»Marj«, begann er, nachdem er sich zu erkennen gegeben hatte, »haben Sie heute viele Policen für Flug Zwei ausgeschrieben?«
»Ein paar mehr als sonst, Mr. Bakersfeld. Aber bei allen anderen Flügen auch. Das ist bei solchem Wetter immer so. Für Flug Zwei habe ich ungefähr ein Dutzend gehabt, und ich weiß, daß Bunnie — das ist meine Kollegin — auch welche gehabt hat.«
»Ich möchte Sie um etwas bitten, Marj«, sagte Mel. »Lesen Sie mir doch mal alle Namen und die Beträge der Policen vor.« Als er spürte, daß sie zögerte, drängte er: »Wenn es sein muß, kann ich Ihren Bezirksinspektor anrufen und mir die Erlaubnis geben lassen. Aber Sie wissen ja, daß er sie mir gibt. Bitte, glauben Sie mir, daß es sehr wichtig ist. Wenn Sie es tun, können Sie mir viel Zeit ersparen.«
»Schön, Mr. Bakersfeld. Wenn Sie meinen, daß es in Ordnung ist. Es wird aber ein paar Minuten dauern, die Policen zusammenzusuchen.«
»Ich warte.«
Mel hörte, wie das Telefon hingelegt wurde und das Mädchen jemand vor dem Schalter um Entschuldigung für die Unterbrechung bat. Dann gab es ein Geraschel von Papieren und die Stimme der Kollegin, die fragte: »Ist irgendwas nicht in Ordnung?«
Mel bedeckte die Sprechmuschel mit der Hand und fragte Tanya: »Wie war der Name, den Sie haben — von dem Mann mit dem Koffer?«
Sie sah auf einem Zettel nach. »Guerrero oder vielleicht auch Buerrero; wir haben beide Schreibarten.« Sie sah Mel stutzen. »Vornamen D. O.«
Mels Hand war noch auf der Muschel. Seine Gedanken konzentrierten sich. Die Frau, die vor einer halben Stunde in sein Büro gebracht worden war, hieß Guerrero; er entsann sich, daß Leutnant Ordway das gesagt hatte. Es war die Frau, die der Flughafenpolizei auffiel, als sie ziellos in der Halle umhergewandert war. Ned Ord-way zufolge war sie verzweifelt und weinte; die Polizei konnte nichts Vernünftiges aus ihr herausbringen. Mel hatte mit ihr sprechen wollen, war aber nicht dazu gekommen. Er hatte die Frau im Vorzimmer aufbrechen sehen, als die Abordnung aus Meadowood hereinkam. Natürlich war es möglich, daß kein Zusammenhang bestand . . .
Durch das Telefon konnte Mel immer noch die Stimmen an den Versicherungsschaltern hören und dahinter den Lärm der großen Zentralhalle.
»Tanya«, sagte er ruhig, »vor etwa zwanzig Minuten war da draußen im Vorzimmer eine Frau — mittleren Alters, schlecht gekleidet, sie sah durchnäßt und verschmutzt aus. Ich glaube, sie ging, als die Leute aus Meadowood kamen — sie ist vielleicht noch irgendwo in der Nähe. Wenn sie noch draußen ist, bringen Sie sie herein. Wenn Sie sie finden, lassen Sie sie auf keinen Fall wieder weg.« Tanya sah ihn überrascht an. Er fügte hinzu: »Sie heißt Inez Guerrero.«
Als Tanya das Büro verließ, kam die Versicherungsangestellte wieder an den Apparat zurück. »Ich habe nun alle Policen, Mr. Bakersfeld. Soll ich die Namen vorlesen?«
»Ja, Marj. Los!«
Er hörte aufmerksam zu. Als gegen Ende der Name kam, hatte er ein Gefühl äußerster Spannung. Zum erstenmal hatte seine Stimme etwas Drängendes. »Sagen Sie mir mehr von dieser Police. Haben Sie sie selbst ausgeschrieben?«
»Nein. Das war Bunnie. Ich gebe sie Ihnen mal.«
Er hörte sich an, was die Kollegin zu sagen hatte, und stellte noch zwei oder drei Fragen. Es war nur ein kurzer Wortwechsel. Er brach das Gespräch ab und wählte eine andere Nummer, als Tanya wiederkam.
