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Das Gespräch mit Metilius brachte ein positives Ergebnis für mich: Ich hoffte, mit der Versetzung des Metilius keine Aufträge mehr von den Römern zu bekommen. Irgendwann würde auch Pilatus abberufen werden. Vielleicht schon bald, wenn er sich in all den kleinen und großen Konflikten nicht behauptete. Dann würde ich endgültig frei sein.

Lieber Herr Kratzinger,

 

das letzte Kapitel enthält in Ihren Augen sehr unterschiedliche Abschnitte: Auf der einen Seite eine nüchterne Analyse der möglichen Faktoren, die zur Hinrichtung Jesu geführt haben; auf der anderen eine Deutung des Osterglaubens durch den Gedanken der »Schöpfung aus dem Nichts«. Sie haben recht, daß ich damit nicht nur einen Glauben der Vergangenheit darstellen, sondern ihn für die Gegenwart interpretieren will.

Freilich ist der Gedanke einer Schöpfung aus dem Nichts schon seit dem 2. Jh. v.Chr. belegbar. Er findet sich zuerst in 2Makk 7,28. Philo ist mit ihm vertraut. Paulus setzt ihn voraus (Röm 4,17); ja, er deutet in 2Kor 4,17 wahrscheinlich seine »Erscheinung« vor Damaskus mit Bildern des Schöpfungsglaubens.

Ich gebe gerne zu, daß ich diese Abschnitte über Schöpfung und Auferstehung nicht ohne Kenntnis der dänischen »Schöpfungstheologie« hätte schreiben können. Hier habe ich gelernt, daß Existenz und Nichtexistenz, Schöpfung und Vernichtung in der Zeit jederzeit gegenwärtig sind. Wir kreisen hier um dasselbe Geheimnis, das alle Theologen und Philosophen beschäftigt, die die Frage umtreibt: Warum ist überhaupt etwas und nicht nichts? Diesem Geheimnis begegnen wir im Osterglauben!

Meine »narrative Exegese« geht hier über in »narrative Hermeneutik«. D.h. es geht mir nicht nur um die Bedeutung, die man einmal dem Osterglauben beigelegt hat, sondern um eine Bedeutung, die wir ihm heute abgewinnen können.

 

Herzlich

Ihr

Gerd Theißen

18. KAPITEL

Der Traum vom Menschen

Im Gespräch mit Metilius hatte ich erkannt: Jede Gruppe und jeder Mensch sucht sich auf Kosten anderer zu behaupten. Jeder hat gelernt, daß wir die Schwachen schonen müssen. Aber in Konflikten sind wir bereit, andere für uns zu opfern – aus Angst, selbst zugrundezugehen.

Dieser Meinung war der Staatsrat gewesen: Es sei besser, ein Mensch sterbe, als wenn das ganze Volk seine Selbständigkeit verlöre. Sie opferten den einen Menschen im Interesse des Ganzen. 256

Pilatus handelte nach derselben Devise: Besser ein anderer stirbt, als daß die eigene Herrschaft bedroht würde. Er hatte Angst, wenn er Jesus nicht umbrächte, würde er die nächste messianische Bewegung nicht unter Kontrolle halten können.

Das Volk dachte nicht anders: Um seine Interessen zu wahren, verlangte es die Kreuzigung Jesu. Es fürchtete den wirtschaftlichen Ruin, wenn Tempel und Stadt nicht mehr als heilige Stätten galten, zu denen Pilger aus aller Welt strömten.

Auch Barabbas hatte von diesem Gesetz Nutzen gehabt. Ein anderer war an seiner Stelle gestorben.

Und so sah ich alle darin verwickelt, ihr Überleben auf Kosten anderer zu sichern – auf Kosten der Ausgestoßenen und Verurteilten.

Gewiß, mir war in diesem grausamen Spiel nur eine Nebenrolle zugefallen. Aber diese Erkenntnis entlastete nur wenig. Waren wir nicht alle wie Tiere, die auf Kosten schwächerer Artgenossen leben? Ja, setzen wir nicht untereinander jenes Fressen und Gefressenwerden fort, das wir in der Natur meist zwischen verschiedenen Arten beobachten? Jeder lebt, indem er andere verdrängt. Niemand kann sich dem entziehen. Und doch würde ich es nie akzeptieren. Auch wenn man mir tausendmal nachwiese, daß Gott diese Welt nun einmal so eingerichtet hätte! Niemals würde ich mich damit abfinden!

