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In einer Epoche, die ausschließlich auf Erweiterung des Lebensraumes sowie Vermehrung des rationalen Wissens ä tout prix gerichtet ist, ist es höchste Forderung, sich seiner Einzigartigkeit und Begrenzung bewußt zu sein. Einzigartigkeit und Begrenztheit sind Synonyme. Ohne sie gibt es keine Wahrnehmung des Unbegrenzten — und daher auch keine Bewußtwerdung sondern bloß eine wahnartige Identität mit demselben, welche sich im Rausch der großen Zahlen und der politischen Machtfülle äußert.

Unsere Zeit hat alle Betonung auf den diesseitigen Menschen verschoben und damit eine Dämonisierung des Menschen und seiner Welt herbeigeführt. Die Erscheinung der Diktatoren und all des Elends, das sie gebracht haben, geht darauf zurück, daß dem Menschen durch die Kurzsichtigkeit der Allzuklugen die Jenseitigkeit geraubt wurde. Wie diese ist auch er der Unbewußtheit zum

Opfer gefallen. Die Aufgabe des Menschen nämlich wäre ganz im Gegenteil, sich dessen, was vom Unbewußten her andrängt, bewußt zu werden, anstatt darüber unbewußt oder damit identisch zu bleiben. In beiden Fällen würde er seiner Bestimmung, Bewußtsein zu schaffen, untreu. Soweit wir zu erkennen vermögen, ist es der einzige Sinn der menschlichen Existenz, ein Licht anzuzünden in der Finsternis des bloßen Seins. Es ist sogar anzunehmen, daß, wie das Unbewußte auf uns wirkt, so auch die Vermehrung unseres Bewußtseins auf das Unbewußte.

Späte Gedanken

Zur biographischen Verdeutlichung meiner selbst sind die Ausführungen dieses Kapitels unerläßlich, obschon sie dem Leser wohl theoretisch erscheinen mögen. Diese «Theorie» ist aber eine meinem Leben zugehörige Existenzform, sie stellt eine Lebensweise dar, die mir so nötig ist wie Essen und Trinken.

I

Das Bemerkenswerte am Christentum ist die Tatsache, daß es in seiner Dogmatik einen Veränderungsprozeß in der Gottheit antizipiert, also eine historische Wandlung auf der «anderen Seite». Dies geschieht in der Form des neuen Mythus von einer Spaltung im Himmel, erstmals angedeutet im Schöpfungsmythus, wo ein schlangenartiger Widersacher des Schöpfers auftritt, der die ersten Menschen zum Ungehorsam verführt, mit dem Versprechen vermehrter Bewußtheit (scientes bonum et malum). Die zweite Andeutung ist der Engelsturz, eine «überstürzte» Invasion der Menschenwelt durch unbewußte Inhalte. Die Engel sind ein sonderbares Genus. Sie sind gerade das , was sie sind und können nichts anderes sein: an sich seelenlose Wesen, die nichts anderes darstellen als die Gedanken und Intuitionen ihres Meisters. Im Falle des Engelsturzes handelt es sich also um ausschließlich «böse» Engel. Sie lösen die bekannte Wirkung der Inflation aus, die wir auch heute im Diktatorenwahn beobachten können: die Engel erzeugen mit den Menschen ein Riesengeschlecht, das schließlich auch die Menschen aufzufressen sich anschickt, wie im Buch Henoch berichtet wird.

Die dritte und entscheidende Stufe des Mythus aber ist die Selbstverwirklichung Gottes in menschlicher Gestalt, in Erfüllung der alttestamentlichen Idee der Gottesehe und ihrer Folge. In der christlichen Urzeit schon hat sich die Inkarnationsidee zu der Anschauung des «Christus in nobis» gesteigert. Damit drang die unbewußte Ganzheit in den psychischen Bereich der inneren Erfahrung

ein und verlieh dem Menschen eine Ahnung seiner ganzen Gestalt. Das war nicht nur für diesen, sondern auch für den Schöpfer ein entscheidendes Ereignis: In den Augen der aus der Dunkelheit Erlösten streifte Er Seine dunkeln Eigenschaften ab und wurde zum Summum Bonum. Dieser Mythus blieb für ein Jahrtausend ungebrochen lebendig, bis sich die ersten Zeichen einer weiteren Bewußtseinswandlung im 11. Jahrhundert bemerkbar machten*.

Von da an mehrten sich die Symptome der Unrast und des Zweifels, bis am Ende des zweiten Jahrtausends das Bild einer Weltkatastrophe sich abzuzeichnen begann, d. h. zunächst einer Bewußtseinsbedrohung. Diese besteht im Phänomen der Riesen, nämlich einer Hybris des Bewußtseins: «Nichts ist größer als der Mensch und seine Taten». Die Jenseitigkeit des christlichen Mythus ging verloren und damit die christliche Anschauung der im Jenseits erfüllten Ganzheit.

