Das Problem der Beziehung zwischen dem «zeitlosen Menschen», dem Selbst, und dem irdischen Menschen in Zeit und Raum, wirft Fragen schwierigster Art auf. Es wurde mir durch zwei Träume beleuchtet.
In einem Traum, den ich im Oktober 1958 hatte, erblickte ich von meinem Hause aus zwei linsenförmige, metallisch glänzende Scheiben, die in einem engen Bogen über das Haus hinweg zum See sausten. Es waren zwei UFOs. Danach kam ein anderer Körper direkt auf mich zugeflogen. Es war eine kreisrunde Linse, wie das Objektiv eines Fernrohres. In einer Entfernung von etwa vier- bis fünfhundert Metern stand es einen Augenblick lang still und flog dann fort. Gleich darauf kam wieder ein Körper durch die Luft geflogen: ein Objektiv mit metallenem Ansatz, der zu einem Kasten
s Vgl. dazu «Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge» in Ges. Werke VIII, 1967, pag. 563 ff.
führte - eine Laterna magica. In etwa sechzig bis siebzig Metern Entfernung stand sie in der Luft still und zielte direkt auf mich. Ich erwachte mit dem Gefühl der Verwunderung. Noch halb im Traum ging es mir durch den Kopf: Wir denken immer, daß die UFOs unsere Projektionen seien. Nun zeigt es sich, daß wir ihre Projektionen sind. Ich werde von der Laterna magica als C. G. Jung projiziert. Aber wer manipuliert den Apparat?
Über das Problem der Beziehung von Selbst und Ich hatte ich schon einmal geträumt. In jenem früheren Traum befand ich mich auf der Wanderschaft. Auf einer kleinen Straße ging ich durch eine hügelige Landschaft, die Sonne schien, und ich hatte einen weiten Ausblick ringsum. Da kam ich an eine kleine Wegkapelle. Die Tür war angelehnt, und ich ging hinein. Zu meinem Erstaunen befand sich auf dem Altar kein Muttergottesbild und auch kein Crucifix, sondern nur ein Arrangement aus herrlichen Blumen. Dann aber sah ich, daß vor dem Altar, auf dem Boden, mir zugewandt, ein Yogin saß - im Lotus-Sitz und in tiefer Versenkung. Als ich ihn näher anschaute, erkannte ich, daß er mein Gesicht hatte. Ich erschrak zutiefst und erwachte an dem Gedanken: Ach so, das ist der, der mich meditiert. Er hat einen Traum, und das bin ich. Ich wußte, daß wenn er erwacht, ich nicht mehr sein werde.
Diesen Traum hatte ich nach meiner Krankheit 1944. Er stellt ein Gleichnis dar: mein Selbst begibt sich in die Versenkung, sozusagen wie ein Yogin, und meditiert meine irdische Gestalt. Man könnte auch sagen: es nimmt menschliche Gestalt an, um in die dreidimensionale Existenz zu kommen, wie wenn sich jemand in einen Taucheranzug kleidet, um ins Meer zu tauchen. Das Selbst begibt sich der jenseitigen Existenz in einer religiösen Einstellung, worauf auch die Kapelle im Traumbild weist. In der irdischen Gestalt kann es die Erfahrungen der dreidimensionalen Welt machen und sich durch größere Bewußtheit um ein weiteres Stück verwirklichen.
Die Gestalt des Yogin würde gewissermaßen meine unbewußte praenatale Ganzheit darstellen und der ferne Osten, wie das in Träumen häufig der Fall ist, einen uns fremden, dem Bewußtsein entgegengesetzten psychischen Zustand. Wie die Laterna magica, «projiziert» auch die Meditation des Yogin meine empirische Wirklichkeit. In der Regel werden wir aber dieses Kausalzusammenhanges in umgekehrter Richtung gewahr: wir entdecken in den Pro
dukten des Unbewußten Mandalasymbole, d. h . Kreis - und Quaternitätsfiguren, welche Ganzheit ausdrücken; und wenn wir Ganzheit ausdrücken, so verwenden wir ebensolche Figuren. Unsere Basis ist das Ichbewußtsein, ein im Ichpunkt zentriertes Lichtfeld, das unsere Welt darstellt. Von hier aus schauen wir eine rätselvolle Dunkelwelt an und wissen nicht, wie weit ihre schattenhaften Spuren von unserem Bewußtsein verursacht werden, oder wie weit sie eigene Realität besitzen. Eine oberflächliche Betrachtung gibt sich mit der Annahme des verursachenden Bewußtseins zufrieden. Genauere Beobachtung aber zeigt, daß in der Regel die Bilder des Unbewußten nicht vom Bewußtsein gemacht werden, sondern ihre eigene Realität und Spontaneität besitzen. Trotzdem betrachten wir sie bloß als eine Art Randphänomene.
