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Die Ehe meiner Eltern war kein glückhaftes Einvernehmen, sondern eine durch viele Schwierigkeiten belastete Geduldsprobe. Beide machten die für viele Ehepaare typischen Fehler. Aus meinem Traum hätte ich den Tod meiner Mutter voraussehen können:

nach sechsundzwanzigj ähriger Abwesenheit erkundigte sich mein Vater im Traum beim Psychologen nach den neuesten Einsichten und Erkenntnissen, Ehekomplikationen betreffend, da für ihn die Zeit gekommen war, das Problem wieder aufzunehmen. Er hatte in seinem zeitlosen Zustand offenbar keine besseren Einsichten erworben und mußte sich deshalb an den Lebenden wenden, der unter veränderten Zeitumständen einige neue Gesichtspunkte hatte gewinnen können.

So spricht der Traum. Unzweifelhaft hätte ich durch Einsicht in seinen subjektiven Sinn noch viel gewinnen können - aber warum träumte ich ihn gerade vor dem Tode meiner Mutter, von welchem ich keine Voraussicht hatte? Er ist deutlich auf meinen Vater ausgerichtet, mit dem mich eine mit den Jahren sich vertiefende Sympathie verband.

Da das Unbewußte infolge seiner Zeit-Raum-Relativität bessere Informationsquellen hat als das Bewußtsein, welches nur über die Sinneswahrnehmungen verfügt, sind wir in bezug auf unseren

Mythus vom Leben nach dem Tode auf die spärlichen Andeutungen des Traumes und ähnlicher Spontanmanifestationen des Unbewußten angewiesen. Man kann diesen Hinweisen, wie schon gesagt, natürlich nicht den Wert von Erkenntnissen oder gar Beweisen beimessen. Sie können aber als passende Unterlagen zu mythischen Amplifikationen dienen; sie schaffen dem forschenden Verstand jenen Umkreis an Möglichkeiten, die zu seiner Lebendigkeit unerläßlich sind. Fehlt die Zwischenwelt der mythischen Phantasie, so ist der Geist von Erstarrung im Doktrinarismus bedroht. Umgekehrt bedeutet aber die Be rücksichtigung der mythischen Ansätze auch eine Gefahr für schwache und suggestible Geister, Ahnungen für Erkenntnisse zu halten und Phantasmata zu hypostasieren.

Einen weitverbreiteten Jenseitsmythus formen die Ideen und Vorstellungen über die Reinkarnation.

In einem Lande, dessen geistige Kultur sehr differenziert und viel älter ist als die unsrige, nämlich in Indien, gilt der Gedanke der Reinkarnation als ebenso selbstverständlich wie bei uns derjenige, daß Gott die Welt erschaffen habe, oder daß es ein en Spiritus rector gebe. Die gebildeten Inder wissen, daß wir nicht so denken wie sie, aber das kümmert sie nicht. Der geistigen Eigentümlichkeit östlichen Wesens entsprechend wird die Folge von Geburt und Tod als ein endloses Geschehen, als ein ewiges Rad, gedacht, das ohne Ziel weiterrollt. Man lebt und erkennt und stirbt und fängt wieder von vorne an. Nur bei Buddha tritt die Idee eines Zieles hervor, nämlich die Überwindung des irdischen Seins.

Das mythische Bedürfnis des westlichen Menschen verlangt ein evolutionäres Weltbild mit Anfang und Ziel. Es verwirft ein solches mit Anfang und bloßem Ende ebenso wie die Anschauung eines statischen, in sich geschlossenen ewigen Kreislaufs. Der östliche Mensch dagegen scheint letztere Idee tolerieren zu können. Es gibt offenbar keinen allgemeinen Consensus in bezug auf das Wesen der Welt, ebensowenig wie die Astronomen in dieser Frage bis jetzt sich einigen konnten. Dem westlichen Menschen ist die Sinnlosigkeit einer bloß statischen Welt unerträglich, er muß ihren Sinn voraussetzen. Der östliche Mensch braucht diese Voraussetzung nicht, sondern er verkörpert sie. Während jener den Sinn der Welt vollenden will, strebt dieser nach der Erfüllung des Sinns im Menschen und streift die Welt und das Dasein von sich ab (Buddha).

Ich würde beiden recht geben. Der westliche Mensch scheint eben vorherrschend extravertiert, der östliche vorherrschend introvertiert zu sein. Ersterer projiziert den Sinn und vermutet ihn in den Objekten; letzterer fühlt ihn in sich. Der Sinn aber ist außen wie innen.

