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Die geniale Vision Jacob Boehmes hat die Gegensatznatur des Gottesbildes erkannt und damit am Weiterbau des Mythus gearbeitet. Das von Boeh me entworfene Mandalasymbol stellt den gespaltenen Gott dar, indem sein innerer Kreis sich in zwei Halbkreise trennt, welche Rücken zu Rücken stehen4.

Da nach den dogmatischen Voraussetzungen des Christentums Gott in jeder der drei trinitarischen Personen ganz ist, so ist Er auch ganz in jedem Teil des ausgegossenen Hl. Geistes. Auf diese Weise kann jeder Mensch des ganzen Gottes und damit der filiatio, der Gotteskindschaft, teilhaftig werden. Die complexio oppositorum des Gottesbildes tritt damit in den Menschen ein, und zwar nicht als Einheit, sondern als Konflikt, indem sich die dunkle Hälfte des Bildes an der bereits rezipierten Vorstellung stößt, daß Gott «licht» sei. Dieser Vorgang ist es, der sich in unserer Zeit abspielt, ohne von

4 Abgebildet in «Gestaltungen des Unbewußten», 1950, Tafel 3, in Ges. Werke IX/1, 1976, Figur l.

den zuständigen Lehrern der Menschen begriffen 211 werden, obwohl es ihre Aufgabe wäre, diese Dinge zu erkennen. Man ist zwar überzeugt davon, daß wir an einer bedeutsamen Wende der Zeiten stehen, meint aber, sie sei durch die Fission und Fusion des Atoms oder die Weltraumrakete herbeigeführt worden. Man übersieht, wie gewöhnlich, das, was gleichzeitig in der menschlichen Seele geschieht.

Insofern das Gottesbild vom psychologischen Standpunkt aus eine Veranschaulichung des Seelengrundes ist und jetzt anfängt, in Form einer tiefen Zerspaltung bewußt zu werden, welche sich bis in die Weltpolitik erstreckt, so macht sich auch schon eine psychische Kompensation bemerkbar. Sie tritt auf in Form von spontan erscheinenden kreisförmigen Einheitsbildern, welche eine Synthese der Gegensätze innerhalb der Psyche darstellen. Dazu gehört auch das weltweite Gerücht von «Unidentified Flying Objects», das frühestens 1945 seinen Anfang nahm. Es gründet sich entweder auf Visionen oder auf gewisse Realitäten. Die UFOs werden als fliegende Maschinen gedeutet, von denen man annimmt, daß sie entweder von anderen Planeten oder gar aus der «vierten Dimension» stammen.

Mehr als vierzig Jahre zuvor (1918) habe ich das Vorhandensein eines anscheinend zentralen Symbols ähnlicher Art bei meinen Untersuchungen des kollektiven Unbewußten entdeckt, nämlich das Mandalasymbol. Um meiner Sache sicher zu sein, habe ich mehr als ein Jahrzehnt lang weitere Beobachtungen gesammelt, bevor ich 1929 die Entdeckung versuchsweise zum ersten Mal publizierte5. Das Mandala ist ein archetypisches Bild, dessen Vorhandensein sich durch die Jahrtausende bestätigen läßt. Es bezeichnet die Ganzheit des Selbst oder veranschaulicht die Ganzheit des Seelengrundes mythisch ausgedrückt: die Erscheinung der im Menschen inkarnierten Gottheit. Im Gegensatz zum Boehmeschen Mandala strebt das moderne zur Einheit, d. h. es stellt eine Kompensation der Spaltung dar, bzw. eine antizipierte Überwindung derselben. Da dieser Vorgang im kollektiven Unbewußten stattfindet, so manifestiert er sich überall. Davon gibt auch das UFO-Gerücht Kunde; es ist das Symptom einer allgemein vorhandenen Disposition.

