Die Frage des Karma ist mir dunkel, wie auch das Problem der persönlichen Wiedergeburt oder der Seelenwanderung. «Libera et vacua mente» vernehme ich mit Achtung das indische Bekenntnis zur W iedergeburt und halte Umschau in meiner Erfahrungswelt, ob sich nicht irgendwo und irgendwie etwas ereignet, das billigerweise
in die Richtung der Reinkarnation weisen könnte. Ich sehe natürlich ab von den bei uns relativ zahlreichen Zeugnissen des Glaubens an Reinkarnation. Ein Glaube beweist mir nämlich nur das Phänomen des Glaubens, aber keineswegs den geglaubten Inhalt. Dieser muß sich mir an und für sich empirisch offenbaren, um akzeptiert zu werden. Bis vor wenigen Jahren habe ich trotz hierauf gerichteter Aufmerksamkeit nichts in dieser Hinsicht Überzeugendes zu entdecken vermocht. Vor kurzem aber habe ich bei mir selber eine Reihe von Träumen beobachtet, welche nach allem Dafürhalten den Reinkarnationsvorgang bei einer mir bekannten verstorbenen Persönlichkeit beschreiben. Gewisse Aspekte ließen sich sogar mit einer nicht ganz abzuweisenden Wahrscheinlichkeit bis in die empirische Wirklichkeit verfolgen. Etwas Ähnliches habe ich aber nie wieder beobachtet oder vernommen, so daß ich keine Vergleichsmöglichkeiten habe. Da somit meine Beobachtung subjektiv und einmalig ist, möchte ich nur ihr Vorhandensein mitteilen, nicht aber ihre Inhalte. Ich muß aber gestehen, daß ich nach dieser Erfahrung das Problem der Reinkarnation mit etwas anderen Augen betrachte, ohne allerdings in der Lage zu sein, eine bestimmte Meinung vertreten zu können.
Wenn wir annehmen, daß es «dort» weitergeht, so können wir uns keine andere Existenz denken als eine psychische; denn das Leben der Psyche bedarf keines Raumes und keiner Zeit. Die psychische Existenz, vor allem die inneren Bilder, mit denen wir uns jetzt schon beschäftigen, liefern den Stoff für alle mythischen Spekulationen über eine Existenz im Jenseits, und diese stelle ich mir als ein Fortschreiten in der Bilderwelt vor. So könnte die Psyche jene Existenz sein, in der sich das «Jenseits» oder das «Totenland» befindet. Das Unbewußte und das «Totenland» sind in dieser Hinsicht Synonyma.
Vom psychologischen Gesichtspunkt aus erscheint das «Leben im Jenseits» als eine konsequente Fortsetzung des psychischen Lebens im Alter. Mit zunehmendem Alter nämlich spielen Beschaulichkeit, Reflexion und die inneren Bilder natürlicherweise eine immer größere Rolle. «Deine Alten werden Träume haben3.» Dies setzt allerdings voraus, daß die Seele der Alten nicht verholzt oder versteinert ist - sero medicina paratur cum mala per longas convaluere
» Apostelgesch. II, 17. Joel. III, l
moras4. Im Alter fängt man an, die Erinnerungen vor seinem inneren Auge abrollen zu lassen und sich in den inneren und äußeren Bildern der Vergangenheit denkend zu erkennen. Das ist wie eine Vorstufe oder eine Vorbereitung zu einer Existenz im Jenseits, so wie nach Auffassung Platos die Philosophie eine Vorbereitung auf den Tod darstellt.
Die inneren Bilder verhindern, daß ich mich in der persönlichen Rückschau verliere. Es gibt viele alte Menschen, die sich in der Erinnerung an äußere Ereignisse verstricken. Sie bleiben darin verhaftet, während die Rückschau, wenn sie reflektiert und in Bilder übersetzt ist, ein «reculer pour mieux sauter» bedeutet. Ich versuche, die Linie zu sehen, die durch mein Leben in die Welt geführt hat und aus der Welt wiederum herausführt.
Im allgemeinen sind die Vorstellungen, welche die Menschen sich über das Jenseits machen, von ihrem Wunschdenken und ihren Vorurteilen mitbestimmt. Meist werden darum mit dem Jenseits nur lichte Vorstellungen verbunden. Aber das leuchtet mir nicht ein. Ich kann mir kaumvorstellen, daß wir nach dem Tode auf einer lieblichen Blumenwiese landen. Wenn im Jenseits alles licht und gut wäre, müßte doch auch eine freundliche Kommunikation zwischen uns und lauter seligen Geistern bestehen, und aus dem Vorgeburtszustand könnten uns schöne und gute Konsequenzen zufließen. Davon ist aber keine Rede. Warum diese unüberwindliche Trennung der Abgeschiedenen von den Menschen ? Mindestens die Hälfte der Berichte über Begegnungen mit den Totengeistern handelt von angstvollen Erlebnis sen mit dunkeln Geistern, und es ist die Regel, daß das Totenland eisiges Schweigen beobachtet, unbekümmert um den Schmerz der Vereinsamten.