Nicht zu trennen von der Idee der Wiedergeburt ist diejenige des Karma. Die entscheidende Frage ist, ob das Karma eines Menschen persönlich sei oder nicht. Stellt die Schicksalsbestimmung, mit der ein Mensch sein Leben antritt, das Resultat von Handlungen und Leistungen vergangener Leben dar, so besteht eine persönliche Kontinuität. Im anderen Fall wird ein Karma von einer Geburt gewissermaßen erfaßt, so daß es sich wieder verkörpert, ohne daß eine persönliche Kontinuität bestünde.

Zweimal wurde Buddha von seinen Schülern gefragt, ob das Karma des Menschen persönlich oder unpersönlich sei. Beide Male hat er die Frage abgebogen und ist nicht darauf eingegangen; sie trage nicht dazu bei, sich von der Illusion des Seins zu befreien. Buddha hielt es für nützlicher, daß seine Schüler über die Nidäna-Kette meditierten, nämlich über Geburt, Leben, Alter und Tod, über Ursache und Wirkung der leidensvollen Ereignisse.

Ich weiß keine Antwort auf die Frage, ob das Karma, welches ich lebe, das Resultat meiner vergangenen Leben, oder ob es nicht vielmehr die Errungenschaft meiner Ahnen sei, deren Erbe in mir zusammenkommt. Bin ich eine Kombination von Ahnenleben und verkörpere deren Leben wieder? Habe ich als bestimmte Persönlichkeit früher schon einmal gelebt und bin in jenem Leben soweit gekommen, daß ich nun eine Lösung versuchen kann ? Ich weiß es nicht. Buddha hat es offen gelassen, und ich möchte annehmen, er habe es nicht mit Sicherheit gewußt.

Ich könnte mir gut vorstellen, daß ich in früheren Jahrhunderten gelebt habe und dort an Fragen gestoßen bin, die ich noch nicht beantworten konnte; daß ich wiedergeboren werden mußte, weil ich die mir gestellte Aufgabe nicht erfüllt hatte. Wenn ich sterbe, werden - so stelle ich es mir vor - meine Taten nachfolgen. Ich werde das mitbringen, was ich getan habe. Mittlerweile aber handelt es sich darum, daß ich im Ende meines Lebens nicht mit leeren Händen dastehe. Dies scheint auch Buddha gedacht zu haben, als er seine Jünger von unnützen Spekulationen abzuhalten versuchte.

Es ist der Sinn meiner Existenz, daß das Leben eine Frage an mich hat. Oder umgekehrt: ich selber bin eine Frage, die an die

Welt gerichtet ist, und ich muß meine Antwort beibringen, sonst bin ich bloß auf die Antwort der Welt angewiesen. Das ist die überpersönliche Lebensaufgabe, die ich nur mit Mühe realisiere. Vielleicht stellt sie etwas dar, was meine Ahnen schon beschäftigt hat, was sie jedoch nicht beantworten konnten. Bin ich vielleicht darum beeindruckt von der Tatsache, daß der Schluß von Faust keine Lösung enthält? Oder von dem Problem, an dem Nietzsche gescheitert ist: dem dionysischen Erlebnis, das dem christlichen Menschen entgangen zu sein scheint? Oder ist es der unruhvolle WotanHermes meiner alemannischen und fränkischen Ahnen, der mir herausfordernde Fragen stellt? Oder hat Richard Wilhelms scherzhafte Vermutung recht, daß ich in meinem Vorleben ein rebellischer Chinese gewesen sei. der strafweise seine östliche Seele in Europa entdecken muß ?

Was ich als Resultat meiner Ahnenleben oder als in persönlichen Vorleben erworbenes Karma empfinde, könnte vielleicht ebensogut ein unpersönlicher Archetypus sein, der heute alle Welt in Atem hält und mich besonders ergriffen hat, wie z. B. die saekulare Entwicklung der göttlichen Trias und ihre Konfrontation mit dem weiblichen Prinzip, oder die noch immer fällige Antwort auf die gnostische Frage nach dem Ursprung des Bösen, mit anderen Worten, die Unvollständigkeit des christlichen Gottesbildes.

Ich denke auch an die Möglichkeit, daß durch eine individuelle Leistung eine Frage in der Welt entsteht, deren Beantwortung gefordert wird. Zum Beispiel könnten meine Fragestellung und meine Antwort unbefriedigend sein. Unter diesen Umständen müßte jemand, der mein Karma hat - also vielleicht ich selber - wiedergeboren werden, um eine vollständigere Antwort zu geben. Darum könnte ich mir vorstellen, daß ich solange nicht wiedergeboren werde, als die Welt keine Antwort nötig hat, und daß ich Anwartschaft hätte auf etliche hundert Jahre der Ruhe, bis man wieder jemanden braucht, der sich für dergleichen Dinge interessiert, und ich daher erneut mit Gewinn an die Aufgabe gehen könnte. Ich habe die Idee, man könnte jetzt einige Ruhe eintreten lassen, bis das bisherige Pensum aufgearbeitet ist.