Insofern analytische Behandlung den «Schatten» bewußtmacht,

8 Jung-Wilhelm, «Das Geheimnis der Goldenen Blüte».

erzeugt sie eine Spaltung und Gegensatzspannung, welche ihrerseits einen Ausgleich in der Einheit suchen. Die Vermittlung geschieht durch Symbole. Die Auseinandersetzung zwischen den Gegensätzen geht an den Rand des Erträglichen, wenn man sie ernst nimmt oder wenn man von ihnen ernst genommen wird. Das «tertium non datur» der Logik bewährt sich: man kann keine Lösung sehen. Wenn alles gut geht, präsentiert sie sich dennoch spontan von Natur aus. Dann - und nur dann - ist sie überzeugend. Sie wird als das empfunden, was man «Gnade» nennt. Indem die Lösung aus der Auseinandersetzung und dem Kampf der Gegensätze hervorgeht, ist sie ein meist unergründliches Gemisch von bewußten und unbewußten Gegebenheiten und darum ein «Symbol» (eine auseinandergebrochene Münze, deren Hälften genau zusammenpassen) '. Es stellt das Resultat der Kooperation von Bewußtsein und Unbewußtem dar und erreicht die Analogie des Gottesbildes in der Form des Mandala, welches wohl der einfachste Entwurf einer Ganzheitsvorstellung ist und sich spontan der Imagination anbietet, um die Gegensätze, ihren Kampf und ihre Versöhnung in uns darzustellen. Die Auseinandersetzung, die zunächst rein persönlicher Natur ist, wird bald gefolgt von der Einsicht, daß der subjektive Gegensatz nur ein Einzelfall der Weltgegensätze überhaupt ist. Unsere Psyche ist von der Weltstruktur her angelegt, und was im Großen geschieht, ereignet sich auch im Kleinsten und Subjektivsten der Seele. Darum ist das Gottesbild immer eine Projektion der inneren Erfahrung eines mächtigen Gegenüber. Dieses wird veranschaulicht durch Gegenstände, von denen die innere Erfahrung ihren Ausgang genommen hat, und die von da an numi-nose Bedeutung bewahren, oder es ist charakterisiert durch seine Numinosität und deren überwältigende Kraft. In diesem Fall, befreit sich die Imagination von der bloßen Gegenständlichkeit und versucht das Bild eines Unsichtbaren, hinter der Erscheinung Stehenden, zu entwerfen. Ich denke hier an die einfachste Grundform des Mandala, die Kreisform und die einfachste (gedankliche) Kreisteilung, das Quadrat, bzw. das Kreuz.

Solche Erfahrungen haben einen hilfreichen oder vernichtenden Einfluß auf den Menschen. Er kann sie nicht begreifen, ergreifen,

Eine der Bedeutungen von «symbolon» ist die «tessera hospitalitatis», die zerbrochene Münze, deren Hälften nach antiker Sitte zwei Freunde bei einer Trennung mit sich nahmen.

beherrschen, kann sich nicht von ihnen befreien oder loskommen und empfindet sie daher als relativ übermächtig. In der richtigen Erkenntnis, daß sie nicht seiner bewußten Persönlichkeit entspringen, bezeichnet er sie als Mana, Dämon oder Gott. Die wissenschaftliche Erkenntnis bedient sich des Terminus «das Unbewußte» und gibt damit Zu, daß sie darüber nichts weiß, denn sie kann über die Substanz der Psyche darum nichts wissen, weil sie ja nur mittels der Psyche überhaupt erkennen kann. Darum kann man die Gültigkeit der Bezeichnung als Mana, Dämon oder Gott weder bestreiten noch bejahen, wohl aber kann man feststellen, daß das mit der Erfahrung eines Objektiven verbundene Fremdheitsgefühl authentisch ist.

Wir wissen, daß das Unbekannte, Fremde uns geschieht; so wie wir wissen, daß wir einen Traum oder einen Einfall nicht machen, sondern daß er irgendwie von sich aus entsteht. Was uns auf diese Weise zustößt, kann man als Wirkung bezeichnen, die von einem Mana, einem Dämon, von Gott oder vom Unbewußten ausgeht. Erstere drei Bezeichnungen haben den großen Vorteil, daß sie die emotionale Qualität des Numinosen umschließen und evozieren, während letztere - das Unbewußte - banal und darum wirklichkeitsnäher ist. Dieser Begriff schließt die Erfahrbarkeit, d. h. die tagtägliche Wirklichkeit, so wie sie uns bekannt und zugänglich ist, ein. Das Unbewußte ist ein zu neutraler und rationaler Begriff, als daß er sich der Imagination praktisch als hilfreich erweisen würde. Er ist eben für wissenschaftliche Verwendung geprägt und ist für leidenschaftslose Betrachtung, die keine metaphysischen Ansprüche erhebt, viel besser geeignet als transzendente Begriffe, welche anfechtbar sind und darum zu einem gewissen Fanatismus verführen.