Zwar blickte sie ihn fragend an, aber das ignorierte er im Augenblick. Darum berichtete sie sofort: »Es ist niemand im ganzen Zwischenstock. Unten sind natürlich noch Unzählige, aber da kann man niemand herausfinden. Sollen wir sie ausrufen?«
»Das können Sie versuchen, obwohl ich da wenig Hoffnung habe.« Nach allem, was er von ihr gehört hatte, dachte Mel, würde nicht viel bis zu der Frau durchdringen, und der öffentliche Aufruf würde das auch kaum schaffen. Außerdem konnte sie den Flughafen inzwischen verlassen haben und unterwegs zur Stadt sein. Er machte sich Vorwürfe, daß er nicht, wie beabsichtigt, mit ihr gesprochen hatte, aber da waren ja die anderen Dinge gewesen. Die Abordnung von Meadowood, seine Sorgen um seinen Bruder Keith — Mel besann sich, daß er noch einmal zum Kontrollturm gehen wollte — nun, das mußte warten —, und dann war da noch Cindy. Schuldbewußt stutzte er, als er feststellte, daß Cindy gegangen war.
Er ergriff das Mikrofon für die Publikumsansage auf seinem Schreibtisch und schob es Tanya hinüber.
Da antwortete die Nummer, die er gewählt hatte. Es war die Polizeihauptwache. Mel sagte knapp: »Ich möchte Leutnant Ord-way sprechen. Ist er noch auf dem Flughafen?«
»Ja. Sir.« Mels Stimme war dem Sergeanten bekannt.
»Suchen Sie ihn, so schnell Sie können. Ich bleibe in der Leitung. Dabei fällt mir ein, wie war doch der Vorname der Frau, die Ihre Leute heute abend aufgegriffen haben? Ich weiß ihn, glaube ich, möchte mich aber vergewissern.«
»Moment, Sir. Ich sehe nach.« Nach einem Augenblick sagte er: »Inez, Inez Guerrero. Und den Leutnant haben wir bereits über seine Piep-Dose angerufen.«
Mel wußte, daß Ordway, wie viele andere im Flughafen, einen Taschenempfänger bei sich trug, der ein Pfeifsignal von sich gab, wenn man dringend verlangt wurde. Irgendwo eilte nun Ordway zweifellos zum nächsten Telefon.
Mel gab Tanya Anweisungen und schaltete dann die öffentliche Ansage ein, die alles andere im Flughafen übertönte. Durch die offenen Türen zum Vorzimmer und zum Zwischenstock hörte er, wie eine Flugansage der American Airlines mitten im Satz abgebrochen wurde. Nur zweimal während der acht Jahre seiner Direktion war diese alles übertönende Anlage benutzt worden. Die erste Gelegenheit — ein Markzeichen in Mels Erinnerungen — war die Ansage von Präsident Kennedys Tod gewesen, die zweite, ein Jahr darauf, als ein verlorengegangenes weinendes Kind direkt in Mels Büro gewandert war. Für gewöhnlich gab es reguläre Maßnahmen für die Behandlung verlorener Kinder, doch damals hatte Mel selbst das Mikrofon benutzt, um die verstörten Eltern aufzufinden.
Er gab Tanya ein Zeichen, mit der Ansage zu beginnen, sagte sich aber zugleich, er wisse eigentlich nicht genau, wozu sie diese Inez Guerrero brauchten, ja, er wisse nicht einmal sicher, ob da überhaupt etwas nicht in Ordnung sei. Aber sein Instinkt sagte ihm, daß irgend etwas Ernstes geschehen sei oder geschehen werde. Und wenn man vor einem Puzzlespiel stehe, sei es das richtigste und dringendste, alle Einzelteile zusammenzutragen und zu hoffen, sie mit Hilfe anderer so anordnen zu können, daß sie einen Sinn ergäben.
»Achtung! Achtung!« sagte Tanya in ihrer klaren und ungekünstelten, nun in jedem Winkel des Flughafens hörbaren Stimme. »Mrs. Inez Guerrero, oder Buerrero, wird gebeten, umgehend in das Büro des Flughafendirektors im Verwaltungszwischenstock zu kommen. Jeder Angestellte des Flughafens oder einer Fluggesellschaft kann den Weg zeigen. Ich wiederhole . . .«
Mels Telefon läutete. Leutnant Ordway war am Apparat.
»Wir brauchen die Frau«, sagte Mel. »Die, die vorhin hier war — Guerrero. Wir lassen sie ausrufen . . .«
»Ja, ich weiß«, sagte Ordway, »ich höre es ja.«
»Wir brauchen sie dringend. Ich erkläre Ihnen später . . .«
»Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?«
»In meinem Vorzimmer. Als sie mit Ihnen zusammen war.«
»Schön, sonst noch was?«
»Nur, daß es ein ernster Fall sein kann. Ich würde vorschlagen, alles andere abzubrechen. Setzen Sie alle Ihre Leute ein und ob Sie die Frau finden oder nicht, kommen Sie selbst schnell zu mir.«
»Schön.« Wieder ein Klingeln, als Ordway auflegte.
Tanya war mit ihrem Aufruf fertig und schaltete das Mikrofon ab. Mel hörte draußen eine andere Ansage beginnen: »Achtung!