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Zwei werden an einer Mühle arbeiten,

die eine wird mitgenommen,

die andere wird zurückgelassen!209

Dies Gericht mußte tief beunruhigen. jeder einzelne mußte sich fragen: Was soll ich tun? Wie kann ich bestehen? Nach Jesus gab es nur einen Maßstab im Gericht: ob man anderen Menschen geholfen hatte oder nicht. Am Ende würde der »Mensch« alle Völker richten – und er würde nicht fragen, welche Religion oder Philosophie oder Hautfarbe man hat. Er würde zu denen, die im Gericht bestehen, sagen:

Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters

und erbt die Herrschaft!

Denn ich war hungrig und ihr habt mir

zu essen gegeben.

Ich war durstig, und ihr habt mir

zu trinken gegeben.

Ich war fremd, und ihr habt mich beherbergt.

Ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet.

Ich war krank, und ihr habt mich gepflegt.

Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht.210

Zweifellos: Jesus drohte wie alle Propheten. Aber er tat es auf eine eigentümliche Weise. Er drohte nicht mit dem Gericht Gottes, sondern mit dem Gericht eines geheimnisvollen »Menschen«. Keiner war sicher, vor ihm zu bestehen. Aber jeder hatte eine Chance. Denn der Richter legte als einzigen Maßstab an, ob man anderen Menschen geholfen hatte, nicht um im Gericht belohnt zu werden, nicht, weil man diesem geheimnisvollen »Menschen« dienen wollte, sondern nur, um zu helfen. Die Gerechten würden nämlich erstaunt im Gericht antworten:

Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und gespeist?

Wann haben wir dich durstig gesehen und getränkt?

Wann sahen wir dich als Fremden und haben dich beherbergt?

Wann sahen wir dich nackt und haben dich gekleidet?

Wann sahen wir dich krank oder im Gefängnis

und haben dich besucht?

Und der König würde antworten und sagen:

Wahrlich ich sage euch:

Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt,

das habt ihr mir getan.

Konnte man das einem Römer klarmachen? Konnte man ihm verständlich machen, was selbst viele in unserem Volk nicht verstanden? Würden sich die Römer nicht tief beunruhigt fühlen, wenn sie hörten: Ein »Mensch« werde über alle Menschen richten – auch über die Römer! Ein »Mensch« werde jede Verletzung, jede Erniedrigung und Unterdrückung der Menschen so richten, als wäre sie ihm widerfahren? Es war klar: Diese Gerichtspredigt Jesu mußte vor den Römern verheimlicht werden.

Und wie war es mit den Verheißungen? Wie die meisten Propheten versprach Jesus eine Wende zum Besseren und machte Hoffnung. Viele glaubten damals, Ungerechtigkeit und Elend zeigten, daß Gott seine Herrschaft über die Welt an den Satan abgetreten habe. Das Böse herrschte in der Welt. Es stecke hinter den vielen Besessenen, die kein menschenwürdiges Leben führen könnten. Es stecke hinter der Unterdrückung durch fremde Soldaten. Es stecke hinter allem, was dem Menschen Schaden zufügt. Jesus aber machte Hoffnung, daß die Herrschaft des Bösen überwunden wird. Er sagte:

Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen.

Und siehe: Ich gebe euch Macht,

auf Schlangen und Skorpione zu treten

und jede Macht des Bösen -

und nichts kann euch Schaden zufügen.211

Die meisten Menschen waren wie gebannt vom Bösen. Sie sagten: Ist nicht die Welt voll Kampf und Krieg? Zeigen die Kriege nicht, daß das Böse herrscht? Jesus aber gab eine andere Deutung. In der Welt kämpfe das Böse mit dem Bösen. Eben das sei ein Zeichen, daß das Böse zugrunde gehe.

Wenn ein Reich in sich gespalten ist,

wie kann jenes Reich sich behaupten?

Und wenn ein Haus in sich gespalten ist,

wie kann jenes Haus bestehen?

Und wenn sich der Böse gegen den Bösen auflehnt

und mit sich entzweit ist,

so kann er nicht bestehen

und es hat ein Ende mit ihm!212

An die Stelle der Herrschaft des Bösen werde die Gottesherrschaft treten: Sie verwirkliche sich, wo das Böse seine Macht über Menschen verliert, wo Dämonen ausgetrieben und Kranke gesund, wo Hungernde satt und Verzweifelte getröstet werden. Sie beginne, wo Menschen alles liegenlassen, um sich auf diese große Wende einzustellen.

Denn die Gottesherrschaft ist wie ein verborgener

Schatz im Acker, den ein Mensch findet,

und er verbirgt ihn. Voll Freude geht er hin

und verkauft alles, was er hat, und kauft jenen Acker.

Es verhält sich mit ihm wie mit einem Kaufmann,

der gute Perlen sucht. Als er eine überaus

kostbare Perle findet, geht er hin und verkauft

alles, was er hat, und kauft sie.213

Jesus war mehr als ein Wanderphilosoph und Dichter. Jesus war ein Prophet, ein einzigartiger Prophet. Die meisten drohen mit dem Gericht Gottes, weil geltende Maßstäbe verletzt werden. Bei Jesus war das anders. Bei ihm sollten Menschen zur Herrschaft kommen, die nach geltenden Maßstäben nichts wert waren: Kinder, Fremde, Arme, Sanfte und Kastrierte. Hier sollte nur ein Maßstab gelten: Wie man sich gegenüber diesen Menschen verhalten hat, ja gegenüber allen, die auf Hilfe angewiesen sind. Jesus war ein einzigartiger Prophet.

Oder war Jesus mehr als ein Prophet? Hatte sich Jesus nicht mit dem Propheten Jona und dem Weisheitslehrer Salomo verglichen und gesagt: Hier ist mehr als Jona! Hier ist mehr als Salomo!214 Hatte er nicht glücklich die gepriesen, die erlebten, was Propheten und Könige ersehnt hatten?215 Mußte das, was sie ersehnt hatten, nicht alle Propheten und Könige übertreffen? Stimmte also das Wort Jesu: Gesetz und Propheten gelten bis Johannes. Von da an wird die Gottesherrschaft erobert?216 Begann mit Jesus etwas Neues, das selbst die Propheten übertraf?

Das Volk raunte sich zu: Er ist der Messias! Konnte er der Messias sein? Nichts deutete darauf hin, daß er die Römer mit Gewalt vertreiben wollte! Aber strebte er nicht nach der Herrschaft? Nur weniges war durchgesickert. Er muß seinen Jüngern tatsächlich versprochen haben, daß sie auf zwölf Thronen sitzend mit ihm zusammen Israel regieren würden!217 Gerüchtweise hatte ich auch gehört, es habe ein Gerangel im Jüngerkreis darüber gegeben, wer die Ehrenplätze zu seiner Rechten und Linken einnehmen durfte.218 Aber Jesus habe solche Überlegungen schroff zurückgewiesen. In der neuen Herrschaft Gottes gebe es keine Hierarchie. Wer der erste dort sein wolle, sei der Sklave aller! Wohl aber gebe es ein wiederhergestelltes Volk: Die zwölf Stämme Israels würden wieder gesammelt. Sie würden – zusammen mit den Heiden – von allen vier Windrichtungen nach Palästina strömen. Ein neuer Tempel würde im Mittelpunkt des Reiches stehen. Es würde ein großes Freudenmahl geben. Die Armen würden reich, die Hungernden satt, die Trauernden voll Freude sein.