Die Tendenz beider Träume geht dahin, das Verhältnis von Ichbewußtsein und Unbewußtem geradezu umzukehren und das Unbewußte als Erzeuger der empirischen Person darzustellen. Die Umkehrung weist daraufhin, daß nach der Ansicht der «anderen Seite» unsere unbewußte Existenz die wirkliche ist und unsere Bewußtseinswelt eine Art Illusion oder eine scheinbare, zu einem bestimmten Zweck hergestellte, Wirklichkeit darstellt, etwa wie ein Traum, der auch solange Wirklichkeit zu sein scheint, als man sich darin befindet. Es ist klar, daß dieser Sachverhalt sehr viel Ähnlichkeit mit dei östlichen Weltanschauung hat, insofern diese an Mäjä glaubt'.
Die unbewußte Ganzheit erscheint mir daher als der eigentliche Spiritus rector alles biologischen und psychischen Geschehens. Sie strebt nach totaler Verwirklichung, also totaler Bewußtwerdung im Fall des Menschen. Bewußtwerdung ist Kultur im weitesten Sinne und Selbsterkenntnis daher Essenz und Herz dieses Vorgangs. Der Osten mißt dem Selbst unzweifelhaft «göttliche» Bedeutung bei, und nach alter christlicher Anschauung ist Selbsterkenntnis der Weg zur cognitio Dei.
Die entscheidende Frage für den Menschen ist: Bist du auf Unendliches bezogen oder nicht? Das ist das Kriterium seines Lebens.
• Die Unsicherheit darüber, wem oder welchem «Ort» Wirklichkeit zu gesprochen werden müsse, hatte schon einmal in Jungs Leben eine Rolle gespielt: als er als Kind auf dem Stein saß und mit dem Gedanken spielte, dieser sage oder sei «Ich». Vgl. auch den bekannten Schmetterlingstraum des Dschuang-Dsi. A. J.
Nur wenn ich weiß, daß das Grenzenlose das Wesentliche ist, verlege ich mein Interesse nicht auf Futilitäten und auf Dinge, die nicht von entscheidender Bedeutung sind. Wenn ich es nicht weiß, so insistiere ich darauf, um dieser oder jener Eigenschaft willen, die ich als persönlichen Besitz auffasse, etwas in der Welt zu gelten. Also vielleicht wegen «meiner» Begabung oder «meiner» Schönheit. Je mehr der Mensch auf falschem Besitz insistiert und je weniger das Wesentliche für ihn spürbar ist, desto unbefriedigender ist sein Leben. Er fühlt sich beschränkt, weil er beschränkte Absichten hat, und das schafft Neid und Eifersucht. Wenn man versteht und fühlt, daß man schon in diesem Leben an das Grenzenlose angeschlossen ist, ändern sich Wünsche und Einstellung. Letzten Endes gilt man nur wegen des Wesentlichen, und wenn man das nicht hat, ist das Leben vertan. Auch in der Beziehung zum anderen Menschen ist es entscheidend, ob sich das Grenzenlose in ihr ausdrückt oder nicht.
Das Gefühl für das Grenzenlose erreiche ich aber nur, wenn ich auf das Äußerste begrenzt bin. Die größte Begrenzung des Menschen ist das Selbst; es manifestiert sich im Erlebnis «ich bin nur das!» Nur das Bewußtsein meiner engsten Begrenzung im Selbst ist angeschlossen an die Unbegrenzheit des Unbewußten. In dieser Bewußtheit erfahre ich mich zugleich als begrenzt und ewig, als das Eine und das Andere. Indem ich mich einzigartig weiß in meiner persönlichen Kombination, d. h. letztlich begrenzt, habe ich die Möglichkeit, auch des Grenzenlosen bewußt zu werden. Aber nur dann.