Wenn ich dem folge, was es unwillkürlich in mir denkt, so erscheint mir die Welt in viel zu hohem Maße einheitlich, als daß es ein «Jenseits» geben könnte, in welchem die Gegensatznatur völlig fehlt. Auch dort ist «Natur», die auf ihre Weise Gottes ist. Die Welt, in die wir nach dem Tode kommen, wird großartig sein und furchtbar, so wie die Gottheit und die uns bekannte Natur. Auch daß das Leiden gänzlich aufhörte, kann ich mir nicht vorstellen. Zwar war das, was ich in meinen Visionen 1944 erlebt habe, die Befreiung von der Last des Körpers und das Wahrnehmen des
4 Die Medizin wird zu spät zubereitet, wenn das Übel durch lange Zeiten stark geworden ist.
Sinnes, tief beglückend. Trotzdem war auch dort Dunkelheit und ein seltsames Aufhören menschlicher Wärme. Denken Sie an den schwarzen Felsen, zu dem ich gelangte! Er war dunkel und aus härtestem Granit. Was hat das zu bedeuten? Wäre keine Unvollkommenheit, kein primordialer Defekt im Schöpfungsgrund vorhanden, warum dann ein Schöpferdrang, eine Sehnsucht nach dem zu Erfüllenden? Warum liegt es den Göttern an Mensch und Schöpfung? An der Fortsetzung der Nidänakette ins Endlose? Wo doch ein Buddha der leidvollen Illusion des Daseins sein «quod non» entgegenhielt und der christliche Mensch auf ein baldiges Weltende hofft?
Ich halte es für wahrscheinlich, daß es auch im Jenseits irgendwelche Beschränkungen gibt, daß die Totenseelen aber nur allmählich herausfinden, wo die Grenzen des befreiten Zustandes liegen. Irgendwo ist «dort» ein weltbedingendes Muß, das dem Jenseitszustand ein Ende bereiten will. Dieses schöpferische Muß wird - so denke ich mir - darüber entscheiden, welche Seelen wieder in die Geburt eintauchen werden. Ich könnte mir vorstellen, daß gewisse Seelen den Zustand der dreidimensionalen Existenz als seliger empfinden als den der «ewigen». Doch hängt das vielleicht davon ab, wieviel sie an Vollständigkeit oder Unvollständigkeit ihrer menschlichen Existenz mit hinübergenommen haben.
Es ist möglich, daß eine Fortsetzung des dreidimensionalen Lebens keinen Sinn mehr hätte, wenn die Seele erst einmal gewisse Stufen der Einsicht erreicht hat; daß sie dann nicht mehr zurückkehren müßte und erhöhte Einsicht den Wunsch nach Wiederverkörperung verhinderte. Dann würde die Seele der dreidimensionalen Welt entschwinden und in einen Zustand gelangen, den die Buddhisten als Nirvana bezeichnen. Wenn aber noch ein Karma übrig bleibt, das erledigt werden muß, so fällt die Seele wieder in die Wünsche zurück und begibt sich erneut in das Leben, vielleicht sogar aus Einsicht, daß noch etwas zu vollenden sei.
In meinem Fall muß es in erster Linie ein leidenschaftlicher Drang zu verstehen gewesen sein, welcher meine Geburt bewirkt hat. Denn er ist das stärkste Element meines Wesens. Dieser unersättliche Trieb nach Verständnis hat sich sozusagen ein Bewußtsein geschaffen, um zu erkennen, was ist und was geschieht, und um darüber hinaus noch aus spärlicher Andeutung des Unerkennbaren mythische Vorstellungen zu entdecken.
Wir sind keineswegs in der Lage, beweisen zu können, daß etwas von uns ewig erhalten bleibt. Wir können höchstens sagen, es bestehe eine gewisse Wahrscheinlichkeit, daß etwas von unserer Psyche über den physischen Tod hinaus weiter existiere. Ob nun das, was weiter existiert, in sich selber bewußt ist, wissen wir ebensowenig. Besteht das Bedürfnis, sich über diese Frage eine Meinung zu bilden, so könnte man vielleicht die Erfahrungen in Betracht ziehen, die mit psychischen Spaltungsphänomenen gemacht wurden. In den meisten Fällen nämlich, wo sich ein abgespaltener Komplex manifestiert, geschieht dies in Form einer Persönlichkeit so als ob der Komplex ein Bewußtsein seiner selbst hätte. Darum sind z. B. die Stimmen der Geisteskranken personifiziert. Das Phänomen der personifizierten Komplexe habe ich schon in meiner Dissertation behandelt. Man könnte sie, wenn man will, zugunsten einer Kontinuität des Bewußtseins anführen. Für eine solche Annahme sprechen auch die überraschenden Beobachtungen, die bei tiefen Ohnmächten nach akuten Gehirnverletzungen und bei schweren Kollapszuständen gemacht werden. In beiden Fällen können auch bei schwerster Bewußtlosigkeit Wahrnehmungen der Außenwelt sowie intensive Traumerlebnisse stattfinden. Da die Großhirnrinde, der Sitz des Bewußtseins, während der Ohnmacht ausgeschaltet ist, sind solche Erlebnisse heute noch unerklärt. Sie können für eine zumindest subjektive Erhaltung der Bewußtseinsfähigkeit - auch im Zustande anscheinender Bewußtlosigkeit - sprechen5.