»Du kommst gerade richtig. Wir müssen uns dringend mit diesem Jesus von Nazareth beschäftigen. Ich habe alles gelesen, was du geschrieben hast. Aber jetzt ist wieder etwas Neues geschehen, ein Zwischenfall im Tempelvorhof. Hast du schon gehört?«
»Ich bin gerade in Jerusalem eingetroffen!«
»Gestern hat Jesus den Tempelbetrieb gestört.«
Metilius ging unruhig auf und ab.
»Unsere Soldaten im Tempelvorhof berichten: Jesus sei mit einigen Anhängern in den Tempelhof gekommen, der Juden und Heiden zugänglich ist. Dort habe er für Aufregung gesorgt, indem er Opfertierverkäufer wegjagte, Tische umstieß und Handwerker daran hinderte, Geräte durch den Tempel zu tragen. Es war nur ein kleiner Zwischenfall. Unsere Soldaten haben seit der Geschichte mit dem Aquaedukt die Weisung, sich zurückzuhalten und jede Provokation zu vermeiden. Die jüdischen Tempelbehörden scheinen die Sache einigermaßen im Griff zu haben. Wenigstens kam es nach dem Zwischenfall noch zu Diskussionen zwischen ihnen und Jesus.«221
Ich überlegte fieberhaft, wie ich diesen Zwischenfall als ruppiges Auftreten eines Wanderphilosophen »verkaufen« könnte. Schon um meiner Glaubwürdigkeit willen mußte ich es versuchen:
»Wahrscheinlich hatten die provokativen Handlungen vor allem den Zweck, Diskussionen mit den Tempelbehörden zu ermöglichen. Wanderphilosophen greifen manchmal zu spektakulären Mitteln, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen!«
»Möglich! Aber ich muß der Sache nachgehen. Denn es ist nicht der einzige Zwischenfall in letzter Zeit. Vor kurzem haben wir ein paar Zeloten erwischt, die ganz gewiß nicht harmlos waren.«
Bestimmt meinte er die Inhaftierung des Barabbas und seiner beiden Genossen. Hier konnte ich ihm wahrheitsgemäß versichern, daß kein Zusammenhang mit dem Vorfall im Tempel vorlag. Aber zunächst fragte ich:
»Gibt es Erkenntnisse über einen Zusammenhang zwischen Jesus und diesen Zeloten?«
»Eben darüber möchte ich mich mit dir unterhalten. Was meinst du?«
Ich überlegte einen Moment, dann sagte ich: »Die Aktivität der Zeloten richtet sich gegen die Römer, der Zwischenfall im Tempel wendet sich gegen jüdische Instanzen.«
»Dennoch könnte ein Zusammenhang bestehen: Die Zeloten kämpfen ja auch gegen die mit dem Tempel verbundene Aristokratie. Kritik am Tempel ist Kritik an der Tempel-Aristokratie! Zumindest kann es diesen Terroristen nur recht sein, wenn die Hohenpriester Schwierigkeiten bekommen!«
»Und welchen Sinn soll diese Aktion im Tempel gehabt haben?«
Metilius blieb stehen, zuckte die Achseln und sagte: »Ich habe nur Vermutungen.
Erstens: Jesus hindert Handwerker daran, Arbeitsgeräte durch den Tempel zu tragen. Das ist ein Protest gegen den Weiterbau am Tempel. An ihm wird jetzt ein halbes Jahrhundert gebaut. Und noch immer ist er nicht fertig. Vielleicht lehnt Jesus den Bau dieses Tempels ab.
Zweitens: Jesus stürzt Tische um. Will er sagen: Ebenso soll der Tempel ›umstürzen‹ und ›zusammenbrechen‹? Kündigt er eine Zerstörung des Tempels an? Auf jeden Fall spüre ich in dieser Handlung eine starke Aggression gegen den Tempel.
Drittens: Er hindert Geldwechsler und Opfertierverkäufer an ihrem Geschäft. Mit dem eingetauschten Geld kauft man sich Opfertiere. Ohne diese Geschäfte gäbe es keinen Opferkult. Ist Jesus also gegen blutige Opfer? Ist er grundsätzlich gegen den Tempel? Denn wozu ist er noch da, wenn man nicht in ihm opfern kann?
