieses Thema beendet hatte. Die Erklärung auf der Subjektstufe - daß meine Anima mit der ihr auferlegten Arbeit noch nicht fertig sei - sagt mir nichts;
denn ich weiß, daß ich damit noch nicht fertig bin. Aber der Gedanke, daß meine Frau nach dem Tode noch an ihrer geistigen Weiterentwicklung arbeitet - was immer man sich darunter vorstellen mag - schien mir sinnvoll, und darum hatte der Traum etwas Beruhigendes für mich.
Vorstellungen dieser Art sind natürlich inkorrekt und geben ein ungenügendes Bild, wie ein in die Fläche projizierter Körper oder wie, umgekehrt, die Konstruktion eines vierdimensionalen Gebildes aus einem Körper. Sie bedienen sich der Bestimmungen einer dreidimensionalen Welt, um sich zu veranschaulichen. Wie die Mathematik es sich nicht verdrießen läßt, einen Ausdruck für Verhältnisse zu schaffen, die alle Empirie übersteigen, so gehört es auch zum Wesen einer disziplinierten Phantasie, Bilder des Unanschaulichen nach logischen Prinzipien und auf Grund empirischer Daten, z. B. der Traumaussagen, zu entwerfen. Die dabei verwendete Methode ist die der «notwendigen Aussage», wie ich sie genannt habe. Sie stellt das Prinzip der Amplifikation in der Traumdeutung dar, kann aber am leichtesten durch die Aussagen der einfachen ganzen Zahlen demonstriert werden.
Die Eins ist als erstes Zählwort eine Einheit. Sie ist aber auch «die Einheit», das Eine, das All-Eine, Einzige und Zweitlose - kein Zählwort, sondern eine philosophische Idee, oder ein Archetypus und Gottesattribut, die Monas. Es ist schon richtig, daß der menschliche Verstand diese Aussagen macht, aber er ist bestimmt und gebunden durch die Vorstellung der Eins und ihrer Implikationen. Es sind, mit anderen Worten, keine willkürlichen Aussagen, sondern sie sind durch das Wesen der Eins determiniert und darum notwendig. Die gleiche logische Operation ließe sich theoretisch an allen folgenden individuellen Zahlenvorstellungen vollziehen, kommt aber praktisch bald zum Ende wegen der rasch ansteigenden Anzahl von Komplikationen, die unübersehbar wird.
Jede weitere Einheit bringt neue Eigenschaften und Modifikationen. So z. B. ist es eine Eigenschaft der Zahl Vier, daß Gleichungen vierten Grades noch aufgelöst werden können, diejenigen fünften Grades jedoch nicht. Eine «notwendige Aussage» der Zahl Vier ist also, daß sie Höhepunkt und zugleich Ende eines vorhergehenden Anstiegs ist. Da mit jeder weiteren Einheit eine oder mehrere neue Eigenschaften mathematischer Natur auftreten, komplizieren sich die Aussagen derart, daß sie nicht mehr formuliert werden können.
Die unendliche Zahlenreihe entspricht der unendlichen Zahl individueller Geschöpfe. Sie besteht ebenfalls aus Individuen, und schon die Eigenschaften ihrer zehn Anfangsglieder stellen - wenn überhaupt etwas - eine abstrakte Kosmogonie aus der Monas d ar. Die Eigenschaften der Zahlen sind aber auch zugleich Eigenschaf
ten der Materie, weshalb gewisse Gleichungen das Verhalten des Stoffes vorauszunehmen imstande sind.
Ich möchte deshalb auch anderen als den mathematischen (von Natur her vorhandenen) Aussagen unseres Verstandes die Möglichkeit zubilligen, über sich selbst hinaus auf Realitäten unanschaulicher Art hinzuweisen. Ich denke bei solchen Aussagen z. B. an Phantasiebildungen, die sich des consensus omnium erfreuen oder die durch große Häufigkeit ihres Auftretens ausgezeichnet sind, und an die archetypischen Motive. Es gibt mathematische Gleichungen, von denen man nicht weiß, welchen physischen Wirklichkeiten sie entsprechen; ebenso gibt es mythische Wirklichkeiten, und wir wissen zunächst nicht, auf welche psychischen Wirklichkeiten sie sich beziehen. Man hatte zum Beispiel Gleichungen aufgestellt, die die Turbulenz erhitzter Gase ordnen, längst bevor diese genau untersucht worden waren; seit noch viel längerer Zeit gibt es Mythologeme, die den Ablauf gewisser unterschwelliger Vorgänge ausdrücken, aber erst heute können wir sie als solche erkennen.
