solchen Einseitigkeit haben wir die Vorlage des neti-neti der indischen Philosophie in moralischer Gestalt. Damit wird der Sittenkodex gegebenenfalls unweigerlich aufgehoben und die ethische Entscheidung dem Individuum anheimgestellt. Das ist an sich nichts Neues, sondern hat sich in vorpsychologischer Zeit schon immer als «Pflichtenkollision» ereignet.
Das Individuum ist aber in der Regel dermaßen unbewußt, daß es seine eigenen Entscheidungsmöglichkeiten überhaupt nicht kennt und aus diesem Grunde sich immer wieder ängstlich nach äußeren Regeln und Gesetzen umsieht, an die es sich in seiner Ratlosigkeit halten könnte. Abgesehen von der allgemein menschlichen Unzulänglichkeit, liegt ein gutes Stück Schuld an der Erziehung, die sich ausschließlich nach dem ausrichtet, was man allgemein weiß, nicht aber von dem spricht, was persönliche Erfahrung des Einzelnen ist. So werden Idealismen gelehrt, von denen man meist mit Sicherheit weiß, daß man sie nie wird erfüllen können, und sie werden von Amts wegen von denen gepredigt, die wissen, daß sie selber sie nie erfüllt haben, noch je erfüllen werden. Diese Lage wird unbesehen hingenommen.
Wer also eine Antwort haben will auf das heute gestellte Problem des Bösen, der bedarf in erster Linie einer gründlichen Selbsterkenntnis, d. h. einer bestmöglichen Erkenntnis seiner Ganzheit. Er muß ohne Schonung wissen, wieviel des Guten er vermag und welcher Schandtaten er fähig ist, und er muß sich hüten, das eine für wirklich und das andere für Illusion zu halten. Es ist beides wahr als Möglichkeit, und er wird weder dem einen noch dem anderen ganz entgehen, wenn er - wie er es eigentlich von Hause aus müßte - ohne Selbstbelügung oder Selbsttäuschung leben will.
Von einem derartigen Erkenntnisgrad ist man aber im allgemeinen noch beinahe hoffnungslos weit entfernt, obschon die Möglichkeit einer tieferen Selbsterkenntnis bei vielen modernen Menschen durchaus vorhanden wäre. Solche Selbsterkenntnis wäre darum nötig, weil man nur auf Grund derselben jener Grundschicht oder jenem Kern menschlichen Wesens sich nähern kann, wo man auf die Instinkte stößt. Die Instinkte sind a priori vorhandene dynamische Faktoren, von denen die ethischen Entscheidungen unseres Bewußtseins letztlich abhängen. Es ist das Unbewußte und seine Inhalte, über das es kein endgültiges Urteil gibt. Man kann darüber nur Vorurteile haben, denn man vermag sein Wesen nicht erkennend zu umfassen und ihm rationale Grenzen zu setzen. Man er
reicht Naturerkenntnis nur durch bewußtseinserweiternde Wissenschaft, und so bedarf vertiefte Selbsterkenntnis auch der Wissenschaft, d. h. der Psychologie. Niemand baut ein Fernrohr oder Mikroskop sozusagen aus dem Handgelenk und aus gutem Willen allein, ohne Kenntnisse der Optik.
Wir bedürfen heute der Psychologie aus vitalen Gründen. Man steht perplex, verdummt und ratlos vor dem Phänomen des Nationalsozialismus und Bolschewismus, weil man nichts vom Menschen weiß, oder doch nur ein halbseitiges und entstelltes Bild von ihm hat. Hätten wir Selbsterkenntnis, so wäre das nicht der Fall. Vor uns steht die furchtbare Frage nach dem Bösen, und man weiß es nicht einmal, geschweige denn eine Antwort. Und wenn man es noch wüßte, so begreift man nicht, «wie das alles so kommen konnte». In genialer Naivität erklärt ein Staatsmann, er habe keine «Imagination im Bösen». Ganz richtig: man hat keine Imagination im Bösen, aber sie hat uns. Die einen wollen das nicht wissen, und die anderen sind identisch damit. Das ist die heutige psychologische Weltlage: die einen wähnen sich noch christlich und glauben, sie könnten das sogenannte Böse unter die Füße treten; die anderen aber sind ihm verfallen und sehen das Gute nicht mehr. Das Böse ist heute zu einer sichtbaren Großmacht geworden: die eine Hälfte der Menschheit stützt s ich auf eine von menschlichen Erklügelungen fabrizierte Doktrin; die andere Hälfte krankt am Mangel eines der Situation gewachsenen Mythus. Was die christlichen Völker betrifft, so ist ihr Christentum eingeschlafen und hat es versäumt, im Laufe der Jahrhunderte seinen Mythus weiter zu bauen. Es hat jenen, die den dunkeln Wachstumsregungen der mythischen Vorstellungen Ausdruck gaben, das Gehör versagt. Ein Gioacchino da Fiore, ein Meister Eckart, ein Jacob Boehme und viele andere sind für die Masse Dunkelmänner geblieben. Ein einziger Lichtblick ist Pius XII. und sein Dogma2. Aber man weiß nicht einmal, wovon ich rede, wenn ich solches sage. Man versteht nicht einmal, daß ein Mythus tot ist, wenn er nicht mehr lebt und sich nicht mehr weiter entwickelt. Unser Mythus ist stumm geworden und gibt keine Antwort. Der Fehler liegt nicht etwa an ihm, so wie er in der Hl. Schrift niedergelegt ist, sondern einzig und allein an uns, die ihn nicht weiter entwickelt, sondern sogar alle Versuche in dieser Hinsicht unterdrückt haben. In der ursprünglichen Fassung des Mythus