Wie gesagt: Das alles sind Vermutungen.«
Wie immer war Metilius scharfsinnig. Hatte er nicht recht? Und das, obwohl er die Weissagung Jesu nicht kannte, daß der bestehende Tempel zerstört werden wird, um einem neuen, nicht von Händen gemachten Tempel zu weichen.222 Der Zwischenfall im Tempel mußte mit dieser Prophetie in Verbindung stehen: Diese Tempelreinigung war wahrscheinlich eine jener symbolischen Handlungen, mit denen unsere Propheten ihre Weissagungen veranschaulichen. Um so mehr lag mir daran, dem Ganzen eine harmlosere Deutung zu geben. Und so sagte ich:
»Ich bezweifle, daß Jesus den Tempelkult abschaffen will. Wahrscheinlich will er nur einige Mißstände beseitigen: Vor allem die Verquickung von Tempel und Geschäft. Daher sein Vorgehen gegen Verkäufer und Handwerker! Gegen alle, die am Tempel verdienen! Er will, daß der Tempel ohne Geld zugänglich ist. Das entspricht seinem Eintreten für arme Leute!«
Metilius schüttelte den Kopf. Er war nicht ganz überzeugt: »Ich muß dir noch erzählen, was ich über die Diskussion im Anschluß an diesen Zwischenfall erfahren konnte. Jesus wurde zur Rede gestellt. Er solle sagen, mit welchem Recht er den Tempelbetrieb störe. Er antwortete mit einer Gegenfrage: Die Vertreter des Tempels sollten antworten, ob hinter der Taufe des Johannes Gott stünde oder nicht.«
»Und welche Antwort bekam er?«
»Keine. Seine Gegner schwiegen. Darauf erklärte er: Wenn ihr nicht sagt, ob hinter dem Täufer Gott steht oder nicht – sage ich euch auch nicht, mit welcher Berechtigung ich den Tempelbetrieb störe!«223
»Vielleicht wollte er sich so einer unangenehmen Frage entziehen?«
»Ich habe eine andere Ansicht. Du hast mir einmal erklärt, welche Bedeutung der Tempel für euer Volk und die ganze Gesellschaft hat: Er beseitigt die Sünden des Volkes durch Opfer. Der Täufer bietet Sündenvergebung durch seine Taufe an. Angenommen die Tempelbeamten hätten eingeräumt, die Taufe stamme von Gott, so hätten sie sich die Frage gefallen lassen müssen: Warum vollzieht ihr dann noch Opfer zur Vergebung der Sünden? Warum laßt ihr Tiere sterben? Warum geht ihr nicht zum Jordan und bringt euch gewissermaßen selbst zum Opfer: durch Untertauchen ins Wasser! Kurz: Ich glaube, Jesus will im Grunde den Tempel in seiner jetzigen Bedeutung abschaffen! Wer die Meinung vertritt, daß Sündenvergebung auch unabhängig vom Tempel erlangt werden kann, hat dessen Stellung untergraben!«
»Möglicherweise hast du recht. Eine Reihe von Wanderphilosophen, besonders aus der Schule der Pythagoräer, verwerfen die blutigen Opfer!«
»Wenn meine Deutung richtig ist, wäre Jesus nur eine Bedrohung für den Tempeclass="underline" für die mit ihm verbundenen Hohenpriester und für das Jerusalemer Volk – aber nicht für die Römer. Aus innerreligiösen Streitfragen wollen wir uns heraushalten. Aber ich muß der Frage nachgehen, ob es Verbindungen zu den Zeloten gibt. Warum werden etwa gleichzeitig Zeloten in Jerusalem aktiv? Hast du etwas herausbekommen über Beziehungen zwischen Jesus und den Zeloten?«
Auf diese Frage war ich gefaßt. Auf dem Hinweg hatte ich mir genau überlegt, was ich zu sagen hatte: »Nach meinen Informationen«, so begann ich, »befänden sich unter den Leuten, die mit Jesus von Ort zu Ort zögen, ein Zelot, möglicherweise sogar zwei weitere. Bei einem Anhänger namens Simon dem Zeloten sei das aufgrund des Beinamens sicher, bei einem anderen, Judas Iskarioth, möglich. Denn Iskarioth könne Entsprechung zu sicarius sein.224 Schließlich sei auch ein Simon Barjona verdächtig. Manche nennen nämlich die Zeloten Barjonim, d.h. Leute, die sich in wüsten Gebieten herumtreiben. Jedoch ließen die Beinamen des Judas und Simon auch andere Deutungen zu.«225
Metilius fühlte sich bestätigt.
»Es gibt also Verbindungen zwischen Jesus und den Zeloten.«
Mit dieser Reaktion hatte ich gerechnet und antwortete: »Ich bin der Sache nachgegangen und zu einem überraschenden Ergebnis gekommen. Zunächst wurde ich stutzig, weil sich unter den unmittelbaren Anhängern Jesu auch ein Zöllner namens Levi befindet, also einer jener verhaßten Zollpächter und Steuereintreiber, die von den Zeloten bekämpft werden. Zweitens überlegte ich: Wenn unter den Anhängern Jesu einer den Beinamen ›Zelot‹ trägt, kann man mit Sicherheit erschließen, daß nicht alle Zeloten sind – sonst wäre es sinnlos, einen durch diesen Beinamen von anderen zu unterscheiden.«
»Aber das widerlegt nicht meinen Verdacht!« meinte Metilius.