Der Grad von Bewußtheit, der irgendwo schon erreicht ist, bildet, wie mir scheinen will, die obere Grenze dessen, was auch die Toten an Erkenntnis erreichen können. Darum ist wohl das irdische Leben von so großer Bedeutung und das, was ein Mensch beim Sterben «hinüberbringt», so wichtig. Nur hier, im irdischen Leben, wo die Gegensätze zusammenstoßen, kann das allgemeine Bewußtsein erhöht werden. Das scheint die metaphysische Aufgabe des Menschen zu sein, die er aber ohne «mythologein» nur teilweise erfüllen kann. Der Mythus ist die unvermeidliche und unerläßliche Zwischenstufe zwischen dem Unbewußten und der bewußten Erkenntnis. Es steht fest, daß das Unbewußte mehr weiß als das Bewußtsein, aber es ist ein Wissen besonderer Art, ein Wissen in der Ewigkeit, meist ohne Beziehung auf das Hier und Jetzt, ohne Rücksicht auf unsere Verstandessprache. Nur wenn wir seiner Aussage Gelegenheit geben, sich zu amplifizieren, wie oben am Beispiel der Zahlen gezeigt, gerät sie in die Reichweite unseres Verständnisses, und ein neuer Aspekt wird uns wahrnehmbar. Dieser Vorgang wiederholt sich bei jeder gelungenen Traumanalyse in überzeugender Weise. Darum ist es so wichtig, keine vorgefaßten doktrinären Meinungen über Traumaussagen zu haben. Sobald eine gewisse «Monotonie der Deutung» auffällt, weiß man, daß die Interpretation doktrinär und daher unfruchtbar geworden ist,
Wenn es auch nicht möglich ist, einen gültigen Beweis für ein Weiterleben der Seele nach dem Tode zu erbringen, so gibt es doch Erlebnisse, die einem 2u denken geben. Ich fasse sie als Hinweise auf, ohne mir die Kühnheit herauszunehmen, ihnen die Bedeutung von Erkenntnissen zuzuerteilen.
Einmal lag ich nachts wach und dachte an den plötzlichen Tod eines Freundes, der am Tage zuvor begraben worden war. Sein Tod beschäftigte mich sehr. Mit einem Mal hatte ich das Gefühl, er sei im Zimmer. Es war mir, als stünde er zu Füßen meines Bettes und verlangte, daß ich mit ihm gehe. Ich hatte nicht das Gefühl einer Erscheinung, sondern es war ein visuelles inneres Bild von ihm, das ich mir als eine Phantasie erklärte. Ehrlicherweise mußte ich mich aber fragen: Habe ich einen Beweis dafür, daß es eine Phantasie ist? Wenn es nun keine Phantasie wäre, wenn also mein Freund wirklich da wäre, und ich würde ihn für eine Phantasie halten, wäre das nicht eine Unverschämtheit? - Ich hatte aber ebensowenig einen Beweis dafür, daß er als Erscheinung, d. h. «wirklich» vor mir stand. Da sagte ich mir: Beweis hin oder her! Anstatt ihn als Phantasie zu erklären, könnte ich ihn mit dem gleichen Recht als Erscheinung akzeptieren und ihm wenigstens versuchsweise Wirklichkeit zubilligen. - In dem Augenblick, als ich das dachte, ging er zur Tür und winkte mir, ihm zu folgen. Ich sollte sozusagen mitspielen. Das war nun allerdings nicht vorgesehen! Ich mußte mir daher mein Argument nochmals wiederholen. Erst dann folgte ich ihm in meiner Phantasie.