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Dies und ähnliches raunte man sich zu. Aber es blieb geheimnisvoll. Klar war nur: Jesus würde bei der großen Wende mit seinen Jüngern eine entscheidende Rolle spielen. Vielleicht würde er jener Menschensohn sein, von dem er hin und wieder sprach. Jetzt zog er mit seiner Schar durch das Land wie die Partisanentruppe eines anderen Reiches. Einmal nannte er seine Jünger sogar Räuber, die mit Gewalt die Gottesherrschaft an sich rissen.219 Kein Wunder: Für das Volk war er in die Rolle des Messias getreten!

Ich aber wollte ihn nur als Wanderphilosophen und Dichter den Römern vorstellen! Ich wollte den Propheten verbergen, ganz zu schweigen von jener Gestalt, die Jesus in den Sehnsüchten und Hoffnungen des Volkes geworden war! Aber wenn er nun als Prophet auftrat? Wenn die Römer ihn anders kennenlernen sollten, als ich ihn dargestellt hatte?

Welche Rolle spielte er wirklich? Es blieb ein Geheimnis. Wüßte ich wenigstens, welche Rolle er in meinem Leben einnahm? Schon lange war er nicht mehr nur das Untersuchungsobjekt meiner Nachforschungen. Sonst wäre mir der Gedanke nicht so unerträglich, er könne durch meine Nachforschungen in die Hände der Römer fallen – genauso unerträglich wie die Vorstellung, ich könnte durch meine Tätigkeit Barabbas gefährden. Mit beiden hätte ich ein Stück meiner selbst verraten und ausgeliefert!

Was suchte ich eigentlich bei Jesus? Bei meiner Lektüre griechischer und römischer Literatur war mir der Gedanke gekommen: Vielleicht suche ich tatsächlich eine Lehre für alle Menschen, für Juden und Heiden. Bot Jesus nicht solch eine Lehre? War nicht auch Griechen verständlich, was er als Wanderphilosoph verkündigte? Und verstanden nicht auch die Römer, was er als Dichter erzählte? Lag vielleicht eine Absicht dahinter, wenn Jesus die Gebote relativierte, die uns von anderen Völkern trennen: die Sabbat- und Reinheitsgebote? Und wenn er gleichzeitig Gebote verschärfte, die uns mit allen verbinden: das Verbot des Tötens, der Untreue, des Meineids? Dieser Prophet war verständlich für alle, aber er war tief in unserem Volk verwurzelt. Alles was er sagte und tat, geschah im Namen Gottes, der die Schwachen und Ausgestoßenen erwählt hatte und mächtiger als Pharaonen und Herrscher war!

Konnte Jesus meine Probleme lösen? Probleme, die alle aus Vorurteilen und Spannungen zwischen Juden und Heiden entstanden! Lebte ich nicht auf der Grenze zwischen den Fronten? Irgendwo zwischen Pilatus und Barabbas? Zwischen Heiden und Juden? In diesem Grenzgebiet war ich in demütigende Abhängigkeit von den Römern geraten. Begegnete mir Jesus nicht gerade in diesem Grenzgebiet – als ein freier Mensch, der sich selbst und seinem Volk treu blieb?

Oder gab es auch bei ihm die Gefahr, daß sich einmal Leute auf ihn berufen würden, die nur den Wanderphilosophen und Dichter sahen? Die nur sahen, was leicht über die Grenze unseres Volkes hinaus wirken konnte? Die Jesus gegen unser Volk ausspielen würden? Die nicht mehr sehen wollten, daß er der Prophet eines unterdrückten Volkes war!

Zum Glück mußte ich all diese Fragen nicht auf einmal klären. Jetzt ging es nur darum, einen realistischen, aber harmlosen Bericht über Jesus an die Römer zu schicken. Da mir bewußt war, daß ich nur die halbe Wahrheit sagte, fügte ich ein kurzes Schreiben an Metilius zu meinen Berichten, in dem ich beiläufig erklärte, mein Bericht sei ein Zwischenergebnis. Man könne noch mehr über Jesus sagen. Dann versiegelte ich Berichte und Briefe. Es traf sich gut, daß Baruch den Wunsch geäußert hatte, das Passafest in Jerusalem zu besuchen. Ihm konnte ich die Briefe an Metilius mitgeben. Er mochte glauben, es handle sich um Geschäftsbriefe, in denen über die nächsten Kornlieferungen an die römischen Kohorten verhandelt würde.

Baruch bat um einen längeren Urlaub. Er hatte ein paar Wochen meine Arbeit getan, als ich mich durch Lektüre vieler Bücher gebildet hatte. Er war effektiv gewesen. Aber ich merkte, daß seine Gedanken woanders waren.