Dem Licht folgt der Schatten, die andere Seite des Schöpfers. Diese Entwicklung erreicht ihren Gipfel im 20. Jahrhundert. Jetzt ist die christliche Welt wirklich mit dem Prinzip des Bösen konfrontiert, nämlich mit offener Ungerechtigkeit, Tyrannis, Lüge, Sklaverei und Gewissenszwang. Diese Manifestation des ungeschminkt Bösen hat zwar bei dem Volk der Russen anscheinend permanente Gestalt angenommen, aber den ersten gewaltigen Brandausbruch bei den Deutschen ausgelöst. Damit war unwider-leglich dargetan, bis zu welchem Grade das Christentum des 20. Jahrhunderts ausgehöhlt ist. Demgegenüber läßt sich das Böse nicht mehr durch die Euphemie der privatio boni verharmlosen. Das Böse ist bestimmende Wirklichkeit geworden. Es kann nicht mehr durch Umbenennung aus der Welt geschafft werden. Wir müssen lernen, damit umzugehen, denn es will mittleben. Wie das ohne größten Schaden möglich sein sollte, ist vorderhand nicht abzusehen.

Auf alle Fälle bedürfen wir einer Neuorientierung, d. h. einer Metanoia. Wenn man das Böse berührt, so besteht die dringende Gefahr, daß man ihm verfällt. Man darf also überhaupt nicht mehr «verfallen», auch nicht dem Guten. Ein sogenanntes Gutes, dem man verfällt, verliert seinen moralischen Charakter. Nicht daß es an sich schlecht geworden wäre, aber es entwickelt böse Folgen, weil man ihm verfallen ist. Jede Form von Süchtigkeit ist

1 Dieses Thema hat Jung in «Aion», 1951, behandelt. In Ges. Werke IX/2, 2. Aufl. 1976.

von Übel, gleichgültig, ob es sich um Alkohol oder Morphium oder Idealismus handelt. Man darf sich von den Gegensätzen nicht mehr verführen lassen.

Das Kriterium des ethischen Handelns kann nicht mehr darin bestehen, daß das, was man als «gut» erkennt, den Charakter eines kategorischen Imperativs besitzt, und daß das sogenannte Böse unbedingt vermeidbar ist. Durch die Anerkennung der Wirklichkeit des Bösen wird das Gute als die eine Hälfte eines Gegensatzes notwendigerweiser relativiert. Das gleiche gilt für das Böse. Beide zusammen bilden nun ein paradoxes Ganzes. Praktisch heißt das, daß Gut-Böse ihren absoluten Charakter verlieren, und wir gezwungen sind, uns darauf zu besinnen, daß sie Urteile darstellen.

Die Unvollkommenheit alles menschlichen Urteilens legt uns jedoch den Zweifel nahe, ob unsere Meinung jeweils das Richtige trifft. Wir können auch einem Fehlurteil unterliegen. Davon wird das ethische Problem nur insofern betroffen, als wir uns in bezug auf die moralische Bewertung unsicher fühlen. Trotzdem müssen wir uns ethisch entscheiden. Die Relativität von «gut» und «böse» oder «schlecht» bedeutet keineswegs, daß diese Kategorien ungültig seien oder nicht existierten. Das moralische Urteil ist immer und überall vorhanden mit seinen charakteristischen psychologis chen Folgen. Wie ich schon andernorts betont habe, wird sich wie bis her auch in alle Zukunft hinaus getanes, beabsichtigtes und gedachtes Unrecht an unserer Seele rächen, unbekümmert darum, ob sich die Welt für uns umgedreht hat oder nicht. Es sind nur die Inhalte des Urteils, die zeitlichen und örtlichen Bedingungen unterliegen und sich dementsprechend ändern. Die moralische Bewertung gründet sich immer auf den uns sicher erscheinenden Sittenkodex, der genau zu wissen vorgibt, was gut und was böse sei. Jetzt aber, da wir wissen, wie unsicher die Grundlage ist, wird die ethische Entscheidung zu einer subjektiven schöpferischen Tat, der wir uns nur concedente Deo versichern können, d. h. wir bedürfen eines spontanen und entscheidenden Anstoßes von selten des Unbewußten. Die Ethik, d. h. die Entscheidung zwischen Gut und Böse, ist davon nicht tangiert, sie ist nur erschwert. Nichts kann uns die Qual der ethischen Entscheidung ersparen. Aber man muß, so hart es auch klingen mag, die Freiheit haben, das bekannte moralisch Gute unter Umständen zu vermeiden und das als Böse Anerkannte zu tun, sollte es die ethische Entscheidung verlangen. Mit anderen Worten: man soll den Gegensätzen nicht verfallen. Gegenüber einer