Er führte mich aus dem Haus, in den Garten, auf die Straße und schließlich in sein Haus. (In Wirklichkeit lag es einige hundert Meter von dem meinigen entfernt). Ich ging hinein, und er geleitete mich in sein Arbeitszimmer. Er stieg auf einen Schemel und zeigte auf das zweite von fünf rot eingebundenen Büchern, die auf dem zweitobersten Schaft standen. Dann hörte die Vision auf. Ich kannte seine Bibliothek nicht und wußte nicht, was für Bücher er besaß. Überdies hätte ich die Titel der Bände, auf die er hingewiesen hatte, von unten nicht erkennen können, da sie auf dem zweitobersten Schaft standen.
Das Erlebnis schien mir so merkwürdig, daß ich am anderen Morgen zu der Witwe meines Freundes ging und sie fragte, ob ich in der Bibliothek des Verstorbenen etwas nachschauen dürfe. Tatsächlich stand unter dem in der Phantasie gesehenen Regal ein Schemel, und ich sah schon von weitem die fünf rot eingebunde
nen Bände. Ich stieg auf den Schemel, um die Titel lesen zu können. Es waren Übersetzungen von Emile Zolas Romanen; der Titel des zweiten Bandes lautete: «Das Vermächtnis der Toten.» Der Inhalt schien mir uninteressant, aber der Titel war im Zusammenhang mit dem Erlebnis höchst belangreich.
Ein anderes Erlebnis, das mir zu denken gab, hatte ich vor dem Tode meiner Mutter. Als sie starb, befand ich mich im Tessin. Ich war erschüttert über die Nachricht, denn ihr Tod war unerwartet plötzlich gekommen. In der Nacht vor ihrem Tode hatte ich einen erschreckenden Traum: Ich befand mich in einem dichten, finsteren Wald; phantastische, riesige Felsblöcke lagen zwischen gewaltigen, urwaldartigen Bäumen. Es war eine heroische, urweltliche Landschaft. Mit einem Male hörte ich ein gellendes Pfeifen, das durch das Universum zu hallen schien. Die Knie wurden mir weich vor Schrecken. Da krachte es im Gebüsch, und ein riesiger Wolfshund mit einem furchtbaren Rachen brach heraus. Vor seinem Anblick gerann mir das Blut in den Adern. Er schoß an mir vorbei, und ich wußte: jetzt hat der Wilde Jäger ihm befohlen, einen Menschen zu apportieren. Mit Todesschrecken erwachte ich, und am folgenden Morgen erhielt ich die Nachricht vom Tode meiner Mutter.
Selten hat mich ein Traum dermaßen erschüttert, denn bei oberflächlicher Betrachtung schien er zu sagen, daß der Teufel meine Mutter geholt habe. In Wahrheit aber war es der Wilde Jäger, der «Grünhütl», der in jener Nacht - in den Föhntagen des Januar -mit seinen Wölfen jagte. Es war Wotan, der Gott der alemannischen Vorväter, welcher meine Mutter zu ihren Ahnen «versammelte», nämlich negativ zum wilden Heer, positiv aber zu den «sälig Lüt». Erst durch die christlichen Missionare wurde Wotan zum Teufel. An sich ist er ein bedeutender Gott - ein Mercurius oder Hermes, wie die Römer richtig erkannten; ein Naturgeist, der im Merlin der Gralssage wieder erstand und als «Spiritus Mer-curialis» zum gesuchten Arcanum der Alchemisten wurde. So sagt der Traum, daß die Seele meiner Mutter in jenen größeren Zusammenhang des Selbst aufgenommen wurde, jenseits des christlichmoralischen Ausschnittes, nämlich in die den Gegensatzkonflikt umfassende Ganzheit von Natur und Geist.