»Wenn man als Essener einmal gelernt hat, den Reichtum zu verachten, fällt es schwer, Reichtum zu vermehren«, seufzte er.

Ich merkte in meinen Gesprächen mit ihm, wie sehr er seine Gemeinschaft vermißte. Er wußte, daß sie ihn jetzt nie mehr aufnehmen würden. Er war ausgeschlossen. Aber er hatte noch keine neue Heimat gefunden. Auch nicht in unserer Familie.

Lieber Herr Kratzinger,

 

Sie machen mich auf einen interessanten Punkt aufmerksam: Andreas muß aus taktischen Gründen die »Einzigartigkeit« Jesu herunterspielen. Nun ist diese nach dem »Differenzkriterium« ausschlaggebend für die Unterscheidung von echter und unechter Jesusüberlieferung. Hätte ich Jesu Unvergleichlichkeit nicht von Anfang an stärker herausarbeiten müssen, anstatt seine Verkündigung durch viele Analogien zu relativieren?

Ich zweifle, daß das Differenzkriterium praktikabel ist. Wenn wir bei einem Jesuswort keine Abhängigkeit von jüdischen Traditionen erkennen können, folgt daraus nicht, daß es sie nicht gegeben hat. Jesus könnte von mündlichen Traditionen beeinflußt sein. Oder von Traditionen, die in verschollenen Schriften enthalten sind.

Das Differenzkriterium vernachlässigt zudem alles, was Jesus mit dem Judentum gemeinsam hat, als sei er – im Unterschied zu anderen Menschen – nicht aus seinem geschichtlichen Umfeld heraus zu verstehen. Das »Unableitbarkeitskriterium« (wie man das Differenzkriterium auch genannt hat) ist verkappte Dogmatik: Jesus scheint direkt aus dem Himmel ableitbar zu sein. Und diese Dogmatik hat antijüdischen Akzent: Unableitbar ist, was Jesus in Gegensatz zum Judentum bringt.

Lassen Sie mich daher das Differenzkriterium umformulieren: Anspruch auf Echtheit haben Jesustraditionen, wenn sie im Rahmen des damaligen Judentums historisch möglich sind, aber zugleich einen besonderen Akzent haben, der verständlich macht, daß sich später das Urchristentum aus dem Judentum heraus entwickelt hat. Nicht nur Jesus, das ganze Urchristentum ist aus dem Judentum »ableitbar«.

Im übrigen haben Sie recht, wenn Sie vermuten, daß die »Tamung« Jesu als harmloser Wanderphilosoph und Bauerndichter auch »harmlose« moderne Jesusbilder kritisieren soll.

Ihr Echo war sehr erhellend. Ich freue mich auf Ihren nächsten Brief.

 

Herzlich Ihr

Gerd Theißen

15. KAPITEL

Tempel- und Sozialreform

Ein paar Tage, nachdem Baruch mit dem Bericht für Metilius aufgebrochen war, erreichte mich eine Nachricht, die alles veränderte. Ich mußte selbst so schnell wie möglich nach Jerusalem. Barabbas war zusammen mit zwei Zeloten inhaftiert worden. Bei der Festnahme hatten sie sich gewehrt. Ein römischer Soldat war schwer verwundet worden und seinen Verletzungen erlegen. Ich mußte sofort nach Jerusalem. Vielleicht konnte ich etwas für Barabbas tun, wenn ich bei Metilius Bericht erstattete. Ich mußte ihm helfen, ich verdankte ihm mein Leben.

Mit Timon und Malchos zog ich durch Samarien nach Judäa, ohne den Umweg über Peräa, den Baruch genommen hatte.220 Ich wollte möglichst schnell vorwärts kommen, um noch vor dem Passa in Jerusalem zu sein.

Während der Reise grübelte ich, wie ich Barabbas helfen könnte. Sollte ich ihn als einen der Besonnenen unter den Zeloten hinstellen, den man schonen müsse? Sollte ich berichten, wie er für mich eingetreten war? Oder war es besser, von all dem zu schweigen? War es besser, sich für alle drei gefangenen Zeloten einzusetzen und meine Beziehungen zu Barabbas im Dunkeln zu lassen? Aber würden die Römer nicht in jedem Fall zur Vergeltung für den gestorbenen römischen Soldaten die Täter hinrichten? Hatten meine Bemühungen überhaupt Aussicht auf Erfolg? Diese Gedanken bewegten mich drei Tage lang auf dem Weg von Galiläa nach Jerusalem. Schließlich hatte ich eine Idee.

Sobald wir in Jerusalem angekommen waren, ließ ich mich bei Metilius anmelden. Er empfing mich in seinem Amtszimmer im Prätorium. Bei den Römern herrschte Alarmstimmung. Metilius machte einen gespannten Eindruck. Aber er begrüßte mich wie einen alten Bekannten.