finden sich genügend Ansätze, die Entwicklungsmöglichkeiten in sich tragen. Christus wird z. B. das Wort in den Mund gelegt: «Seid klug wie die Schlangen und sanft wie die Tauben.» Wozu braucht man die Schlangenklugheit? Und wie verhält sie sich zur Taubenunschuld ? «So ihr nicht werdet wie die Kinder...» - Wer denkt daran, wie Kinder in Wirklichkeit sind? Mit welcher Moral begründet der Herr d ie Usurpation des Esels, dessen er bedarf, um in Jerusalem als Triumphator einzureiten? Und wer ist nachher schlechter Laune wie ein Kind und verflucht den Feigenbaum ? Was für eine Moral geht aus dem Gleichnis vom ungerechten Haushalter hervor und was für eine tiefe und für unsere Lage weittragende Erkenntnis aus dem apokryphen Herrenwort: «Mensch, wenn du weißt, was du tust, so bist du selig, weißt du es aber nicht, so bist du verflucht und ein Übertreter des Gesetzes 3»? Was heißt es schließlich, wenn ein Paulus bekennt: «Das Böse, das ich nicht will, das tue ich»? Die deutlichen Voraussagungen der allgemein als mißlich empfundenen Apokalypse will ich schon gar nicht erwähnen, weil sie keinen Kredit genießen.
2 Vgl. pag. 205 Fußnote 2.
Die einst von den Gnostikern aufgeworfene Frage: «Woher kommt das Böse?» hat in der christlichen Welt keine Antwort gefunden, und des Origenes leiser Gedanke von einer möglichen Erlösung des Teufels galt als Ketzerei. Heute aber haben wir Rede zu stehen und Antwort zu geben, und wir stehen da mit leeren Händen, verwundert und ratlos, und können uns nicht einmal klarmachen, daß uns kein Mythus zu Hilfe kommt, dessen wir doch so dringend bedürften. Man hat zwar infolge der politischen Lage sowohl wie der furchtbaren, ja dämonischen Erfolge der Wissenschaft heimliche Schauer und dumpfe Ahnungen, aber man weiß keinen Rat, und nur die wenigsten ziehen den Schluß, daß es diesmal um die längst vergessene Seele des Menschen geht.
Die Weiterentwicklung des Mythus sollte wohl dort anknüpfen, wo der Hl. Geist sich an die Apostel austeilte und sie zu Gottessöhnen machte, und nicht nur sie, sondern alle anderen, die durch sie und nach ihnen die filiatio, die Gotteskindschaft, empfingen und damit auch der Gewißheit teilhaftig wurden, daß sie nicht nur autochthone, erdentsprossene animalia waren, sondern als zweimal Geborene in der Gottheit selber wurzelten. Ihr sichtbares, körperliches Leben war von dieser Erde; ihr unsichtbarer innerer Mensch aber hatte seine Herkunft und seine Zukunft im Urbild der Ganzheit, im ewigen Vater, wie der Mythus der christlichen Heilsgeschichte lautet.
3 Codex Bezae ad Lucam-6, 4.
Wie der Schöpfer ganz ist, so soll auch sein Geschöpf, also sein Sohn, ganz sein. Von der Vorstellung der göttlichen Ganzheit läßt sich zwar nichts abstreifen; aber ohne daß Bewußtheit herrschte über das, was geschah, ergab sich eine Spaltung der Ganzheit. Es entstand ein helles und ein dunkles Reich. Dieses Ergebnis war, noch bevor Christus erschien, deutlich vorbereitet, wie man es unter anderem in Hiobs Erlebnis wahrnehmen kann oder in dem unmittelbar vorchristlichen und weitverbreiteten Buch Henoch. Auch im Christentum bestand diese metaphysische Spaltung ebenso deutlich weiter: Satan, der sich im Alten Testament noch in der unmittelbaren Gefolgschaft Jahwes befand, bildete nunmehr den diametralen und ewigen Gegensatz zur Gotteswelt. Er war nicht zu entwurzeln. Es ist deshalb nicht zu verwundern, daß schon am Anfang des 11. Jahrhunderts der Glaube aufkam, daß nicht Gott, sondern der Teufel die Welt geschaffen habe. Dies war der Auftakt zur zweiten Hälfte des christlichen Aeons, nachdem schon der Mythus vom Engelsturz erzählt hatte, daß es die gefallenen Engel gewesen seien, die den Menschen gefährliche Wissenschaft und Künste gelehrt hätten. Was hätten diese alten Erzähler wohl zu dem Anblick von Hiroshima gesagt?