Ich fuhr sofort nach Hause, und als ich nachts im Zuge saß, hatte ich das Gefühl großer Traurigkeit, aber in meinem innersten
Herzen konnte ich nicht traurig sein und zwar aus einem seltsamen Grunde: während der ganzen Fahrt hörte ich unausgesetzt Tanzmusik, Lachen und freudigen Lärm, so als ob eine Hochzeit gefeiert würde. Dieses Erlebnis stand in krassem Gegensatz zu dem furchtbaren Eindruck des Traumes. Hier war heitere Tanzmusik, fröhliches Lachen, und es war mir unmöglich, mich ganz der Trauer hinzugeben. Immer wieder wollte sie mich überwältigen, aber im nächsten Augenblick war ich wieder inmitten der fröhlichen Melodien. Es war ein Gefühl von Wärme und Freude einerseits und von Schrecken und Trauer andererseits, ein unaufhörlicher Wechsel von Gefühlskontrasten.
Der Gegensatz läßt sich dadurch erklären, daß der Tod einmal vom Gesichtspunkt des Ich und das andere Mal von dem der Seeleaus dargestellt wird. Im ersteren Fall erscheint er als Katastrophe, und es sieht so aus, wie wenn böse und mitleidlose Mächte einen Menschen erschlagen hätten.
Der Tod ist ja auch eine furchtbare Brutalität - darüber darf man sich nicht täuschen - nicht nur als physisches Geschehen, sondern viel mehr noch als psychisches: ein Mensch wird weggerissen, und was bleibt, ist eisige Totenstille. Keine Hoffnung besteht mehr auf irgendeinen Zusammenhang, denn alle Brücken sind abgebrochen. Menschen, denen man ein langes Leben gewünscht hätte, werden mitten aus dem Leben dahingerafft, und Nichtsnutze erreichen ein hohes Alter. Das ist eine grausame Realität, die man sich nicht verhehlen sollte. Die Brutalität und Willkürlichkeit des Todes können die Menschen so verbittern, daß sie daraus schließen, es gäbe keinen barmherzigen Gott, keine Gerechtigkeit und keine Güte.
Unter einem anderen Gesichtspunkt aber erscheint der Tod als ein freudiges Geschehen. Sub specie aeternitatis ist er eine Hochzeit, ein Mysterium Coniunctionis. Die Seele erreicht sozusagen die ihr fehlende Hälfte, sie erlangt Ganzheit. Auf griechischen Sarkophagen wurde das freudige Element durch Tänzerinnen dargestellt, auf etruskischen Gräbern durch Gastmähler. Als der fromme Kabbalist Rabbi Simon ben Jochai starb, sagten seine Freunde, er feiere Hochzeit. Noch heute ist es in manchen Gegenden Sitte, zu Allerseelen auf den Gräbern ein «Picnic» zu veranstalten. All das drückt die Empfindung aus, der Tod sei eigentlich ein Freudenfest.
Bereits ein paar Monate vor dem Tode meiner Mutter, im September 1922, hatte ich einen Traum, der auf ihn hinwies. Er handelte von meinem Vater und beeindruckte mich sehr. Seit seinem
Tode, also seit 1896, hatte ich nie mehr von ihm geträumt. Nun erschien er wieder in einem Traum, wie wenn er von einer weiten Reise zurückgekehrt wäre. Er sah verjüngt aus und nicht väterlich autoritär. Ich ging mit ihm in meine Bibliothek und freute mich riesig, zu erfahren, wie es ihm ergangen sei. Ganz besonders freute ich mich darauf, ihm meine Frau und meine Kinder vorzustellen, ihm mein Haus zu zeigen und zu erzählen, was ich inzwischen alles getan hätte und geworden sei. Ich wollte ihm auch von dem Typenbuch berichten, das jüngst herausgekommen war. Aber ich sah sogleich, daß alles das nicht möglich war, denn mein Vater schien präokkupiert. Anscheinend wollte er etwas von mir. Das fühlte ich deutlich und stellte mich darum selber zurück. Da sagte er mir, er möchte mich, da ich ja Psychologe sei, gern konsultieren und zwar über Ehepsychologie. Ich machte mich bereit, ihm einen längeren Exkurs über die Komplikationen der Ehe zu geben, und daran bin ich erwacht. Ich konnte den Traum nicht recht verstehen, denn es kam mir nicht in den Sinn, daß er sich auf den Tod meiner Mutter beziehen könnte. Das wurde mir erst klar, als sie im Januar 1923 plötzlich starb.