Ein Ekel überkam mich, daß ich an diesem Spiel beteiligt war, Abscheu darüber, daß ich mich weiterhin an ihm beteiligen sollte. Ich sah keinen Ausweg, es sei denn, man könnte die Grundordnung der Welt ändern! Eben noch hatte ich bei Metilius davon gesprochen. Aber jetzt schien mir der Gedanke absurd! Wer sollte denn diese Änderung vollbringen? Sollten wir Menschen die Schöpfung revidieren? War von Gott zu erwarten, daß er sie neu konstruierte?

Ich war in unser Haus zurückgekehrt. Meine Gedanken verfinsterten sich. Ergebnislos grübelte ich vor mich hin.

In dieser Stimmung war ich, als ich am Abend Besuch bekam: Baruch stand vor der Tür. Fast ein halbes Jahr hatten wir uns nicht gesehen. Er kam im rechten Augenblick. Meine Tätigkeit für die Römer hatte wenigstens etwas Gutes bewirkt: Ich hatte Baruch für das Leben zurückgewinnen können. Ich hatte ihn als menschliches Wrack gefunden. Jetzt stand er gesund vor mir. Diesmal war ich es, der desorientiert, verirrt und verlaufen war!

Wir setzten uns ins Oberzimmer. Es war dunkel geworden. Ein Öllämpchen gab Licht. Baruch erzählte: Er habe mich in Sepphoris gesucht, sei mir dann nachgereist. Von zu Hause habe er einen versiegelten Brief mitgebracht, der dort von Fremden für mich abgegeben worden sei. Alles weitere sprudelte unzusammenhängend aus ihm heraus: In Jerusalem habe er sich einer neuen Kommune angeschlossen. Sie lebten im Untergrund. Sie hätten allen Besitz gemeinsam. Die Hungernden würden satt, die Trauernden getröstet. Mann und Frau, Freie und Sklaven hätten gleiche Rechte. 257

War Baruch erneut von einer Sekte abhängig geworden? War ich auch hier erfolglos gewesen? Doch ich hörte nur halb zu. Etwas anderes hatte meine Aufmerksamkeit gefesselt. Ich glaubte, die Handschrift auf der Außenseite des Briefes erkannt zu haben. War es ein Brief von Barabbas? Aufgeregt brach ich das Siegel.

Baruch redete weiter. Er erzählte und erzählte. Von gemeinsamen Mahlzeiten. Von Freude und Liebe. Vom Geist Gottes. Von Wundern. Von Heilungen. Ich horchte auf, als er sagte:

»Unsere Kommune geht auf Jesus von Nazareth zurück, für den du dich früher interessiert hast!«

Ich wehrte ab: »Jesus ist tot! Gescheitert wie so viele andere Propheten!«

»Nein, er ist nicht tot! Er wurde nach seinem Tod gesehen in verwandelter Gestalt!«258 Baruchs Redefluß war nicht zu bremsen.

Ich hatte Baruch einmal für das Leben gewinnen können, aber nicht für das Leben eines Kaufmanns. Ich konnte ihm nicht geben, was er in der Wüstengemeinde gesucht hatte: Geborgenheit in einer Gemeinschaft, die sich der Bosheit dieser Welt entzogen hatte. Jetzt hatte er gefunden, was er gesucht hatte!

Eigentlich hätte ich mich über seine Begeisterung freuen sollen. War sie nicht ein Kontrast zu seinem selbstzerstörerischen Verhalten in der Wüste? Oder war sie ein Rückfall in jenen Traum vom ganz anderen Leben, den er als Essener geträumt hatte? Wollte er mich mit seinem Traum anstecken? Aber er bewirkte nur, daß mir meine eigene Verletzlichkeit und Verletztheit bewußt wurde. Alles, was mit Jesus zu tun hatte, riß Wunden und Schmerzen auf. Alles erinnerte nur daran, daß man mit den besten Absichten in unheilvolle Zusammenhänge verstrickt werden kann. Baruch konnte nicht ahnen, was in mir vorging.

Aber vielleicht hatte Barabbas einen Ausweg gefunden? Vielleicht hatte ich wenigstens ihn für das Leben zurückgewonnen? Unbekümmert um Baruchs Redefluß las ich den Brief:

Barabbas wünscht Andreas

Schalom!

Verbrenne diesen Brief, sobald du ihn gelesen hast. Denn niemand darf ihn bei dir finden! Niemand darf wissen, was in ihm steht. Ich schreibe dir vor allem, um dir zu danken. Ich habe gehört, wie sehr du dich für mich eingesetzt hast. Ich bin knapp dem Tod entronnen. Der Preis war hoch. Ein anderer starb an meiner Stelle. Zwei meiner Freunde wurden mit ihm gekreuzigt. Seitdem frage ich mich: Warum traf es die anderen? Warum Jesus? Warum nicht mich?